Der 4. November 2011: In einem brennenden Wohnmobil in Eisenach liegen die Leichen von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos; in Zwickau explodiert wenige Stunden später die Wohnung, in der die beiden jahrelang zusammen mit Beate Zschäpe lebten. In Fahrzeug und Wohnung werden anschließend die Tatwaffen von zehn unaufgeklärten Morden, Beute aus ebenfalls ungeklärten Banküberfällen und mehrere DVDs gefunden, auf denen sich die völlig unbekannte Organisation Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) zu einer Mordserie bekennt.

Man kann auch sagen: Den deutschen Sicherheitsbehörden fiel an diesem Tag die Aufklärung einer terroristischen Verbrechensserie in den Schoß, von deren Existenz sie bis dato gar keine Ahnung hatten. Das spektakuläre Ende des NSU-Trios, das fast 14 Jahre lang im Untergrund lebte, ist bis heute rätselhaft geblieben. Was daran liegt, dass die Ermittler die Geschehnisse des 4. November 2011 nie aufgeklärt haben. Dabei sind die Rätsel jenes Tages der Schlüssel zur Frage, ob es sich beim NSU nicht doch um eine größere Terrorgruppe handeln könnte und ob deren Treiben den Behörden über all die Jahre tatsächlich so verborgen geblieben ist, wie sie es behaupten.

Kein Zutritt zum Tatort Wohnmobil

Zwei Landtags-Untersuchungsausschüsse in Thüringen und Sachsen nehmen seit Monaten die Abläufe dieses 4. November unter die Lupe. Und sie hören Zeugen, die von Ermittlern bislang nie befragt wurden. Diese Zeugen konnten den Parlamentariern mehrere bislang unbekannte Details berichten, die neue Fragen aufwerfen.

Der Einsatzleiter der Eisenacher Berufsfeuerwehr etwa gab an, dass seinen Leuten der Zutritt zu dem ausgebrannten Wohnmobil von der Polizeiführung vor Ort verboten wurde. Selbst eine Nachkontrolle, bei der üblicherweise nach Glutnestern gesucht wird, untersagte man ihnen.

Fragen wirft auch der Abtransport des Fahrzeugs auf. Warum verblieb das Wohnmobil nicht am Tatort, so wie es in vergleichbaren Fällen üblich ist, um Leichen und Waffen zu bergen und die Spurensicherung zu ermöglichen? Nur drei Stunden nach den tödlichen Schüssen ließ der Polizeieinsatzleiter gegen den Rat der Kriminaltechniker das Auto in die Garagenhalle eines Abschleppunternehmens bringen. Durch den Transport, das bestätigten mehrere Experten im Erfurter Untersuchungsausschuss, habe sich die Spurenlage im Fahrzeug deutlich verändert. „Im Nachhinein lässt sich nicht mehr eindeutig rekonstruieren, was zum Zeitpunkt X in dem Wohnmobil tatsächlich passiert ist“, sagte einer von ihnen aus. Das betrifft auch die bislang nicht eindeutig geklärte Ursache des Feuers, das Mundlos innerhalb von Sekunden und angeblich ohne Brandbeschleuniger im Fahrzeuginneren unmittelbar vor seinem Suizid angefacht haben soll.

Zschäpe wusste schnell Bescheid

Rätsel gibt es auch um das Feuer in der Zwickauer Frühlingsstraße. Zschäpe soll angeblich, nachdem sie vom Tod ihrer beiden Freunde erfahren hat, den Inhalt eines Zehn-Liter-Kanisters Benzin in der Wohnung verteilt und in Brand gesetzt haben, heißt es in der Anklageschrift des Münchener NSU-Prozesses. Als sie auf der Straße vor dem Haus war, riss eine Detonation die Fassade auf. Dem Brandgutachten zufolge dürfte es aber mindestens eine halbe Stunde gedauert haben, bis sich ein solch explosives Luft-Gas-Gemisch in der Wohnung bilden konnte. Hatte sich Zschäpe also noch 30 Minuten lang in der Wohnung aufgehalten, inmitten des ausgebrachten Benzins, um dann gerade noch rechtzeitig das Haus zu verlassen? Und wie hat sie das Feuer überhaupt gezündet? Auch dafür gibt es bislang keine Erklärung.

Ungeklärt ist schließlich auch die Frage, woher Beate Zschäpe überhaupt vom Tod ihrer beiden Freunde in Eisenach erfuhr. Zweieinhalb Stunden nach den tödlichen Schüssen im Wohnmobil muss sie die Nachricht erhalten haben. Das rekonstruierten die Fahnder anhand des Internetverlaufs von Zschäpes Computer am 4. November 2011. Aber auf welchem Weg kam die Nachricht zu ihr?

Und noch ein Rätsel: Kurz nach ihrer Flucht aus der Frühlingsstraße wird Zschäpes Handy angewählt. Durch die Funkzellenauswertung erfahren die Ermittler die Nummer des Anrufers – sie gehört zu einem Handy, das auf Sachsens Innenministerium zugelassen war. Dieses Mobiltelefon ist das Diensthandy des Zwickauer Kriminaldauerdienstes (KDD). Der KDD-Beamte aber, der am 4. November 2011 in der Frühlingsstraße im Einsatz war und dieses Handy dabei hatte, schwor vor dem Dresdner NSU-Untersuchungsausschuss Stein und Bein, er habe Zschäpe nicht angerufen. Wer aber war dann der geheimnisvolle Anrufer?