So sehr Werner S. auch sein Gedächtnis anstrengt, die Schilderung der Minuten, die sein Leben verändern, bleibt bruchstückhaft. "Es ging ja alles so schnell", sagt er und preßt die Hände aufeinander. Wie hätte er sich da jede Einzelheit einprägen und bis heute merken können. "Es ist weg." Verdrängt, ausgelöscht, begraben.Aber die Last der Vergangenheit kann der 53jährige Arbeiter und ehemalige DDR-Grenzsoldat nicht einfach abschütteln. Des Totschlags ist er angeklagt. Einen Menschen soll er erschossen haben. Deshalb sitzt er im Saal 218 des Stendaler Landgerichts vor der Strafkammer. Konfrontiert mit Fragen, die sein Erinnerungsvermögen ebenso strapazieren wie sein Gewissen."Wenn der gute Mann stehengeblieben wäre", sagt S., "wäre das alles nicht gekommen." Das Unglück über ihn und sein Opfer. Aber Kurt Lichtenstein ist nicht stehengeblieben. Damals, am 12. Oktober 1961, als er die beiden DDR-Grenzsoldaten mit ihren Waffen im Anschlag sah. Er ist fortgelaufen, Richtung Grenze, die er kurz zuvor - von Westen kommend - überschritten hatte.Peter S., der damalige Postenführer, der jetzt mit auf der Anklagebank sitzt und schweigt, hat dem Flüchtenden "Halt, stehenbleiben" zugerufen. Und einen Warnschuß abgegeben. Danach hat er aus seiner Maschinenpistole gezielt gefeuert. "Schießen mußten wir", sagt Werner S. Also habe auch er mit seinem Karabiner "in die Luft geballert". Einmal, zweimal. Vielleicht auch mehr. Aber das weiß er nicht mehr so genau. "Dann ist der gute Mann umgefallen." Und er habe gedacht, sagt der Schütze, "hoffentlich ist es nicht so schlimm". Auf Reportagefahrt Von dem, was folgt, will der seinerzeit 18jährige nichts mehr mitbekommen haben. Nicht, wie der Postenführer den Schwerverletzten aus dem Grenzgraben auf DDR-Gebiet zurückzieht. Nicht, wie drüben auf niedersächsischer Seite aufgebrachte Passanten die Grenzer beschimpfen. Und auch nicht, wie der Angeschossene notdürftig verbunden und nach qualvoll langer Wartezeit weggebracht wird. Er wisse nicht einmal, sagt Werner S., ob er sofort oder später abgelöst worden sei.Seine Erinnerung setzt erst wieder ein, als ihm sein Kompaniechef am folgenden Tage mitteilt, daß der "Grenzverletzer" im Krankenhaus von Klötze seinen Verwundungen erlegen sei. "Schlimm" sei das gewesen. "Ich konnte tagelang nicht schlafen." Die Bilder verfolgten ihn. Und sie verschwanden auch nicht, als er mit Sonderurlaub und Beförderung belohnt und mit einer Medaille für "vorbildliches Verhalten" ausgezeichnet wurde.Der Tod von Kurt Lichtenstein erregt gewaltiges Aufsehen. Zum ersten Mal seit Errichtung der Berliner Mauer ist ein Mensch an der innerdeutschen Grenze erschossen worden. Nur weil er - ein Journalist auf Reportagefahrt - Gebiet betrat, das damals noch nicht durch Metallgitterzäune und Minenfelder gesichert war."Westdeutscher Provokateur verletzt Staatsgrenze", melden die DDR-Medien. "Er hat ein Schicksal erlitten", eifert Fernsehfunk-Chefkommentator Karl-Eduard von Schnitzler, "das alle erleiden werden, die einen Anschlag auf die DDR verüben." Von "hinterhältigem Mord" und "Schandgrenze" sprechen die West-Medien. "Diese ungeheuerliche Tat schreit zum Himmel", empört sich der sozialdemokratische Pressedienst. "Was den Mordbuben des Dritten Reiches nicht gelang, gelang nun den Schergen des Herrn Ulbricht."Daß die Bonner "Baracke" in den Chor der Entrüstung einstimmt, ist verständlich. Lichtenstein, Redakteur der in Dortmund erscheinenden "Westfälischen Rundschau", ist nicht nur Mitglied der SPD, sondern auch ein Genosse mit besonderer Vita. Jude, Widerstandskämpfer, Kommunist. Ein Abtrünniger, der seine Illusionen über die stalinistischen Regenten verloren hat und 1953 als "Verräter" aus der westdeutschen KPD ausgeschlossen wird.Bald wird kolportiert, Lichtenstein sei nicht wegen der Grenzverletzung erschossen, sondern auf höchste politische Weisung gezielt liquidiert worden. Ein Auftragsmord, wie auch seine Witwe Gertrud Lichtenstein glaubt. Ein Racheakt an einem Renegaten, der zu viel wußte und der als Gefahr empfunden wurde.Hat