SYDNEY, 25. September. Am Montagabend, um 20.12 Uhr Ortszeit, war Catherine Freeman im Ziel. Am Ziel ihres Lebens, werden die australischen Zeitungen am Dienstag schreiben. Und sie werden den 25. September zum zweiten "Australia Day", zum zweiten Nationalfeiertag erklären. So wie sie es schon seit Wochen getan haben. Jeden Tag, in jeder Ausgabe, manchmal drei Mal binnen 24 Stunden. Ungeachtet aller Schwimm-Weltrekorde des Ian Thorpe und seiner Staffelkameraden - dieser Lauf über eine Stadionrunde, den Freeman nach exakt 49,11 Sekunden beendete, wird als der eigentliche Höhepunkt des olympischen Spektakels in die Sportgeschichte eingehen.Freeman hatte für sich zu siegen, für Australien, für ihr Völkchen der Aborigines, für Medienmenschen, für Politiker, für den Erfolg der Spiele und vieles andere mehr. "Es ist Zeit für das Urteil: Cathy wird gewinnen", hatte die Zeitung "The Olympian" noch am Montag getitelt. Ein bisschen viel für einen 400-m-Lauf. Ein bisschen viel für eine kleine, zarte Frau. Als Freeman das Stadium Australia betrat, tausende Blitzlichter zuckten und 110 000 Menschen ihren Namen schrien, war sie einmal mehr überwältigt. "Ich war total nervös", sollte sie später sagen, "eine Stimme in meinem Kopf hat mir gesagt: Tu was du kannst, tu was du kannst. Ich habe nur auf diese Stimme gehört."Den letzten Angriff abgewehrtIn einem gelb-grünen Laufanzug, gewandet also in die australischen Nationalfarben, raste Freeman über den Kunststoffbelag. Eingangs der Zielgeraden wurde sie hart von der Jamaikanerin Lorraine Graham bedrängt. Für Momente unterbrach ein ungläubiges Raunen den Jubelsturm in der riesigen Arena. Bis klar wurde, dass Freeman in der Lage war, auch diesen letzten Angriff abzuwehren. Niemand im Stadion saß mehr auf seinem Platz, als Freeman über die Ziellinie lief. Jeder wusste, dass er teilhaben durfte an einem großartigen Augenblick, den Freeman als "jenseits der Worte" beschrieb. Freeman ließ sich nur wenige Meter hinter dem Ziel auf die Bahn plumpsen. Sie zog die Kapuze vom Kopf, entledigte sich ihrer Laufschuhe und saß da, zwar beobachtet von Milliarden Menschen an Fernsehern in aller Welt, irgendwie doch ganz allein. Es hat tatsächlich keiner Worte bedurft, um zu begreifen, was in jenen Minuten in ihr vorgegangen war. Sie fühlte unendliche Erleichterung. Die Gewissheit, ihre Mission erfolgreich beendet zu haben, verschaffte ihr nicht nur eine Gänsehaut nach der anderen; ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr. Selbst wenn sie gewollt hätte, sie war zu schwach zum Lächeln, zu schwach zum Lachen. Sogar zum Weinen hat die Kraft nicht mehr gereicht. Einen der schönsten Sätze des Abends hat wohl die Drittplatzierte gesagt, die Waliserin Katharine Merry: "Ich durfte an einem besonders schönen Rennen teilhaben, mit Cathy in diesem Stadion, ich fühlte mich wie auf dem Mond." Tränen flossen erst bei der Siegerehrung. Um 21 Uhr, 17 Minuten und 53 Sekunden war es endlich so weit. Kevan Gosper, IOC-Mitglied aus Australien, schmückte Cathy Freeman mit dem kleinen Stückchen Gold, für das sie sich so verzehrt hatte. Das war der Moment, in dem die Masse in der Arena ihre Heldin zum ersten Mal lachen sah.Nachdem die Nationalhymne verklungen war und die Fotografen die drei Medaillengewinner mit einem weiteren Blitzlichtgewitter eingedeckt hatten, marschierte Freeman mit ihrem großen Blumenstrauß geradewegs zur