PORT-AU-PRINCE. Der Fleck geht einfach nicht raus. Schwarz und fett glänzend hat sich das Motorenöl in den Stoff gefressen. Schon seit einer Viertelstunde hockt Emmanuelle vor dem Waschzuber und bearbeitet mit einem dicken Stück Kernseife das blau-weiß-karierte Herrenhemd. Die Mittagssonne brennt vom Himmel. Emmanuelle schwitzt, ihre Lippen sind zusammengekniffen, die Hände aufgesprungen von der Lauge. Um sie herum liegen ausgebreitet Hosen, Hemden, Stümpfe und im Halbschatten ein weinendes Baby.Emmanuelle kümmert sich um den Haushalt von Familie René. Während die anderen Kinder in der Schule sind, bringt sie die Wellblechhütte in Ordnung. Wasser vom Brunnen holen, Wäsche waschen, kochen. Dabei ist Emmanuelle selbst noch ein Kind. Auf acht Jahre schätzt sich das kleine Mädchen selbst. Ihr Geburtsdatum kennt sie nicht - und sie kennt niemanden, den sie danach fragen könnte.Ärmstes Land der westlichen WeltEmmanuelle ist eine kleine Haussklavin. Rund 300 000 Kinder leben als so genannte Restavèks in Haiti, arbeiten Tag für Tag, meist unter unwürdigen Verhältnissen in fremden Haushalten. Die Jungen und Mädchen stammen aus armen Familien vom Land, wo die Not noch größer ist als in der Stadt. Es gibt zu wenig Essen, die medizinische Versorgung ist schlecht und oft gibt es keine Chance auf Schulbildung. Haiti ist das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Erst wirtschafteten die gefürchteten Diktatoren Francois und sein Sohn Jean-Claude Duvalier - genannt Papa-Doc und Baby-Doc - das Land zugrunde. Anschließend stießen wechselnde Militärregimes und Präsident Jean Bertrand Aristide Haiti weiter ins Chaos.In der ehemals bedeutendsten und reichsten Kolonie Frankreichs, der "Perle der Antillen", gibt es heute keinen nennenswerten Reis- und Zuckerrohranbau mehr, kaum Industrie. Die wichtigsten Einnahmequellen sind Überweisungen von Familienmitgliedern, die im Ausland leben und die Hilfe von internationalen Organisationen. An dritter Stelle stehen - wenn auch schwer messbar - Gelder, die über den Drogen- und Waffenhandel ins Land kommen.Die Korruption blüht, die Eliten haben das Land verlassen. Rund 19 Prozent der Kleinkinder sind laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterernährt, die durchschnittliche Lebenserwartung der 9,4 Millionen Haitianer liegt bei 59 Jahren. Je schwieriger die wirtschaftliche Situation, desto mehr Eltern geben ihre Kinder als Haussklaven an Familien in die Stadt. Geld bekommen sie dafür nicht - ein hungriges Maul weniger stopfen zu müssen, ist für sie Gewinn genug.Die kreolische Bezeichnung "Restavèk" kommt vom Französischen "rester avec"- und heißt übersetzt "bei jemandem bleiben". Seit mehr als 200 Jahren gibt es dieses Phänomen in Haiti. Nach dem Ende der Sklaverei und der Erklärung der Unabhängigkeit 1804, war die Schuldknechtschaft gang und gäbe. Die Tradition, seine Kinder in die Obhut Fremder zu geben und kein Recht zu haben, sie je wieder zu sehen, ist geblieben. Und auch heute noch wird nur selten ein Kind von den Dienstherren mit seinem individuellen Vornamen angesprochen. "Garçon" - Junge, "Fille"- Mädchen, oder einfach "Petit Nègre" - kleiner Neger sind die gebräuchlichen Namen.Unrechtsempfinden den Kindern gegenüber ist selten. In der haitianischen Gesellschaft wird der Einsatz von Haussklaven kaum kritisch hinterfragt. Ein Restavèk gehört einfach dazu. "Wer sollte denn sonst die Arbeit übernehmen?", ist die einhellige Meinung in den Armenvierteln von Port-au-Prince. Die Wohlhabenderen leisten sich erwachsene Dienstboten.Auch die Regierung duldet die Kindersklaverei. Es gibt zwar in der Verfassung einen Passus, der Kindern "ein Recht auf Liebe, Zuwendung und Verständnis" zusichert und die "Freiheit der Arbeit" regelt, umgesetzt wird dies aber nicht. Die "Brigade de protection de Mineur", "Brigade zur Verteidigung von Minderjährigen" bei der Nationalen Polizei existiert pro Forma, tritt aber ebenfalls kaum in Erscheinung."In Haiti steht so vieles nur auf dem Papier", sagt Michael Huhn von Adveniat, dem LateinamerikaHilfswerk der katholischen Kirche. "Aber wer sollte die Einhaltung der Gesetze überprüfen? Etwa die Polizei?" Haiti sei kein funktionierender Rechtsstaat, sagt Huhn. "Ich will Ministerpräsidentin Michèle Pierre Louis nicht unterstellen, dass sie Haiti nicht zu einem besseren Land machen will, gar nicht. Aber ihr oberstes Ziel ist es, die Staatsmacht zumindest teilweise durchzusetzen. Kindersklaven haben dabei keine Lobby", sagt Huhn. Ihr Schicksal werde selten thematisiert und wenn, dann würden sie als "Domestique", als Diener bezeichnet. "Eine schlimme Verharmlosung", empört sich Huhn.Der zwölf Jahre alte Olrich kann sich an sein altes Leben kaum noch erinnern. Das Gesicht seiner