4. November 1989: In Berlin demonstrieren eine Million Menschen mit Witz und Biss gegen die SED - und die Herrscher entlarven sich selbst: Als die Bürger ihre Sprache wiederfanden

BERLIN, 3. November. Am Morgen des 4. November 1989 hat Henning Schaller "ein merkwürdig flaues Gefühl". Gegen neun Uhr treffen die ersten Demonstranten auf dem Berliner Alexanderplatz ein und rollen ihre selbst gefertigten Transparente aus. Da schießt dem Mitglied der Initiativgruppe Berliner Künstler der Gedanke durch den Kopf: "Du organisierst hier etwas mit, was eigentlich mit dem System nicht vereinbar ist."Immer mehr Leute strömen auf den Platz und formieren sich zum Protestmarsch. Sie tragen Schilder und Spruchbänder mit Texten, wie sie im SED-Staat noch nie zuvor gezeigt worden sind. Bissig, witzig und provokativ. "Eure Politik ist zum Davonlaufen" "Rücktritt ist Fortschritt" "Mein Vorschlag für den 1. Mai, die Führung zieht am Volk vorbei". Eine Kampfansage an die noch regierenden Kommunisten. Für solche Parolen, sagt Schaller, "wäre man ein paar Wochen zuvor noch in den Bau gegangen". Mitarbeiter der Stasi versuchen, die Demonstranten wieder nach Hause zu schicken. Die Kundgebung sei überflüssig, argumentieren sie. Die SED-Führung habe doch schon viele Forderungen der Bürger erfüllt. Aber die Menschen lassen sich nicht mehr aufhalten. "Die Protestierenden waren herausgetreten aus dem Schutzraum der Kirchen auf einen großen, freien Platz", sagt Schaller. "Das war die neue Qualität."Zu spät wach gewordenWas sich vor seinen Augen an Sprachwitz und Ideenreichtum entfaltet, lässt Schallers Zweifel und Bedenken immer weiter schwinden. "Die Menschen", so wird dem Bühnenbildner vom Maxim Gorki Theater bewusst, "haben ihre Sprache wiedergefunden." Spontan kommt ihm die Idee, die Transparente und Bilder für die Nachwelt zu bewahren. "Die sollten wir nachher einsammeln", sagt er zu einem Kollegen. Als Exponate für eine Ausstellung. Und als Beweisstücke einer neuen politischen Kultur mündiger Bürger.Heute, zehn Jahre nach der größten Demonstration in der Geschichte der DDR, hängt am Versammlungsort wieder ein Transparent. "Wir waren das Volk", steht in riesigen Lettern am früheren Haus des Lehrers. Was denkt Henning Schaller, der damalige Mitinitiator und Kundgebungsleiter, wenn er heute diesen Spruch liest? "Ich finde den Satz traurig, ein bisschen zu wehmütig", sagt der jetzige Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Er verbinde mit diesem Tag keine Spur von Melancholie. Damals habe das Volk, vertreten durch fast eine Million Demonstranten, die bewegende Kraft zur Veränderung, zum Aufbrechen eines erstarrten Regimes entdeckt. Und den Mut, vorenthaltene Rechte von den Herrschern einzufordern. "Die Leute, die damals auf dem Alex gewesen sind, haben das Recht, darauf stolz zu sein."Schaller, Jahrgang 1944, Spross einer bürgerlichen Familie aus Altenburg in Thüringen, hat selbst lange gebraucht, bis er die Courage fand, sich dem Missbrauch der Macht entgegenzustellen. "Wir sind viel zu spät wach geworden", sagt er heute über sich und seine Künstlerfreunde. "Wir haben uns zu lange als Untertanen verhalten." Sicher, die Bürgerrechtler, die sich mit der Diktatur anlegten, habe man insgeheim bewundert. "Aber wir haben nur bequem vor dem Fernseher gesessen und nichts gemacht." Das änderte sich erst im Herbst 1989. Nach den Vorstellungen diskutierten die Schauspieler mit den Zuschauern über die politische Situation. Über Stagnation, Massenflucht und die Lügen in den gelenkten Medien. "Da sind Leute aufgestanden", erinnert sich Schaller, "und haben angefangen, die Krankheitssymptome der Gesellschaft zu beschreiben." Ohne Scheu vor Maßregelung. Er selbst trat dem Neuen Forum bei.Die Ausschreitungen der Polizei am 7. Oktober, die Verhaftungen und Straßenschlachten, rüttelten die Künstler endgültig wach. Einige wollten mit einem Theater-Boykott auf die Repressionen reagieren, andere schlugen vor, auf die Straße zu gehen. Schließlich wurde eine Initiativgruppe aus Vertretern verschiedener Theater und Künstlerverbände gebildet, die bei der Volkspolizei um Erlaubnis für eine Demonstration nachsuchten. Man erwarte bis zu 30 000 Personen, gaben die Initiatoren zu Protokoll.Partei und Stasi versuchten von Anfang an, die