BERLIN, 6. Mai. "Ist doch alles gesagt", sagt Lea Rosh, und es klingt müde. Was sollte man denn noch reden über das Holocaust-Mahnmal im Herzen Berlins, das es ohne sie nicht gegeben hätte? Dann kann sie es doch nicht lassen.Nicht lassen können - der Charakterzug, der bei Männern als Tugend, als Konsequenz und Zielstrebigkeit gilt, ist der erfolgreichen Fernseh-Journalistin schon früh als Zickigkeit und Egomanie ausgelegt worden. Besonders aber in den letzten 17 Jahren.Vor 17 Jahren, im Sommer 1988, stand sie mit dem Historiker Eberhard Jäckel in Jad Vaschem, der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem. "Wieso eigentlich", fragte sie der Partner wichtiger Fernsehdokumentationen über den Nationalsozialismus, "wieso gibt es in Deutschland nichts Vergleichbares?" Zurück in Deutschland schlug Lea Rosh vor, ein Denkmal zu errichten für die ermordeten Juden Europas. Es sollte in drei oder vier Jahren fertig sein. Siebzehn Jahre später wird das Mahnmal nun seiner Bestimmung übergeben.Es gibt nicht viele Leute, die für ihre Ideen so viel Schläge bezogen haben wie Lea Rosh. Holocaust-Kassandra nannte man sie, eine Zeitschrift kürte sie zur "peinlichsten Berlinerin", andere verhöhnten sie als "führende Kraft der einheimischen Bewältigungsbranche". Rudolf Augstein krönte die Beschimpfungen, als er die Enkelin des jüdischen Opernsängers Max Garrison in reinster Nazi-Diktion "allenfalls eine Vierteljüdin" sein ließ. Dass sie mit 18 Jahren ihren ungeliebten Namen Edith ablegte, um sich Lea zu nennen, kehrte nicht nur Augstein gegen sie. Die Behauptung, sie habe auch noch ihren Nachnamen von Rohs in das jüdisch klingende Rosh ändern lassen, musste der Spiegel nach einem Verleumdungsprozess zurücknehmen. Heute kann sie darüber lachen. "Schreiben Sie es doch, dann krieg ich von ihrer Zeitung 250 000 Euro, die teilen wir uns dann", sagt sie.Wie sie das alles ausgehalten hat? "Irgendwann habe ich begriffen, dass das alles mit mir relativ wenig zu tun hatte", sagt sie. "Die Überbringerin einer schlechten Nachricht wurde früher geköpft, und ich habe den Leuten eben auch viel zugemutet mit diesem Denkmal. Ich habe ihnen abverlangt, sich zu diesem Verbrechen zu bekennen." Vorbilder, auf die sie verweisen hätte können, gab es nicht. "Das hat es in der Welt noch nicht gegeben, dieses Verbrechen nicht, dieses Ausmaß, aber auch nicht, dass ein Volk das hinterher dokumentiert."Zu kämpfen hat sie früh gelernt. "Mein Vater ist in Russland umgekommen. Ich musste auf die Felder gehen, Rüben klauen und Körner mit nach Hause bringen, damit wir nicht verhungert sind." Auch die Entschädigungsrente für ihre Mutter habe sie durchgekämpft, mit zwölf Jahren. "Da lernt man, sich durchzusetzen." Als dann die heftigen Abwehrreaktionen gegen ihre Idee kamen, da war dieses Trotzgefühl wieder da. "Da habe ich gesagt, wir wollen das Denkmal haben - ich will das Denkmal haben." Aber das dürfe man nicht mit Härte verwechseln. "Wenn ich nur so wäre, dann wär's ja traurig."Alle Entschlossenheit half nichts - der erste Entwurf scheiterte. Bis heute schwört Lea Rosh auf die Idee von Christine Jackob-Marks und anderen, auf einem hundert mal hundert Meter großen schrägen Feld alle bekannten Namen der Opfer mit Geburts- und Sterbedatum aufzulisten. Ignatz Bubis, damals Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, stemmte sich