Dreiecksgeschichten sind nichts für die Ewigkeit, jemand ist irgendwann zu viel. Rosemarie und Franz Stadlers Beziehung zum Kino Filmkunst 66 in der Bleibtreustraße in Charlottenburg hat da schon recht lange gehalten. 39 Jahre lang hat das Ehepaar, lange Zeit in Alleinarbeit, das Programmkino in Charlottenburg geführt. "Unser Leben hat sich im Kino abgespielt, für das Privatleben hatten wir nur wenig Zeit", sagt Rosemarie Stadler.Vor einem Monat haben sich die Stadlers von ihrem Kino getrennt, die Film-und Fernsehproduzentinnen Regina und Tanja Ziegler führen das Traditionshaus weiter.Für ihre Arbeit in dem vielfach ausgezeichneten Programmkino erhalten Rosemarie und Franz Stadler heute die Berlinale-Kamera am Potsdamer Platz. Berlinale-Chef Dieter Kosslick überreicht den Preis, die drei kennen sich gut.Bestes Programmkino 2009Den Stadlers fällt es sichtlich schwer, sich an ihre neue Besucherrolle zu gewöhnen. Aus reiner Gewohnheit schaut Franz Stadler als erstes auf die Liste mit den Zahlen des vorigen Abends, Rosemarie Stadler will die Kaffeemaschine hinterm Tresen anschalten, so wie sie es in den vergangenen vier Jahrzehnten getan hat. Doch das geht ja jetzt nicht mehr.Das Ende kam nicht überraschend, es war geplant. 2009 verlieh die Bundesregierung den Filmleuten die Auszeichnung "Bestes Programmkino". Franz Stadler sagt, eine höhere Auszeichnung gebe es nicht."Wir hatten alles erreicht, was wir erreichen wollten." Ein guter Zeitpunkt, aufzuhören, ein Happy End nach 39 Jahren Kinogeschichte.Am 1. Oktober 1971 übernahm Franz Stadler, gelernter Filmkaufmann, das Kino, damals noch ein Flachbau mit einem Kinosaal für 400 Zuschauer. 1995 eröffnete an dieser Stelle ein Neubau, das Kino hatte nun zwei Säle mit 100 und 200 Plätzen.Franz Stadler galt in der Berliner Programmkinoszene als Pionier des Off-Kinos. Er zeigte keinen Mainstream in seinem Haus, er bot ein Genreprogramm: Krimis, Science-Fiction, Western, Unbekanntes. "Wir wollten die Filme junger und unbekannter Regisseure zeigen, ein neues Publikum gewinnen" sagt er. Im Filmkunst 66 liefen Stummfilme mit Livemusik, Filmreihen und Fantasyfestivals, Wochen des chinesischen Films, Festivals für Zeichentrickfilme, eine Reihe mit 70 Donald-Duck-Filmen, auch mal eine Porno-Reihe.Franz Stadler wählte seine Filme nach Gefühl aus. Er schaute sich die Neuerscheinungen in den Pressevorführungen an, er konzentrierte sich auf die Reaktionen der Filmkritiker um ihn herum. Lachten sie, war das ein gutes Zeichen, der Film könnte gut laufen. Bis zum Schluss brauchte er oft nicht schauen. Die Entscheidung, ob ein Film gut oder schlecht sei, fällte er nach spätestens 20 Minuten, sagt Stadler, so lange läuft eine Filmrolle. Bei Filmen wie "Alles auf Zucker" von Dani Levy und "Brot und Tulpen" mit Bruno Ganz hatte Stadler das richtige Gespür, diese Filme konnte er wochenlang in seinem Kino zeigen, bevor andere Betreiber zugriffen.Doch ob Stadler seinen Wunschfilm bekam, hing auch stets vom Verhalten der anderen Kinos ab. Bestellten größere Häuser, etwa das Delphi oder das Cinema Paris, Stadlers Favoriten, bekam er sie nicht, entschieden die Verleihe. Stadler sagt, das Prinzip habe gelautet: "Sagten die großen Kinos Nein, dann bekam ich den Film."Doch die Stadlers verzweifelten nicht an der Konkurrenz und den Gesetzen der Filmwirtschaft. Stammgäste kamen, junge Leute und Filmemacher, viele Nachbarn. "Die Leute haben sich mit unserem Kino identifiziert", sagt Franz Stadler.Und so war jeder Tag für das Paar ein langer Kinotag mit Arbeitsteilung. Er suchte die Filme aus, sie führte vor, kümmerte sich um den Einkauf, Buchhaltung, Organisation und Finanzen. Rosemarie Stadler sagt, wenn ihr Mann mal einen freien Tag hatte, dann habe er auch zu Hause gearbeitet: Texte für seine Flyer entworfen und sogar auch die Sonntage im Büro verbracht. Das war einfach: Die Stadlers wohnten gleich neben ihrem Kino.Ende Februar ziehen Rosemarie und Franz Stadler aus Berlin fort, in Langenberg in der Nähe von Gütersloh, leben die Kinder. "Wir sind großstadtmüde geworden", sagt Rosemarie Stadler. Aber noch lange nicht träge: Einen kleinen Kinokeller wollen sie sich in ihrem neuen Heim einrichten, mit digitaler Technik - mehr als tausend DVDs mit Spielfilmen hat Franz Stadler im Laufe der Zeit gesammelt und geschenkt bekommen, auch ein Buch will er schreiben, "Filmroute 66" wird es heißen. Darin stehen 66 Geschichten, die die Kinobetreiber in all den Jahren erlebt haben. Von dem Liebespaar, das im Kino während des Films "Harold und Maude" ein Kind gezeugt haben will, Harold heißt der Junge. Oder die Geschichte von dem Sado-Maso-Paar: Die Frau führte den Mann am Halsband ins Kino, der Mann sah den Film flach am Boden liegend. Auch über Jack Nicholson will Stadler schreiben. Der Schauspieler erschien bei einer Berlinale zur Mitternachtsvorstellung eines Films eines Freundes im Kino. "Er kam zu spät, trug eine Sonnenbrille und quetschte sich im Dunkeln in eine Reihe", sagt Stadler. "Die Zuschauer waren ziemlich überrascht, als am Ende des Films das Licht anging."Einen Besuchstermin in Berlin haben Rosemarie und Franz Stadler fest geplant. Am 1.Oktober hätten sie ihr 40-jähriges Jubiläum feiern können. Die neuen Besitzerinnen wollen dann ein Fest geben. Stadlers kommen als Gäste in ihr altes Kino.------------------------------Foto: Ein Leben für das Kino: Rosemarie (64) und Franz Stadler (70) fühlten sich im Filmkunst 66 vier Jahrzehnte lang zu Hause. Jetzt ist damit Schluss.Foto: Neue Besitzerin: Regina Ziegler führt jetzt das Kino.