Die neue Familienministerin hat eine Vision einer Familienarbeitszeit. Eltern mit kleinen Kindern sollten keine Nachteile erleiden, wenn sie ihre Arbeitszeit beispielsweise von 40 auf 32 Stunden in der Woche reduzieren, so die Vorstellung von Manuela Schwesig. Die Arbeitgeber sollten auf die Wünsche von jungen Familien flexibel reagieren und der Staat sollte ihnen den Einkommensverlust wenigstens teilweise aus der Steuerkasse ausgleichen. Eltern wünschen sich ohnehin mehr Zeit für ihre Familie.

Doch wie es mit Visionen so ist, es muss sich jemand finden, der in der Lage ist, sie zu erklären, andernfalls droht dem Visionär die Empfehlung eines Arztbesuchs. Im Fall der Familienarbeitszeit ist die Erläuterung nicht ganz gelungen. Jedenfalls ist die Verwirrung um Kosten, Finanzierbarkeit und die Aussicht der Familienarbeitszeit auf eine praktische Umsetzung groß.

Vielleicht beginnt man mit der Intention, die dem Modell zugrunde liegt. Die Idee hatte die Friedrich-Ebert-Stiftung, als sie sich fragte, warum Wunsch und Wirklichkeit in der Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf so weit auseinander klaffen. Wenn sich so viele Eltern in Deutschland eine partnerschaftliche Aufteilung wünschen, warum sollte die Familienpolitik ihnen dann nicht entgegenkommen, ihnen einen finanziellen Anreiz geben? Immerhin weist der vom Bundesministerium in Auftrag gegebene Familienmonitor 2009 aus, dass etwa 60 Prozent der Väter ihre Arbeitszeit zugunsten der Familie reduzieren würden und drei Viertel der Mütter gern mehr als nur halbtags arbeiten würden.

Eben diesen gleichstellungspolitischen Ansatz verfolgt das Modell der Familienarbeitszeit. Gedacht ist es für Eltern und Alleinerziehende mit Kindern vom ersten bis zum vierten Lebensjahr, die bereit sind, jeweils 32 Stunden in der Woche zu arbeiten. In der Regel heißt das für die Frauen, ihre Arbeitszeit auf 80 Prozent der üblichen Wochenarbeitszeit auszudehnen und für die Männern, sie entsprechend zu reduzieren. Beide hätten mehr Zeit für ihre Kinder, die Familie hätte mit zwei Gehältern und dem Plus der Lohnersatzleistung eine solidere finanzielle Grundlage und den Wünschen von Frauen und Männern nach einer ausgeglicheneren Aufteilung der Arbeitszeit würde entsprochen.

Je nach Ausgestaltung der Lohnersatzleistung – das DIW hat zwei steuerfinanzierte Modelle im Auftrag der Ebert-Stiftung durchgerechnet – würde die Leistung zunächst bis zu 138 Millionen Euro jährlich kosten. Allerdings unterliegt diese Einschätzung einer wesentlichen Einschränkung. Bislang leben gerade einmal ein Prozent der Familien in Deutschland nach diesem 80:80-Prozent-Modell. Das DIW geht nach einer Simulationsrechnung davon aus, dass sich diese Zahl mit der neuen Leistung zunächst etwa verdoppeln würde.

„Relativ gesehen, wäre der Effekt groß“, sagt Katharina Wrohlich, eine der Autorinnen der DIW-Studie, „absolut bleibt die Zahl dagegen erst einmal gering. Wie sich die Kosten weiter entwickeln würden, sollte das Modell angenommen werden, lässt sich nicht seriös darstellen“, so Wrohlich. Das Arbeitsvolumen insgesamt aber steige und damit auch die Einnahmen über Steuern und Sozialabgaben. Gleichzeitig sinken die Kosten für Sozialleistungen.

Für die Bundesrepublik Deutschland wäre das Modell eine kleine Revolution. Viele ehe- und familienbezogenen Leistungen begünstigen die Einverdiener-Ehe, wie etwa das Ehegattensplitting, die beitragsfreie Mitversicherung von Ehegatten in der gesetzlichen Krankenversicherung, die steuerbefreiten Minijobs oder das Betreuungsgeld. Sie bieten vor allem den Frauen einen finanziellen Anreiz dafür, zumindest zeitweise aus dem Job auszusteigen oder aber ihre Arbeitszeit dauerhaft zu reduzieren. Der Mangel an Betreuungsplätzen tat ein Übriges, das traditionelle Modell „Papa verdient das Familieneinkommen und Mama verdient etwas dazu“ zu festigen.

Zwar hat Deutschland im OECD-Vergleich einen relativ hohen Anteil von erwerbstätigen Frauen, allerdings ist der überwiegende Teil von ihnen teilzeitbeschäftigt, mit entsprechenden Folgen für ihre Rentenansprüche. Lohnersatzleistungen wie das Elterngeld, das Anreize für eine partnerschaftliche Aufteilung von Familie und Beruf bieten soll, haben sich erst nach langen ideologischen Grabenkämpfen durchgesetzt. Die demografische Entwicklung aber zwingt Politik und Wirtschaft, umzudenken. Es ist also durchaus an der Zeit, sich über eine intelligentere Organisation der Arbeitszeit Gedanken zu machen.