dagegen, und Helmut Kohl stoppte zu ihrem Entsetzen das Projekt. "Wenn wir mitten in der Stadt diese Platte mit vier Millionen Namen hätten, stellen Sie sich das mal vor", sagt sie. "Aber vorbei."Noch einen zweiten Rückschlag musste die Kämpferin hinnehmen. Der Architekt Peter Eisenman und der Bildhauer Richard Serra, die den zweiten Wettbewerb für sich entschieden, wollten eigentlich 4 000 Stelen auf dem Feld neben dem Brandenburger Tor errichten, kommentarlos. Nach langem Streit wurden Bäume eingefügt und ein unterirdischer Ort der Information. Von den Stelen blieben noch 2 711 übrig. "Der erste Entwurf war stringenter", sagt Lea Rosh.Jetzt ist das Monument endlich fertig und kaum ein Tag vergeht, an dem sie nicht Menschen durchführt, das Gewirr auf sie und auf sich wirken lässt. "Wie es jetzt da so steht, finde ich es phantastisch." Und weil es manchem Besucher zu abstrakt, zu beziehungslos scheint, gefällt ihr nun auch der unterirdische Ort der Information. Damit man den Sinn des Ganzen versteht, muss man beides tun: "Oben drübergehen, unten reingehen und dann noch einmal oben drübergehen", rät die Initiatorin des Denkmals.Was sie oben, zwischen den glatten, elegant grauen Platten empfindet? "Für mich ist es ein großer Friedhof", sagt Lea Rosh. Selbst wenn sich einmal jemand zum Picknick auf einer Säule niederlassen sollte, wird sie sich nicht ereifern. "Wenn sie nicht ihre Bierflaschen da stehen lassen, hab ich nichts dagegen; die Juden waren ja keene Heiligen, die haben ja auch gelebt - und es ist ja für sie." Nur bei Sprayern kennt sie keinen Pardon. "Das machen wir ab und zwar sofort", sagt sie dezidiert. "Das darf kein Ort werden für Leute, die mit ihren Büchsen hantieren."Und nun, kommt jetzt der Ruhestand, die Toskana? Sie wird Führungen machen und weiter Geld sammeln, sagt die 68-Jährige. Wenn schon die Namen der Toten nicht auf einer riesigen Platte aufscheinen, dann sollen sie wenigstens hier im Informationszentrum zu hören und zu sehen sein. Einer nach dem anderen werden sie an die Wand projiziert, dazu liest ein Schauspieler den Namen und einen kurzen Abriss über Leben und Sterben des Ermordeten. Alle zu hören würde Jahre dauern.Die 3,5 Millionen Euro für das Projekt will sie mit ihrem Förderkreis auftreiben. Aus Prinzip. "Uns liegt daran, dass das Mahnmal nicht verstaatlicht wird", sagt sie. "Es wäre schön, wenn eines Tages eine Mehrheit der Leute sagt, das ist unser Denkmal."------------------------------Die EröffnungBenefizkonzert. Die Junge Deutsche Philharmonie spielt unter der Leitung von Lothar Zagrosek am 9. Mai um 20 Uhr in der Philharmonie ein Benefizkonzert. Mit den Einnahmen soll die Installation unter dem Stelenfeld finanziert werden, die die Namen aller Opfer zu Gehör bringt. Die Karten kosten 10 und 15 Euro.Einweihung. Am Dienstag werden Bundespräsident Horst Köhler, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, Bundeskanzler Gerhard Schröder und der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, das Mahnmal einweihen. Die Feier wird von ARD, ZDF und Phoenix direkt übertragen.------------------------------Foto: Lea Rosh: "Die Überbringerin der schlechten Nachricht wurde geköpft."------------------------------Foto: "Wie es jetzt da so steht, finde ich es phantastisch", sagt Lea Rosh über das Holocaust-Mahnmal, das sie sich ursprünglich anders gewünscht hatte.