In den vergangenen zwei Jahren gab es in Berlin mehrere Prostituierten-Morde. Die Polizei ist jetzt dabei, Fall für Fall zu lösen. Gestern präsentierte sie den in Südamerika wegen Sexualdelikten inhaftierten Arzt Gerd Wenzinger aus Berlin als den sogenannten Havel-Ripper. Er soll die Prostituierte Dana Franzke umgebracht und zerstückelt haben. Erst vor wenigen Wochen war ein anderer Arzt als mutmaßlicher Mörder einer Prostituierten festgenommen worden.Auf den mutmaßlichen Mörder der Prostituierten vom Straßenstrich an der Kurfürstenstraße stießen die Ermittler vor elf Tagen. "Damals ging bei uns ein Hinweis aus einer Polizeidienststelle aus dem alten Bundesgebiet ein", sagte gestern der Leiter der 1. Mordkommission, Karl Flohr. Dieser Hinweis enthielt den Namen des mutmaßlichen Mörders der 23jährigen Frau sowie den Tatort: Schönerlinder Weg 57, Berlin-Karow - das Grundstück des 53jährigen Arztes Gerd Wenzinger. U-Haft im Ausland Dort hielt sich der nicht mehr praktizierende Allgemeinmediziner auch zur Tatzeit auf. "Wir sind bei der Durchsuchung des Grundstückes und der Gebäude auf eindeutige Beweise für den Mord an Dana Franzke gestoßen", berichtete Flohr. Was das für Belege waren, darüber schwieg der Chefermittler aus "ermittlungstaktischen Gründen". Laut Flohr steht Wenzinger im dringenden Verdacht, im Juni 1994 Dana Franzke auf seinem Grundstück ermordet und dann zerstückelt zu haben. "Dazu hat er aber kein Laser-Skalpell benutzt, wie es oftmals erwähnt wurde", stellte Karl Flohr fest. Die Leichenteile warf der Arzt in den Oder-Havel-Kanal. Bei Borgsdorf (Kreis Oberhavel) wurden sie wenig später gefunden."Der mutmaßliche Täter sitzt derzeit wegen Sexualdelikten im Ausland in Untersuchungshaft", erklärte der Kriminalist. Bekannte von Wenzinger sprechen von Brasilien, da der Arzt dort regelmäßig seinen Urlaub verbringt. Die Staatsanwaltschaft Berlin hat bereits ein Auslieferungsersuchen gestellt. Es ist nicht ausgeschlossen, daß Wenzinger weitere Morde begangen hat. "Allerdings haben wir bisher keine Hinweise, daß der Arzt auch etwas mit dem Tod von Sabrina Graf zu tun hat", ergänzte der Chefermittler. Die 19jährige Graf, die ebenfalls auf dem Straßenstrich in der Kurfürstenstraße ihr Geld verdiente, war nur vier Monate nach dem Tod von Dana Franzke umgebracht und ebenfalls zerstückelt worden. Gegen Gerd Wenzinger liefen schon mehrere Ermittlungsverfahren, unter anderem wegen Vergewaltigung und sexuellen Mißbrauchs von Kindern. Auch in Berlin war ein Verfahren wegen Vergewaltigung und Nötigung anhängig. Es wurde im Oktober 1993 eingestellt. Zulassung entzogen Wenzinger stammt aus Stuttgart. Dort eröffnete er 1978 eine eigene Praxis. 1990 stellte sich heraus, daß der Mediziner Frauen bei der Untersuchung heimlich gefilmt hatte. Auf Anordnung des Regierungspräsidiums Stuttgart ruhte daraufhin seine Approbation. Wenig später wurde ihm die Zulassung entzogen. Wenzinger verkaufte seine Villa und zog nach Berlin. Hier erwarb er 1991 das Grundstück im Schönerlinder Weg.Dort herrschte gestern Aufregung. Nachbarn beschrieben Gerd Wenzinger als netten und höflichen Mann, der selten anzutreffen gewesen sei und viele Freundinnen gehabt habe. Eine Nachbarin, die gestern erstmals ein Foto von Dana Franzke sah, will die 23jährige bei Wenzinger gesehen haben. "Er hat sie mir damals als neue Freundin vorgestellt", erinnerte sich die Frau. Auch die Prostituierte Sabrina Graf will sie Arm in Arm mit dem Mediziner gesehen haben.Die Polizei ist sich nach dem jetzigen Ermittlungserfolg sicher, daß der vor kurzem inhaftierte Hautarzt Dr. Stefan Sch. nichts mit dem Mord an Dana Franzke zu tun hat. Sch., der in manchen Medien schon als Prostituierten-Serienkiller verurteilt worden war, sitzt aber weiterhin wegen Mordes und versuchten Totschlags in Untersuchungshaft. Er soll nach Auffassung der Staatsanwaltschaft im März dieses Jahres eine Prostituierte mit einem Messer und einem Hammer schwer verletzt haben. Bei der Wohnungsdurchsuchung entdeckten die Fahnder ein Polaroid-Foto einer offenbar toten Frau. Die 19jährige vom Straßenstrich wird seit März vermißt. "Der Hautarzt streitet diese Vorwürfe aber weiterhin ab", sagte gestern Justizsprecher Rüdiger Reiff. +++