Sie führt durch das gewienerte Treppenhaus des alten Fabrikgebäudes in Kreuzberg in den zweiten Stock, wo an diesem Tag ihr Arbeitsplatz ist. Ein Yoga-Studio, lichtdurchflutet, helles Parkett, wandgroße Spiegel. Sylvia Kossendey spricht über die Räume, als seien es ihre eigenen. "Schön, oder?" fragt sie. Das Studio ist auch deshalb so schön, weil Sylvia Kossendey es gerade liebevoll geputzt hat. Nur weiß sie noch nicht so recht, ob sie diese Arbeit nun gut finden soll oder nicht. "Denn ich will ja eigentlich nicht als Putze enden", sagt die 51-jährige Frau, die ihre Sonnenbrille locker ins Haar geschoben hat.Selbstständig statt arbeitslosSylvia Kossendey muss wohl keine Angst haben, ihr Arbeitsleben als Putzfrau abzuschließen. Denn die gelernte Bauzeichnerin hat eine Art, die ihr das Leben erleichtert und sie immer Auswege finden lässt. Wenn sie redet, sprudelt sie vor Ideen. "Ich bin eben ein positiver Mensch", sagt sie, "es geht immer irgendwie weiter". Vielleicht hat sie deshalb nicht gezögert, als ihr die Frau vom Arbeitsamt empfahl, einen Kurs für die "Generation 50 plus" zu belegen, für jene Menschen, die noch vor zwei oder drei Jahren auf dem Arbeitsmarkt als unvermittelbar galten.Das Besondere an dieser "Maßnahme" war, dass sie in der Berliner Handwerkskammer stattfand. Das Fortbildungsprojekt "Berliner Bär" aus Pankow hatte die Kammer dafür gewonnen, das Wissen ihrer Gewerbe-Profis zu nutzen, um ältere Arbeitslose wieder in Lohn und Brot zu bringen. So fand sich Sylvia Kossendey unter fünfzehn Menschen zwischen 50 und 58 Jahren wieder, die sich testen, befragen und "coachen" ließen - um herauszufinden, welche Qualitäten sie besaßen und wie man diese nutzen könne.Nach wenigen Tagen nahm eine Kursleiterin sie zur Seite. "Frau Kossendey, Sie sind so zupackend und aufgeschlossen", sagte sie, "wollen Sie sich nicht selbständig machen?""Da musste ich einen Moment schlucken", erinnert sich Sylvia Kossendey. "Ich war, wenn ich Arbeit hatte, immer angestellt gewesen, 30 Jahre lang. Aber dann habe ich mir gesagt, warum nicht."Die Kursleiterin machte ihr auch gleich einen Vorschlag: "Was halten Sie davon, einen Familienservice zu gründen? Sie sind patent, arbeiten gern mit Menschen - und die Dienstleistungsbranche boomt." Das war die Idee: Hilfe anzubieten rund um Haushalt und Kinder, Zielgruppe berufstätige junge Paare.Nun ging alles recht schnell, Konzept, Finanzierungsplan, Genehmigung einer monatlichen Starthilfe vom Arbeitsamt. "Die Bürokratie war weniger schlimm, als ich befürchtete", sagt Sylvia Kossendey. Den ersten Auftrag konnte die Kursleiterin ihr auch gleich vermitteln. So hatte ihr Ein-Frau-Unternehmen, als sie es im Mai startete, bereits Arbeit für vier Tage in der Woche. Sie betreute die siebenjährige Tochter einer Familie in Frohnau. Der achtjährige Sohn hatte gerade eine Operation überstanden, und seine Mutter, eine Rechtsanwältin, war gemeinsam mit ihm zur Rehabilitation gefahren.Der Vater, Vertriebsleiter einer großen Firma, konnte sich nicht frei nehmen. "Also habe ich den Haushalt geführt, das Kind von der Schule abgeholt und mit ihm die Hausaufgaben gemacht", sagt Sylvia Kossendey. Und das Honorar stimmte. Sie berechnet 12 Euro pro Stunde. Um weitere Kunden zu finden, ließ sie sich in die Kartei professioneller Vermittlungen wie "Familienservice.de" aufnehmen. Auf diese Weise fand sie wenig später noch eine Familie, die Hilfe im Haushalt brauchte. Jetzt hofft sie, über Mundpropaganda weitere Jobs zu bekommen. "Es gibt so viele Berufstätige, die nicht alles allein schaffen. Und ich bin zuverlässig und erfahren."Zu Sylvia Kossendey scheint die