Beim Berliner Jazzfest 2006 fand der große Jubiläums-Gig der ersten deutschen Free-Jazz-Großformation statt: 1966 hatte Joachim Ernst Berendt dem Pianisten und Komponisten Alexander von Schlippenbach das Gründungskonzert seines Globe Unity Orchesters in Berlin ermöglicht. Zum krönenden Ausklang des Jazzjahres 2007 gibt es jetzt die CD: Globe Unity - 40 Years (Intakt). Und kein Album würde wohl besser zu diesem seltsamen Berliner Jazzjahr passen: Ausgerechnet frei improvisierte Musik lieferte im Jazzfest-Monat November den Soundtrack zur besten und angesagtesten Jazz-Party: mit Peter Brötzmann im Schlot Club.Die Politisierung des Jazz habe damals bewirkt, dass die Musiker ihre Geschäfte in die eigenen Hände nahmen, dass Musikerkollektive wie die Berliner Free Music Production gegründet wurden, die eigene Konzertreihen und Festivals organisierten und von Marktkriterien weitgehend unabhängig auch Platten produzierten, die gemeinhin als unverkaufbar gelten, berichtet Schlippenbach anlässlich seiner neuen CD. Als er mit dem Free Jazz anfing, waren traditionelle Formen verboten. Das habe sich zwar überlebt, sagt er heute, doch neben stolzen Soli der teils weit über 60-jährigen Musiker brillieren auch Neuzugänge wie der Bassklarinettist Rudi Mahall, der Posaunist Jeb Bishop und der Trompeter Axel Dörner. In letzter Zeit sei alles ein bisschen ausgefranst, findet Schlippenbach, da konzentriere er sich auf das, was ihm wertvoll sei: Improvisation.Im Gespräch mit dem afroamerikanischen Globe-Unity-Posaunisten George Lewis wird zudem deutlich, das FreeJazz auch Disziplin fordert: Schlippenbach habe Lewis für diese Aufnahmen jedenfalls untersagt, seine "little instruments", kleine Flöten und so, zu benutzen, und er hätte kein Problem damit gehabt, diesen Wunsch zu erfüllen. Von Schlippenbachs Arrangements profitieren vor allem jene unter den 15 Solisten, die sich nicht gegen die sich überlagernden Klangstürme des Orchesters behaupten mussten, sondern Entwicklungsraum für den eigenen Ton bekamen. Diese Gelegenheiten füllten herausragend der durch einen Schlaganfall sichtlich geschwächte Trompeter Kenny Wheeler mit nach wie vor zauberhaftem Ton in seiner Komposition "Nodago", wie auch Axel Dörner, geräuschvoll gut, in der Steve-Lacy-Komposition "The Dumps".Globe Unity ist auch eine Geschichte von Brüchen. In den Liner Notes zur Platte zum 20-Jährigen, 1986, berichtete Schlippenbach auch von handgreiflichen Auseinandersetzungen: Peter Brötzmann und Peter Kowald gingen eigene Wege und auch der in diesem Jahr jäh verstorbene Posaunist Paul Rutherford. In jüngster Zeit hatte Rutherford beklagt, dass er in London keine Auftritte mehr habe und für einen Nachtclub als Türsteher jobben müsste. Auf der aktuellen CD, die in Baden Baden und beim JazzFest Berlin aufgenommen wurde, ist er noch einmal zu hören. Sein ebenfalls teilnehmender Posaunenkollege George Lewis berichtet in den Liner Notes, dass Rutherford vor gut 30 Jahren seine Ansichten über Soundproduktion nachhaltig verändert habe.------------------------------Foto: Alexander von Schlippenbach gründete 1966 das Free-Jazz-Orchester.