In Frohnau sieht sich Berlin nicht mehr besonders ähnlich. Die Straßen sind leer, die Auffahrten grün, und in der Ortsmitte säumen Geschäfte einen kleinen Park: idyllisch wie im Grunewald, nur günstiger. Würde man alle Berliner Bezirke miteinander vergleichen, wäre Frohnau Test-Sieger.Bezirke hat Hans-Dieter Lösenbeck nie untersucht wahrscheinlich wohnt er intuitiv hier. Denn Lösenbeck ist der Herr des optimalen Preis-Leistungs-Verhältnisses: Über dreißig Jahre lang war er Chefredakteur der Zeitschrift "test" und hat dafür gesorgt, daß das Techniker-Deutsch aus den Prüflaboren in lesbare Artikel übersetzt wurde und die Datenmasse in Tabellen gerann, deren Glaubwürdigkeit in etlichen Fußnoten gipfelte.Mehr als 2 500 Warentests hatte Lösenbeck hinter sich, als er im April dieses Jahres vom Vorstand der Stiftung und seiner Redaktion in den Ruhestand verabschiedet wurde. Die schwerste Prüfung liegt freilich noch vor ihm: Ein Leben ohne "test", dafür mit langen Sitzungen auf der Terrasse und im Garten. Vor wenigen Wochen hat er zum ersten Mal in seinem Leben den Rasen vertikutiert.Erdbeeren statt CovergirlsEs war 1964, als der Bundestag beschloß, die Verbraucher institutionell vor falschen Investitionen zu warnen, und die Stiftung Warentest ins Leben rief. Zwei Jahre später erschien das erste "test"-Heft für stolze 1.50 Mark auf dem Titel eine blonde Hausfrauen-Darstellerin, die sich hingebungsvoll über eine Nähmaschine beugt. Ein wenig zu hingebungsvoll, weshalb die SPD-Abgeordnete Lucie Kurlbaum-Beyer alsbald im Bundestag nachfragte, ob denn das Hohe Haus mit ihr der Meinung sei, "daß es die Aufgabe einer mit öffentlichen Mitteln finanzierten Zeitschrift wäre, mit der Fülle und der Qualität der Verbraucherinformation zu arbeiten und nicht ein Heft mit Sex aufzuziehen." Lösenbeck war durchaus anderer Meinung, beugte sich aber der Politikerin und brachte auf dem Titelbild von Ausgabe 7 statt der Models erstmals gefrorene Erdbeeren.Solche Streitereien waren für den Chefredakteur der amüsantere Teil seiner Arbeit. Die wirklich gefährlichen Spielverderber lauerten bis zuletzt in den Rechtsabteilungen der Firmen, deren Produkte die Stiftung als nicht empfehlenswert einstufte und die daher darauf sitzenblieben. Zum ersten großen Prozeß kam es bereits in den siebziger Jahren, als ein Sportartikelhersteller klagte, weil seine Ski-Bindungen gleich zweimal durchgefallen waren. In einer historischen Entscheidung billigte der Bundesgerichtshof den Testern einen Freiraum hinsichtlich ihrer Untersuchungsmethoden zu, ohne den sie ihre Tätigkeit nicht ausüben könnten. "Das war für uns lebensnotwendig", erinnert sich Lösenbeck und läßt den Blick veteranenmäßig in den Garten schweifen. Auch der wichtige "Komposthäcksler-Prozeß" wurde im übrigen gewonnen. Man kann die Konsumenten gar nicht für doof genug halten so in etwa lautet neben der Unbestechlichkeit der zweite Glaubensgrundsatz der Zeitschrift. Von Anfang an war ihr kein Rat zu abwegig, um nicht erteilt zu werden. "Kaufen Sie für Vierzehnjährige runde Uhren", mahnte kryptisch das erste Heft, schließlich würden "Ostern rund 300 000 Mädchen und Jungen Armbanduhren als Geschenke erwarten." Und in der akuellen Ausgabe wird einem gewissen "Thilo N. aus Rheine" empfohlen, seine abgelaufene EC-Karte zu