Selbständigkeit gut zu passen, vielleicht, weil sie im Innern schon immer selbständig war. "Ich bin gesund, ich kann arbeiten, und ich will arbeiten", sagt sie. Sie war schon fortbildungshungrig und flexibel, als dies noch nicht als oberste Pflicht am Arbeitsmarkt galt, damals in der DDR. Die Chance, aus ihrer Heimatstadt Stralsund nach Berlin zu wechseln, ergriff die Postfacharbeiterin 1978 sofort. "Ich wollte mich weiterentwickeln." Als sie zwei Jahre später von einer freien Stelle im Berliner Fernmeldebauamt hörte, stellte sie sich sofort vor - und bekam den Job. "Ich hatte das nicht gelernt, aber ich traute es mir zu", sagt sie. Die Fachkenntnisse erwarb sie im Abendstudium zur Technischen Zeichnerin. Zwei Jahre vor der Wende begann Sylvia Kossendey wieder etwas Neues und wechselte zur Postwerbung. Jeden Sommer betreute sie zudem Kinder in einem Ferienlager.Als sie 1989 selbst schwanger wurde, kündigte sie - und musste nach Ende des Mutterjahres erleben, dass es im neuen Deutschland keine Arbeit mehr für sie gab. Der Kindesvater hatte sich aus dem Staub gemacht. "Gottseidank bekam ich Arbeitslosengeld" sagt die noch immer jung wirkende Frau. Sie erkannte vor allem, dass ihr Fortbildungen neue Arbeit und neue Horizonte eröffneten. "Man muss ständig umdenken, umlernen, sonst geht man unter."Immer wieder FortbildungSylvia Kossendey folgte dem Rat des Arbeitsamtes und setzte sich 1992 ein Jahr auf die Schulbank, um technisches Zeichnen am Computer zu lernen. "Ich hatte noch nie einen Computer bedient, aber als ich fertig war, habe ich fünf Programme beherrscht." So gerüstet, konnte die allein erziehende Mutter in ein kleines Lichtenberger Architekturbüro vermittelt werden, in dem sie dann insgesamt 13 Jahre verbrachte, zunächst bei guter Auftragslage. Sie zeichnete Grundrisse von Büros, Garagen, Supermärkten. Doch 1999 brach die Baukonjunktur ein. Sylvia Kossendey konnte nur noch wochenweise beschäftigt werden und war in den Pausen wieder vom Arbeitslosengeld abhängig.Als die Arbeit im Büro dann völlig ausging, im Herbst 2006, wurde ihr bewusst, dass sie wieder ganz von vorn anfangen musste, auch mit 50 Jahren. "Obwohl ich natürlich noch voller Energie stecke", sagt sie lächelnd. Bauzeichner werden nicht mehr gebraucht, denn die Architekten bedienen die Zeichenprogramme nun selbst. Wenn sie sich irgendwo bewarb, erhielt sie häufig nicht einmal eine Antwort. Da kam ihr die Fortbildung bei der Handwerkskammer gerade recht.Sylvia Kossendey sagt, sie sei sparsam und bescheiden, ein Büro brauche sie nicht, auch kein Auto, im Urlaub fährt sie an die Ostsee. Aber sie bezahlt ihrem lernbehinderten Sohn die Ausbildung zum Computer-Kaufmann. Darauf ist sie stolz. "Ich habe eben nie aufgegeben", sagt sie. Das bedeutet, auch Aufträge anzunehmen, die ihr weniger liegen. Wie im Yoga-Studio, das jemand suchte, der aufräumt und sauber macht. "Eigentlich ist es ja auch Haushaltshilfe", hat sich Sylvia Kossendey gedacht, "und solange das Putzen allgemein nicht überhand nimmt - warum denn nicht?"------------------------------Bereit zum Lernen50-Plus-Impulse: Internationale Vergleiche belegen, dass in beschäftigungspolitisch erfolgreichen Ländern, wie den USA, der Schweiz, Norwegen oder Dänemark die Erwerbsbeteiligung älterer Menschen wesentlich höher ist als in Deutschland. Die bei der Integration älterer Arbeitnehmer vorbildlichen Staaten stehen dabei zugleich auch für eine höhere wirtschaftliche Dynamik.Vergleich: Die Beschäftigungsrate älterer Arbeitnehmer zwischen 55 und 64 Jahren liegt im internationalen Vergleich in der Europäischen Union im Durchschnitt bei 40 Prozent, während sie in den USA fast 60 Prozent und in der Schweiz knapp 65 Prozent beträgt. Deutschland liegt mit 38 Prozent noch unter dem EU-Durchschnitt.