Leitungsgruppe mit ihren Leuten zu durchsetzen. "Die wollten nicht, dass die Demo stattfindet", sagt Schaller. "Oder nur in ihrem Sinne." Von Dialog war die Rede. Aber die Mehrheit des Gremiums ließ sich die Regie nicht aus der Hand nehmen. Ihr ging es nicht um politische Kosmetik, sondern um Protest, um den revolutionären Druck der Straße. "Hier muss ein Geschwür aufgeschnitten werden", beschwor Schaller seine Mitstreiter.Die Behörden versuchten, die Künstler hinzuhalten. Die Bearbeitung des Antrages werde länger dauern. Über den vorgesehenen Termin des 4. November hinaus. Erst als die Organisatoren erklärten, sie würden auch ohne Genehmigung die Leute mobilisieren, lenkte die Polizei ein.Im Präsidium der Volkspolizei, bei Kaffee und Keksen, wurde eine "Sicherheitspartnerschaft" verabredet. Die Künstler sicherten zu, sich beim Protestzug an die vorgegebene Route, weitab der Mauer, zu halten. Im Gegenzug akzeptierten die Sicherheitsbehörden, dass die Demonstranten eigene Ordner stellten. Für sie wurden grün-gelbe Schärpen angefertigt. Aufdruck: "Keine Gewalt".Um die Rednerliste gab es in der Initiativgruppe anfangs Streit. Er sei dafür gewesen, Vertreter aller gesellschaftlich relevanten Gruppen einzuladen, sagt Schaller. Nicht nur Bürgerrechtler und Dissidenten. "Ich wollte, dass auch SED-Leute sprechen." Schaller setzte sich durch. So kam, nach Markus Wolf, auch Günter Schabowski zu seinem Auftritt. Wie ein Volkstribun sei der Ostberliner Parteisekretär vors Mikrofon getreten, erinnert sich Schaller. Mit der Erwartung, auf die Demo im Sinne der Genossen einwirken zu können. Aber dann wurde er, vor den Kameras des DDR-Fernsehens, das live berichtete, gnadenlos ausgepfiffen. "Hört zu und reagiert dann", appellierte Schaller vom Pritschenwagen herab an die Versammelten. Heute sagt er: "Es hat wunderbar geklappt. Schabowski hat sich selber entlarvt."Die Demonstration, mit Abstand betrachtet, habe den Zerfall und den Untergang der DDR beschleunigt, sagt der damalige Moderator. Aber das hätten die Veranstalter seinerzeit weder beabsichtigt noch klar erkannt. "Das ist uns nicht in den Sinn gekommen. Wir sind angetreten, um zu reformieren, nicht um die Mauer wegzurammen."Nach dem 4. November wurde vorgeschlagen, eine weitere Kundgebung zu organisieren. Die Initiativgruppe wollte das mehrheitlich nicht. "Wir wollten nicht denselben Fehler machen, der in Leipzig begangen worden ist", sagt Schaller. Dort habe die Montags-Demo ihren Charakter verändert. Plötzlich seien die Leute mit den nationalen Parolen an der Spitze gewesen. "Die sind nicht nur im Kreis marschiert, die haben auch im Kreis gedacht." "Wir wollten das vermeiden. Wir wollten nicht stehen bleiben bei der Demonstration, sondern den nächsten Schritt tun." Den habe man darin gesehen, über alternative Gesellschaftsmodelle nachzudenken. Dazu hatte die Gruppe einige Wochen später Wissenschaftler und Intellektuelle in den Friedrichstadtpalast eingeladen. Aus Ost und West. Bei diesem Forum sollte debattiert werden, wie es weitergehen könne. Mitten in die Veranstaltung platzte die Nachricht, dass Alexander Schalck-Golodkowski, der oberste Devisenbeschaffer der DDR, sich in den Westen abgesetzt habe. "Da ist uns die Versammlung auseinander geflogen", erinnert sich Schaller. Aufgebracht zogen die Teilnehmer vor das Gebäude des Zentralkomitees. Und anschließend zu Ministerpräsident Hans Modrow. Sie verlangten, die Betriebe des Schalck-Imperiums unter Polizeischutz zu stellen, damit nichts weggeschafft werden könnte. Weitere Treffen der Initiativgruppe kamen nicht mehr zu Stande. Das habe sich, sagt Schaller, nach der Grenzöffnung irgendwie verlaufen.Am Abend des 4. November haben Henning Schaller und seine Freunde im "Berliner Ensemble" mit der westdeutschen Grünen-Politikerin Antje Vollmer zusammengesessen. Die Abgeordnete habe sie eingeladen, im Februar 1990 zu einer Veranstaltung in der Evangelischen Akademie nach Tutzing zu kommen. Thema: Nachdenken über den Dritten Weg. Er sei dort nicht mehr hingefahren, sagt Schaller. "Da war politisch bereits alles gelaufen."BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMANN Henning Schaller, damals Bühnenbildner am Maxim Gorki Theater, war Mitinitiator der Demonstration und leitete die Kundgebung.