zerschneiden anstatt sie zu archivieren.Aber irgendwann ist auch der überflüssigste Tip gegeben, sind die Dämpfungseigenschaften sämtlicher Joggingschuhe ermittelt und alle Mineralwasser auf Keime untersucht. Was testen wir als nächstes, wird die Frage gewesen sein, die sich Lösenbeck in immer kürzer werdenden Abständen gestellt haben mag und die doch seine fleißigen Redakteure immer wieder aufs neue zu beantworten wußten. Vom Fußballstadion über Radwanderwege, vom Cellulitemittel bis zum Zahnersatz ja sogar sich selbst unterzieht "test" einer ständigen Prüfung. Tausende von Fragebögen werden jeden Monat an Leser verschickt, mit der Bitte, die Schwachstellen der Zeitschrift schonungslos zu benennen: Masochistischer kann ein Chefredakteur nicht sein.Test für Test entwickelte sich Lösenbeck über die Jahre selbst zu einem Schnäppchenjäger. "Seine private Neigung zur sparsamen Haushaltsführung kam auch der Stiftung Warentest zugute", sagen seine ehemaligen Kollegen, die ihrem Chefredakteur zum Abschied ein eigenes Heft gebastelt haben. Darin erfährt man, daß sich Lösenbeck während der Arbeit vorzugsweise von Tütensuppen ernährte, daß er durstig die Kneipe verließ, wenn das Bier drei Mark achtzig kostete, und daß die Redakteure ihn trotz seines Geizes mochten nicht zuletzt, weil er auch mit der Zeit sparsam umging. Lange Konferenzen waren ihm ein Greuel, und wenn er am Freitagnachmittag niemanden mehr an seinem Arbeitsplatz antraf, schimpfte er nur kurz und verließ Minuten später selbst das Haus. Ein Schlüsselerlebnis seiner frühen Amtszeit war, daß man mit einem Fernglas von Neckermann besser in die Ferne gucken konnte als mit einem fünfmal so teuren von Zeiss. Qualität muß nicht teuer sein niemand weiß das besser als Lösenbeck. Was er als Chefredakteur nie so recht wissen wollte, war, daß Qualität zuweilen teuer sein kann. Für die Illustrationen zum Beispiel gab er möglichst wenig Geld aus; wichtiger war ihm, allen Raum mit Nutzwert zu füllen Zeile für Zeile. Jüngere Leser wissen so etwas nur bedingt zu schätzen, weshalb der Abonnentenstamm gemeinsam mit Lösenbeck alterte. Erst kurz vor Schluß dünkte ihm, daß sich "test" mehr um den Nachwuchs kümmern muß am besten im Internet.Ansonsten gibt es in seinem Wirken wenig, was zur Abwertung führen könnte. Die Auflage ist zwar nicht mehr so hoch wie nach der Wende, als Millionen Ostdeutsche im Warendschungel nach Orientierung suchten mit ca. 700 000 Exemplaren ist sie aber immer noch stattlich. Und dann darf Lösenbeck noch von sich behaupten, daß er merklich zur Verbesserung der Waren und somit auch der Lebensqualität im Lande beigetragen hat. Welcher Journalist kann das schon.Auch privat wurde der "test"-Chef zur wandelnden Verbraucherzentrale. Familie und Bekannte erkundigten sich in regelmäßigen Abständen nach dem besten Tennis-schläger/Olivenöl/Radiorecorder. Und in der Tat kommt man nicht umhin, in Lösenbecks Haushalt permanent nach Testsiegern Ausschau zu halten. Wie gut hat wohl das Mineralwasser abgeschnitten? Ist das Toilettenpapier reißfest, die WC-Ente biologisch abbaubar? "Meine Frau kauft viel bei Aldi", sagt Lösenbeck weshalb man seine Frau aber nicht bedauern muß. Erstens schneiden Aldi-Produkte immer besonders gut ab, und zweitens ist selbst der Aldi in Frohnau ein angenehmer Ort.