Der 6. Oktober 1989 war ein schöner, ruhiger Herbsttag. Der DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker und sein russischer Gast Michail Gorbatschow hatten sich zwar schon in ihre dunklen Mäntel geworfen. Doch andere Funktionäre liefen noch im Jackett über die Straßen.

Die Lage in der Deutschen Demokratischen Republik war derweil alles andere als schön und ruhig. Rund einen Monat vor dem Fall der Mauer hatten die SED-Eliten den von ihnen seit einiger Zeit als Reformer gefürchteten Generalsekretär der KPdSU nach Ost-Berlin eingeladen. Michail Gorbatschow und seine Frau Raissa sollten mit den Genossinnen und Genossen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands den 40. Gründungstag der Republik feiern.

Aber genau in dieser Zeit erlebte die DDR die größten Demonstrationen seit dem 17. Juni 1953. In Ost-Berlin, Leipzig, Dresden, Potsdam und Plauen gingen Zehntausende auf die Straßen, mühsam in Schach gehalten von den Mitarbeitern der „Sicherheitsorgane“.

Brisante Äußerungen

Zumindest rückblickend glich das Jubiläum eher einer Beerdigung. Die einen wie die anderen ahnten das wohl schon: Denn so fröhlich-offensiv die Besucher aus Moskau auftraten, so defensiv verhielten sich seine Gastgeber. Sie standen für jedermann sichtbar und auf Bildern dokumentiert mit dem Rücken an der Wand.

Alles begann mit Gorbatschows Empfang auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld. Honecker war damals schon 77 Jahre alt, zudem frisch operiert und hakte sich bei dem knapp 20 Jahre jüngeren Gorbatschow unter. Er erschien also als genau das, wofür man ihn hielt: ein kranker Mann. Für krank hielt man ja auch sein Land. Der Gast aus Moskau löste sich bald aus der Umklammerung, um auf die wartenden Menschen zuzugehen, die man für seine Begrüßung ausgesucht und herangefahren hatte. Er sah ein Potjomkinsches Dorf.

Als sich die Kolonne ins Ost-Berliner Zentrum in Bewegung setzte, wartete ebenfalls ein weithin ausgewähltes Publikum an den Straßen, vor allem Mitglieder der Freien Deutschen Jugend in ihren blauen Hemden. Die SED-Führung hatte ansonsten sowohl die Zeit der Ankunft Gorbatschows als auch die Wegstrecke des Konvois geheim gehalten. Der oberste Politiker jener Führungsmacht, auf die jahrzehntelang immer Verlass gewesen war, hielt sich gewissermaßen inkognito in der Stadt auf. Mit Demonstranten, die sich in diesen Tagen in der DDR immer häufiger auf die Straße wagten, war an der Strecke nicht zu rechnen. Danach fand eine Kranzniederlegung statt an der Neuen Wache Unter den Linden zu Ehren der Opfer des Faschismus. Gorbatschow hatte bis dahin noch kein einziges offizielles Wort gesagt.

Das änderte sich. Und je öfter der Erneuerer aus dem Kreml sich öffentlich äußerte, desto mehr wurde die Visite für die DDR-Oberen zum Desaster. Das erste Mal ergriff Gorbatschow das Wort, als er im Anschluss an die Kranzniederlegung auf eine Gruppe Journalisten zuging, unter denen sich auch Medienvertreter aus dem Westen befanden. Freimütig beantwortete er deren Fragen.

Die Geste war ungewöhnlich genug und entsprach eher demokratischen Gepflogenheiten als autoritären Verhältnissen. Aber auch die Äußerungen des 58-Jährigen hatten es in sich. Auf die Frage, ob er die Situation in der DDR für gefährlich halte, antwortete der Generalsekretär lächelnd: „Ich denke nicht!“