Ältere Arbeitslose: Eine geringe Erwerbsbeteiligung älterer Arbeitnehmer ist ein Warn-Indikator für die strukturelle Schwäche des Arbeitsmarktes. Denn damit einher geht eine hohe Arbeitslosenquote der Älteren. In Deutschland sind über eine Million Arbeitslose älter als 50 Jahre; davon mehr als die Hälfte länger als ein Jahr.Arbeitsmarkt Berlin: In Berlin waren im August dieses Jahres von insgesamt 262 254 Arbeitslosen fast 54 000 älter als 50 Jahre beziehungsweise 50 Jahre alt. Damit bilden die Älteren mit 20,5 Prozent nach den Frauen (44,3 Prozent) den prozentual größten Anteil an den Arbeitslosen in der Stadt.Langfrist-Projektion: Das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat in einer Langfrist-Projektion ein Szenario für die Entwicklung des Arbeitsmarktes entworfen. Danach wird sich die Unterbeschäftigung in Deutschland bis 2020 in etwa halbieren. Da die Zahl jüngerer Nachwuchskräfte sinke und sich das Bildungsniveau der Bevölkerung nicht weiter erhöhe, würden ältere Beschäftigte "künftig das größte Reservoir bilden, aus dem qualifiziertes Personal zu gewinnen wäre", schreibt das IAB.Altersteilzeit: Über Vorruhestand und Altersteilzeit entledigen sich derzeit immer noch viele Unternehmen ihrer älteren Arbeitnehmer auf Kosten der Allgemeinheit. Wer Jahrgang 1954 ist und gerade mal die 50 überschritten hat, dem macht Volkswagen derzeit das Angebot, mit 58 Jahren und sechs Monaten nach Hause zu gehen. Rückt ein junger Facharbeiter nach, wird das vom Staat noch subventioniert.Hohe Bereitschaft: Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung möchten 77 Prozent der Erwerbstätigen bis zum Erreichen des Rentenalters beruflich aktiv bleiben. Eben so viele sind entschlossen, die eigene Beschäftigung durch kontinuierliche Weiterbildung zu stärken.Gezielte Fortbildung für Ältere: Mit 250 Millionen Euro fördert der Bund seit dem 2006 verabschiedeten Gesetzentwurf "Initiative 50 Plus" die Wiedereingliederung älterer Langzeitarbeitsloser in Projekten wie "Berliner Bär". Darin bilden das Jobcenter Pankow und die Handelskammer Berlin gemeinsam mit einer GmbH vor allem arbeitslose Akademiker über 50 Jahren zu Beratern für Berliner Handwerks- und Kleinbetriebe fort.------------------------------Grafik: Prognose für Beschäftigung (1991-2020). Ab 2020 nähern sich auf dem Arbeitsmarkt Nachfrage und Angebot anGrafik: Altersstruktur Erwerbspersonen (1990-2050). Ältere Beschäftigte bilden künftig das größte Arbeitskräfte-Reservoir.------------------------------Foto: Sylvia Kossendey ist 51 Jahre alt und wuchs als Tochter eines Werftarbeiters in Stralsund auf, wo sie nach der Schule eine Lehre zur Postfacharbeiterin absolvierte. 1978 ergriff sie die Chance und ließ sich zur Post nach Berlin "delegieren". Immer wieder bildete sie sich weiter und fand dadurch neue Arbeit, vor und nach der Wende.Vor vier Monaten machte sie sich nach einer Fortbildung bei der Berliner Handwerkskammer selbstständig. Sie bietet Hilfe rund um den Haushalt, für Kinder und Senioren an - Dienstleistungen, die nachgefragt werden.Foto: Bringt Beschäftigung: Arbeit in privaten Haushalten.------------------------------Arbeitsplatz Berlin: Erfolgsgeschichten sind fix geschrieben, wenn der Aufschwung kommt. Im Arbeitsalltag sieht es oft anders aus: Wie hoch ist der Druck? Wer wird abgeschrieben? Wer bekommt neue Chancen? Die Berliner Zeitung berichtet in 20 Porträts vom Strukturwandel aus der Sicht der Betroffenen.Am Montag: Eingewandert und erfolgreich