Philip Manyim konnte es zwei Stunden nach dem Zieleinlauf noch immer nicht begreifen. Erschöpft hatte er den Hotelsaal am Potsdamer Platz betreten und sich in die letzte Reihe gesetzt. Auf dem Podium schilderte die Japanerin Mizuki Noguchi gerade ihre Eindrücke, doch ob ihre Worte den Kenianer erreichten, ist zu bezweifeln. Er legte seine Stirn auf den Tisch und schlummerte eine Weile. Als er sich wieder aufrichtete, gähnte er, wieder und wieder. Es war einer der letzten Momente an diesem Sonntag, die Philip Manyim fast unbemerkt für sich hatte. Minuten später saß er selbst im Scheinwerferlicht, nun merkte er wohl zum ersten Mal, dass sich sein Leben geändert hat.2:07:41 Stunden betrug die Zeit, die er für seinen Wendepunkt benötigte. Es war erst der dritte Marathon, den der 27-Jährige in seiner Karriere bestritt, und schon ließ er die Konkurrenz hinter sich. Damit gewann zum siebenten Mal in Serie ein Kenianer den Berlin-Marathon. Manyim setzte sich bei Kilometer 29 von einer 15-köpfigen Spitzengruppe ab, er konnte die relativ hohen Temperaturen am besten verkraften. Für eine neue Weltjahresbestleistung reichte es allerdings nicht. 15 Sekunden blieb er hinter seinem Landsmann Martin Lel zurück, der im April in London nur 2:07:26 brauchte. Komplettiert wurde der kenianische Erfolg in der deutschen Hauptstadt durch Peter Chebet (2:08:58) und Jackson Koech (2:09:07), die sich ein spannendes Duell um Rang zwei lieferten.Dass jedoch Manyim siegte, hatte vor dem Start niemand erwartet. Er gehörte nicht zum Kreis der Favoriten. Die Rolle des schmückenden Statisten war ihm zugeteilt worden. So war es fast immer in seinem Leben als Läufer. Vermutlich flossen deshalb ein paar Tränen des Glücks: "Vieles wird jetzt anders", sagte Philip Manyim: "Vieles wird jetzt besser." Natürlich wird er die Prämie von 47 500 Euro für seine Familie ausgeben. Manyim ist in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, er wird seinen "Lebensstandard auf eine neue Ebene führen".Premiere in AmsterdamWomöglich wird er sich sogar ein bisschen ärgern, wenn der Jubel verhallt ist. Philip Manyim hat den Marathon spät entdeckt, vielleicht zu spät. Im vergangenen Jahr startete er in Amsterdam. Seine Zeit betrug 2:18:17. In diesem Jahr war er in Rom bereits mehr als zehn Minuten schneller. Jahrelang lief Manyim durch die Grauzone, er verdiente seinen Lebensunterhalt als Tempomacher für andere. Noch vor einem Jahr war er bei einem 3 000-Meter-Hindernislauf in Hengelo entnervt ausgestiegen. Während er anderen zum Aufstieg verhalf, stagnierte seine Karriere auf niedrigem Niveau. Nun hat er seine Zukunft gefunden.------------------------------Foto: Premierensieg: Der Kenianer Philip Manyim überquert die Ziellinie.