KAIRO - „Allahu Akbar“, rufen die Soldaten im Film, Gott ist groß. Sie stürmen voran, erklettern einen hohen Wall aus Sand, einer von ihnen trägt eine ägyptische Fahne. Man hört die Geschütze donnern, kurz darauf erklingt die ägyptische Nationalhymne. Und dann ist die Show vorbei.

Im Panorama des „Krieges vom 6. Oktober“ in Kairo können die Besucher den dramatischen Beginn des ägyptisch-israelischen Krieges vor 40 Jahren nacherleben. Für ägyptische Schulklassen gehört ein Besuch des Museums zum Pflichtprogramm. Gefeiert wird hier der größte Erfolg der ägyptischen Armee in den letzten Jahrzehnten: die Vertreibung der israelischen Truppen vom östlichen Ufer des Suezkanals an jenem 6. Oktober 1973.

Im vorangegangenen Sechs-Tage-Krieg 1967 hatte Israel die komplette Sinai-Halbinsel erobert und erst am Suezkanal haltgemacht. Nun startete die ägyptische Armee eine Überraschungsoffensive. Tausende ägyptische Soldaten setzten mit Schlauchbooten über den Kanal, über Pontonbrücken wurden schwere Waffen herangeführt, aus der Luft griffen Kampfflugzeuge an, Wasserkanonen durchbrachen die Sandwälle der israelischen Verteidiger. Innerhalb weniger Stunden waren die Besatzer vom Kanalufer vertrieben.

Kundgebungen zum Jahrestag

An dieser Stelle macht die ägyptische Geschichtsschreibung eine Pause. Weder im Oktoberkriegs-Panorama noch in Schulbüchern wird darauf eingegangen, dass kurz darauf die ägyptische Armee von den Israelis vernichtend geschlagen wurde. Im Kairoer Museum folgt auf die Kriegs-Show am Kanal-Ufer sofort ein Saal, der die politischen Verhandlungen dokumentiert, die nun folgten. Die sind tatsächlich wieder vorzeigbar. Denn militärisch geschlagen, gingen die Ägypter unter Präsident Anwar al-Sadat politisch durchaus siegreich aus dem Krieg hervor: In den Friedensverhandlungen von Camp David bekam Ägypten den Sinai zurück.

Während der Friedensschluss mit Israel in der Bevölkerung bis heute sehr umstritten ist, weil viele Ägypter darin einen Bruch der panarabischen Solidarität sehen, wird der Tag der Kanalüberquerung bis heute groß gefeiert. Keine Talkshow, die nicht darauf eingeht; keine Zeitschrift, die sich in ihrer Glorifizierung der Armee nicht überschlägt. Dabei geht es natürlich nicht nur um die Helden von damals.

Umsetzung des Volkswillens

Seit die Armeeführung unter Verteidigungsminister Abdelfattah al-Sisi Anfang Juli den gewählten Präsidenten Mohammed Mursi absetzte, kennt der Militärkult in Ägypten keine Grenzen mehr. Das hässliche Wort Militärputsch mag offiziell niemand in den Mund nehmen. „Es war kein Putsch, denn die ägyptische Armee ist Teil des Volkes. Millionen von Ägyptern gingen gegen Mursi auf die Straße.

Dass die Armeeführung ihn dann absetzte, war nur die Umsetzung des Volkswillens“, legt sich Hany Nesira, Leiter des Al-Arabiya-Studienzentrums, die Fakten zurecht. Und außerdem: Wenn es ein Militärputsch gewesen wäre – müsste dann nicht General Al-Sisi jetzt im Präsidentenpalast wohnen anstelle von Adli Mansur? Dass der frühere Verfassungsrichter Mansur jetzt formal das oberste Staatsamt bekleidet, kann man freilich leicht übersehen, wenn man in diesen Tagen durch Kairo läuft.

Überall zu sehen ist allein Al-Sisi. Sein Konterfei schmückt die Straßen, seine Bilder gibt es als Anstecker und sogar als Pralinen zu kaufen. Unter dem Slogan: „Setze die Mission fort!“, werden Unterschriften gesammelt. Das Ziel der Petition: Al-Sisi möge sein Versprechen brechen, dass die Armee sich aus der Politik wieder zurückziehen werde, und bei den Präsidentschaftswahlen antreten.