Haupttribüne. Es sah zunächst so aus, als wolle sie die Blumen ins Publikum schmeißen. Doch da kam auch schon ihre Mutter ein paar Ränge heruntergerannt, Freeman beugte sich weit über die Absperrung und reichte der Mutter den Strauß. Eine einfache Geste, die man so ähnlich oft beobachten kann - doch in der Dramaturgie dieses Abends, unter den Schreien der Hunderttausend, geriet selbst diese einfache Geste zu einem wunderbaren Moment. Später hat Freeman auf der Pressekonferenz natürlich doch noch versuchen müssen, ihre Gefühle zu beschreiben, als sie da auf der Bahn pausierte, als sie die Medaille bekam, als die Hymne ertönte, als sie ihre Mutter beschenkte - und überhaupt. Freeman hat viele Fragen gar nicht richtig mitbekommen. Ein halbes Dutzend Mal musste sie nachfragen: "Entschuldigen Sie bitte, was wollten Sie noch mal wissen. Es tut mir Leid, ich bin so zerstreut."Die 27 Jahre alte Frau saß zwar da oben auf dem Podium, doch in Gedanken war sie an einem geheimen Ort. Als dann noch ein Schlaumeier erklärte, Freeman hätte die 100. olympische Goldmedaille für Australien errungen, die zweite Goldene (nach der Hockeyspielerin Nova Perris-Kneebone 1996 in Atlanta) und die erste in einer Individualsportart für eine Aborigine, das sei doch sicher alles enorm wichtig für sie und für ihr Volk, da antwortete Freeman: "Ich muss mal zurückgehen in den Busch und jemanden fragen, was das bedeutet. Im Moment weiß ich es nicht." Der Abend war überfrachtet mit Symbolen und Zahlen. Zu viel für einen sportlichen Wettbewerb. Laufen ist natürlich wie atmenSelbstverständlich sollte Freeman die zwei bislang bewegendsten Momente der Spiele, die jeweils nur eine Hauptdarstellerin hatten, vergleichen. "Die olympische Flamme zu entzünden, hat mich nicht ganz so sehr bewegt", sagte sie, "das ist etwas ganz Anderes, als zu laufen. Laufen ist so natürlich wie das Atmen. Bei der Eröffnungsfeier aber musste ich einem Ablaufplan, dem Willen anderer Leute folgen. Ich hatte Angst, etwas falsch zu machen, und Angst, ins Wasser zu fallen.""Erleichterung", das war das Wort, das Cathy Freeman immer wieder benutzte. "Ich war unendlich erleichtert, als ich da im Zielbereich saß. Ich habe die Emotionen all der Menschen im Stadion gespürt, ihre Freude und ihren Spaß." Wie lange dieses Gefühl anhalten und wie sehr sich ihr Leben nach dem Olympiasieg verändern wird, wurde Freeman gefragt. Im Geschäftlichen wird es sicher ein paar Änderungen geben, antwortete sie, "aber in meiner kleinen privaten Welt wird hoffentlich alles beim Alten bleiben. Ich werde morgens aufstehen, frühstücken, meine Zähne putzen und versuchen, glücklich zu sein."Die eigene Weltbestzeit verbessert // Cathy Freeman verbesserte im 400-Meter-Endlauf die eigene Jahres-Weltbestzeit um 37 Hundertstelsekunden. Am 18. August war sie in Monaco 49,48 Sekunden ge-laufen.Nach den zwei WM- Titeln (1997/99) setzt die Australierin nun auch bei den Olympischen Spielen ihre Siegesserie fort. 1996 in Atlanta war sie Zweite geworden.Mit Lorraine Graham Jamaika/49,58), Katharine Merry (GB/47,72), Donna Fraser (GB/49,49) und Ana Guevera (Mexiko/49,96) blieben vier weitere Läuferinnen unter 50 Sekunden.REUTERS/GARY HERSHORN Auch äußerlich eine Ausnahmeerscheinung auf der olympischen Tartanbahn: Cathy Freeman rennt im geschlossenen Laufanzug zum Sieg.REUTERS/JERRY LAMPEN Mit den Fahnen Australiens und der Aborigines: Cathy Freeman.