er nicht fast alle SED-Spitzengenossen persönlich gekannt? Der Sohn eines jüdischen Kaufmanns vom Prenzlauer Berg, der sich mit 20 Jahren den Kommunisten anschließt. Der nach der braunen Machtergreifung in Moskau geschult wird. Der bis zum Anschluß im Saarland gegen die Nazis agitiert. Der in Spanien in den Internationalen Brigaden kämpft und in der französischen Resistance. Der nach dem Krieg für die KPD in den Düsseldorfer Landtag einzieht und als Chefredakteur die kommunistische "Neue Volkszeitung" leitet. Früher habe er geglaubt, daß nur der Faschismus zu verabscheuungswürdigen Verbrechen fähig sei, schreibt Lichtenstein in einer "Erklärung" über die Motive seiner Abkehr vom Kommunismus. "Weil ich heute weiß, daß gleiche Verbrechen in der sogenannten DDR verübt werden, halte ich es für meine Pflicht, mich dagegen aufzulehnen und meine Stimme dagegen zu erheben."Mußte Kurt Lichtenstein deshalb sterben? Ist er in eine Falle gelaufen? Wußten die Machthaber der DDR, wer da an der Grenze recherchiert? Fragen, auf die es bisher keine schlüssige Antwort gibt. Die aber der Prozeß klären könnte. Vielleicht.Elfriede Assmann-Wehrstroh, eine der beiden Töchter, fallen "einige Ungereimtheiten" ein. Bevor ihr Vater losfuhr, um entlang der deutsch-deutschen Grenze das Schicksal getrennter Dörfer und ihrer Bewohner zu beschreiben, sei er auffallend nervös gewesen. Es gebe da etwas, worüber er erst nach seiner Rückkehr reden könne, habe er der Familie gesagt. Kein Draufgänger Daß er sich mutwillig einem Risiko ausgesetzt haben könnte, hält sie für ausgeschlossen. "Unser Vater war kein Draufgänger, der - um eine gute Story zu kriegen - sich selbst in Gefahr gebracht hätte." Tatsächlich geht Lichtenstein bei seiner mehrtägigen Dienstreise umsichtig vor.Als er gegen Mittag des 12. Oktober im Dörfchen Zicherie zwischen Uelzen und Wolfsburg eintrifft, holt er sich bei einem bundesdeutschen Zöllner Rat. Er habe gehört, daß die Straße zum Nachbarort Kaiserwinkel parallel zur Zonengrenze verläuft. Ob er die risikolos befahren könne. "Solange Sie sich auf der Straße aufhalten", sagt der Beamte, "besteht keine Gefahr."Mit seinem roten Ford Taunus, Kennzeichen: DO-CC-177, fährt der Reporter Richtung Süden. Beim Kilometerstein 6,5, am Ende eines Waldstücks, sieht er auf östlicher Seite auf einem Kartoffelfeld eine LPG-Brigade bei der Arbeit. Er hält an, nimmt seine Kamera, springt über den Graben, durch dessen Mitte die Grenze geht, und läuft über den geeggten Zehn-Meter-Kontrollstreifen. Direkt auf die Landarbeiter zu.Die am Waldrand versteckte Grenzstreife bemerkt er nicht. Als der Postenführer aufspringt, ruft jemand aus der Feldarbeiter-Kolonne dem Mann aus dem Westen etwas zu. Lichtenstein stutzt, sieht den Grenzer und rennt zurück. Der Soldat feuert aus seiner Maschinenpistole mehrere Salven. Der Flüchtende wird getroffen. Er taumelt und schleppt sich weiter bis zum Graben.Ein herbeigeeilter LPG-Bauer leistet erste Hilfe. Lichtenstein blutet aus der Hüfte. Ein Bein ist zerschmettert. "Helft mir, mein Bauch, mein Bauch", stöhnt der Verletzte. Und: "Laßt mich nicht sterben." Als weitere Grenzsoldaten eintreffen, müssen die Erntearbeiter das Feld verlassen. Erst nach etwa einer Stunde wird der Verwundete auf einer Decke weggetragen. Dann endlich kommt ein Sanitätswagen.Daß ihr Mann tot ist, erfährt Gertrud Lichtenstein einen Tag später. Doch die Bitte, den Leichnam nach Dortmund zu überführen, lehnen die DDR-Behörden ab. Ohne Zustimmung der Witwe wird er eingeäschert. Am 21. Oktober teilt ihr das Amt für Friedhofs- und Bestattungswesen in Magdeburg schriftlich mit, "daß die sterblichen Überreste (Urne)" am selben Tag per Post abgeschickt wurden.Zwei Wochen nach dem Tod findet in Dortmund die Trauerfeier statt. Ernst Lemmer, Christdemokrat und Gesamtdeutscher Minister, vertritt die Bundesregierung. Herbert Wehner, stellvertretender SPD-Vorsitzender, hält die Gedenkrede. Lichtenstein, sagt er, habe "auf seinem steinigen Lebensweg viel Ungemach auf sich geladen und manche schmerzliche Wunde