eigenen Mutter erscheint nur noch verschwommen vor seinem geistigen Auge. "Es ist alles schon so lange her", sagt er. Sein Blick ist gesenkt, die Haltung geduckt. Vor acht Jahren hat ein fremder Mann den Jungen aus Les Cayes, im Südwesten der Insel, in die Hauptstadt Port-au-Prince gebracht. Ohne viele Fragen zu stellen, hatten die Eltern ihm ihren Sohn übergegeben.Inzwischen lebt Olrich bei Christian Antoine und dessen Familie. Im Dunkeln des fensterlosen Hauses sitzt das Familienoberhaupt stumm auf dem einzigen Stuhl. Der 65-Jährige ist schon seit Jahren krank. Seine Frau geht jeden Tag von Sonnenaufgang bis -untergang auf den Markt, verkauft dort Reißverschlüsse, Nähgarn, Knöpfe und Streichhölzer. Die Geschäfte gehen schlecht. Das Gefühl von Hunger ist Dauerzustand im Haus.Olrich steht mit einem Besen in der Hand im Türrahmen. Auf seinem Gesicht haben sich dunkle Flechten gebildet. Doch bei anderen Kindern in der Nachbarschaft ist das Stadium der Unterernährung noch weiter vorangeschritten: Ihre Haut ist schuppig, die Augen sind trüb, die Haare an den Schläfen haben eine rötliche Farbe angenommen und der Magen ist so sehr zusammen geschrumpft, dass er nur noch flüssige Nahrung aufnehmen kann.Das Leben in Haiti ist teuer. 150 US-Dollar Miete muss die Familie Antoine alle drei Monate an den Besitzer ihrer winzigen Hütte bezahlen, zwölf Quadratmeter ohne Wasser und Strom. Vater, Mutter und vier Kinder schlafen zusammen in einem alten Eisenbett. Körper an Körper liegen sie nachts nebeneinander auf der Matratze. Für Olrich ist kein Platz. Er zieht ein dickes Stück Pappe hinter dem Regal hervor - sein Nachtlager.Ein paar Meter weiter wohnt Roselaure. Am Morgen hat sie die drei älteren Kinder der Familie zur Schule gebracht und war unten am Fluss, um Wäsche zu waschen. Jetzt hockt sie vor der Hütte. Solange niemand daheim ist, kann Roselaure reden. Sonst hält sie lieber den Mund, um Ärger zu vermeiden. Die 14-Jährige erzählt, wie die Kinder der Familie sie schikanieren. "Wenn ich ihnen etwas verbiete, dann schwärzen sie mich abends bei der Tante an und erzählen, ich hätte sie geschlagen", sagt Roselaure. "Das ist gelogen, aber die Tante glaubt ihnen - nicht mir. Die anderen bekommen zu Weihnachten ein Geschenk, ich nicht." Trotz ihrer dunklen Haut sind Blutergüsse an Roselaures Unterarm zu sehen."Die Kinder haben keinerlei Rechte, werden wie Leibeigene behandelt, mit denen man tun und lassen kann, was man will", sagt die Ordensschwester Martha Vanrompay. Seit 35 Jahren lebt sie in Haiti. Die inzwischen 82-jährige Belgierin hat eine Bildungsinitiative für Restavèks gegründet, in der die Kinder auch psychotherapeutisch betreut werden. Gewalt und Missbrauch seien an der Tagesordnung, sagt sie. "Junge Mädchen bekommen Kinder von ihren Adoptivvätern. Oft wird ihnen das Baby nach der Geburt weggenommen oder die Schwangeren werden vor die Tür gesetzt. Sie sind dann ganz auf sich gestellt." Um zu überleben, bleibt für viele nur die Prostitution. In Vorort Gressier gibt es Nachtclubs, in denen junge Mädchen nackt mit den Besuchern tanzen müssen. Ihre Scham und die Demütigung tragen zu deren Amüsement bei.Gebrochenes Selbstbewusstsein"Es ist nicht so, dass die Menschen in Haiti schlechter sind als anderswo", sagt Martha Vanrompay. "Die Situation macht sie dazu." Viele männliche Restavèks durchbrechen die Opferrolle, indem sie sich den gefürchteten Banden anschließen, die bewaffnet durch die Straßen von Port-au-Prince marodieren. Doch die wenigsten Restavèks haben überhaupt die Kraft, sich aus ihrer Situation zu befreien und die fremde Familie zu verlassen. "Wie auch?", sagt Martha Vanrompay, "sie haben ein gebrochenes Selbstbewusstsein, wissen gar nicht, dass sie als Menschen überhaupt etwas wert sind."------------------------------Eigentlich ist Sklaverei seit 1794 verboten1511 wurde Haiti spanische Kolonie. Zur Zeit der Entdeckung durch Kolumbus lebten Arawak-Indianer auf der Insel. Sie wurden durch Fronarbeit und eingeschleppte Krankheiten ausgerottet. Deshalb holte man Sklaven aus Westafrika als Arbeitskräfte.1697 ging der westliche Teil der Insel an die Franzosen. Französische Kaufleute investierten in den Zuckerrohranbau und intensivierten den Sklavenimport aus Afrika.Nach der Französischen Revolution 1789 verbreiteten sich die Ideale von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit auch in den Kolonien. Das löste 1791 den Aufstand der schwarzen Sklaven auf Haiti aus. 1794 wurde die Sklaverei auf Haiti verboten. 1804 erlangte die Insel die Unabhängigkeit.------------------------------Karte: HAITIFoto: Sie sieht aus wie eine Achtjährige, ist aber schon 14: Roselaure muss für eine fremde Familie schuften und wird wie eine Leibeigene behandelt.