Revolution stockt

Die Tamarud-Bewegung, die im Juni Millionen zu Demonstrationen gegen Mursi auf die Straße brachte und damit den Vorwand für den Militärputsch lieferte, will jetzt, am Jahrestag des Oktoberkrieges, erneut die Massen für Al-Sisi und das Militär mobilisieren. „Hand in Hand: Ganz Ägypten bekämpft den Terrorismus“, steht in riesigen Lettern auf Plakatwänden, wobei unter den Begriff Anti-Terror-Kampf sowohl die Militäroffensive gegen militante Islamisten auf dem Sinai fällt als auch die Verfolgung der Muslimbruderschaft, die immerhin alle freien Wahlen in Ägypten seit dem Sturz von Machthaber Husni Mubarak gewonnen hat. Und sich auch jetzt nicht geschlagen gibt.

Nicht nur die Anhänger Al-Sisis wollen am Sonntag auf die Straße gehen, auch die Mursi-Getreuen mobilisieren ihre Kräfte. „Wir sind nicht gegen das Militär, ganz im Gegenteil“, versichert Mohammed M., Videoreporter einer islamistischen Webseite. „Auch wir feiern den glorreichen Sieg von 1973. Gerade deswegen stellen wir uns gegen die neue Militärregierung unter Al-Sisi, die die Tradition des Militärs verraten hat.“

Mit seinem vollen Namen will Reporter M. lieber nicht genannt werden, beim Interview ist ihm die Angst anzumerken. Hart geht die Regierung gegen die Mursi-Anhänger vor. 10 000 Menschen wurden verhaftet, mehrere tausend sollen getötet worden sein. Kürzlich erklärte ein Gericht die Bruderschaft für illegal und alle ihre Vermögenswerte für beschlagnahmt.

Spaltung der Gesellschaft

„Die Verfolgung schwächt uns natürlich“, sagt der Reporter, „sie bringt uns aber auch Sympathien ein – zeigt die neue Regierung doch genau, wie undemokratisch sie ist.“ Tatsächlich gibt es fast täglich Demonstrationen für die Muslimbrüder und gegen die Militärherrschaft. Das ägyptische Fernsehen verschweigt die Proteste beharrlich. Nur auf Al-Dschasira und im Internet sind – dank Videoaktivisten wie Mohammed M. – noch Bilder von Kundgebungen zu sehen.

Das Militär und seine Anhänger auf der einen, die Muslimbrüder auf der anderen Seite: „Die Gesellschaft spaltet sich immer mehr. Die Ideen der Revolution bleiben dabei auf der Strecke“, klagt Bassma Husseini. Der Kulturmanagerin ist frustriert, doch anders als die meisten Aktivisten der Revolution von 2011 zieht sie sich nicht ins Private zurück. Bassma Husseini gehört zu den Gründerinnen einer neuen Bewegung, der Revolutionären Front Ägyptens, die sich gegen die Militärregierung und die Muslimbrüder gleichermaßen stellt.

Recht und Ordnung

Die Erfahrung der vergangenen zweieinhalb Jahren zeige: „Es ist ziemlich egal, wer in dieser Phase regiert, denn die Probleme Ägyptens sind so gewaltig, dass jeder Präsident zum Scheitern verurteilt ist“, sagt sie. „Dass so viele Ägypter Al-Sisi zum Präsidenten haben wollen, zeigt, wie sehr sie sich immer noch einschüchtern lassen. Wenn man ihnen verspricht, Recht und Ordnung wieder herzustellen, sind sie bereit auf Freiheit zu verzichten.“

An diesem Sonntag werden Bassma Husseini und ihre Mitstreiter zu Hause bleiben. „Wir sind doch nicht wahnsinnig“, sagt sie, „wir sind ja bisher nur eine kleine Minderheit und bekommen sicher nicht viele Leute auf die Straße. Und zu gern würden sich sowohl die Mursi-Anhänger als auch die Unterstützter von Al-Sisi auf uns stürzen.“

Die heftige Medienkampagne gegen die Aktivisten der Revolution löst bei ihr nur ein Lächeln aus. „Sie bezeichnen uns als Spione des Auslands, als fünfte Kolonne der Muslimbrüder“, sagt Husseini. Diese Diffamierung sei eigentlich ein gutes Zeichen – zeige sie doch, dass die Regierung Angst vor ihnen habe.