empfangen". Zu den härtesten Schlägen habe die unwiderrufliche Erkenntnis gehört, daß die Menschheitsidee, der er sich verschrieben glaubte, als er Kommunist wurde, "als ein Trugbild an der Wirklichkeit zerbrach". Eine Vermutung Die ehrenden Worte, die dem toten Journalisten aus allen politischen Lagern der Bundesrepublik zuteil werden, stehen in schroffem Gegensatz zu der Art, wie der lebende in der Ära Adenauer behandelt wurde. Als er einen Entschädigungsantrag für seine von den Nazis umgebrachten Eltern stellte, wurde dies mit der Begründung abgelehnt, es sei nicht sicher, daß er mit seiner kommunistischen Vergangenheit auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehe. Kaum war er aber ein Opfer des DDR-Grenzregimes und damit ein Held der freien Welt geworden, wurde der Ehefrau und den Töchtern als seinen Erben die beantragte Entschädigungsleistung zugesprochen.Bei der Zentralen Erfassungsstelle in Salzgitter wird über den Todesfall eine Akte angelegt. Geflüchtete DDR-Grenzsoldaten erhärten mit ihren Aussagen die Annahme, Lichtenstein sei umgekommen, weil er den Schützen zu entkommen versuchte. Dennoch hält sich die Vermutung, der Journalist sei auf Befehl ermordet worden.Nach dem Ende der DDR geht Rainer Zunder, Redakteur der "Westfälischen Rundschau", dieser Spur nach. Bei seinen Recherchen, die er in dem Buch "Erschossen in Zicherie" zusammenfaßt, stößt er auf Umstände und Fakten, die die Liquidationsthese zu stützen scheinen.Die DDR-Behörden wußten offenbar, wer da auf der anderen Seite Informationen sammelte. Lichtensteins Fahrt entlang der Grenze wurde genau beobachtet. Ein früherer NVA-Soldat sagt aus, daß am Tage der "Grenzprovokation" strengste Geheimhaltungsvorschriften gegolten haben und Funksprüche verboten waren.Vor allem aber macht Zunder stutzig, daß in einer beim SED-Zentralarchiv aufbewahrten Dokumentation von vertraulichen Mitteilungen der Grenztruppen an das Politbüro ausgerechnet der Fall Lichtenstein fehlt. Und dies, obwohl sonst jeder kleinste "Grenzzwischenfall" bis in alle Einzelheiten festgehalten ist. War die Sache so "heiß", daß sie nur mündlich besprochen wurde? Oder hat jemand die Unterlagen verschwinden lassen, um Spuren zu verwischen? Fragen, die auch der Autor nicht beantworten kann. Die Vergatterung "Sie haben erst hinterher gemerkt, wen sie da erschossen hatten", sagen Experten, die sich mit der DDR-Regierungskriminalität befassen. Das würde auch erklären, warum Lichtensteins persönliche Habe - Personalausweis, Pressekarte, Schecks und Geldbörse - auf dem Schreibtisch von Stasi-Vizechef Bruno Beater landen. Daß die Tötung eines Mannes, der zeitweise gemeinsam mit Erich Honecker gegen die Nazis gekämpft hat, an der DDR-Spitze für Aufregung sorgen mußte, liegt auf der Hand.Aber wenn es keine politisch motivierte Ermordung war, warum dann die strikte und rücksichtslose Ausführung des Schießbefehls? Dafür gibt es eine plausible Erklärung. Am Tage, bevor Lichtenstein in Zicherie eintrifft, ist in diesem Grenzabschnitt ein LPG-Bauer in den Westen geflüchtet. Der Kompaniechef hat deshalb mächtig Ärger bekommen. Das dürfe nie wieder passieren, schärft er seinen Untergebenen bei der "Vergatterung" ein. Wenn wieder jemand illegal die Grenze überqueren wolle, sollten sie konsequent von der Schußwaffe Gebrauch machen.Und daran halten sie sich. Die beiden Männer, die zusammen mit ihrem wegen Anstiftung zum Totschlag angeklagten Ex-Vorgesetzten auf der Anklagebank sitzen. Besonders der frühere Postenführer. Kugeln aus der MP schlagen sogar im Westen ein und zerstören Scheiben von Lichtensteins abgestelltem Auto. Dabei sind die Schützen angewiesen, so zu zielen, daß die Geschosse nicht fremdes Territorium treffen."Uns geht es nicht um Rache", sagt Kurt Lichtensteins Tochter. "Wir möchten die Hintergründe erfahren. Wir wollen wissen, warum es so kommen, warum unser Vater sterben mußte." Sie und ihre Schwester Susanne sind bei dem Verfahren Nebenkläger. Doch außer von Werner S. hat sie von niemandem bisher ein Wort des Bedauerns gehört. +++