Es ist noch nicht mal Mittag, doch Micol Fontana sieht aus, als sei sie auf dem Weg zu einem Fest. Sie trägt ein nachtblaues Kleid, darüber eine rosafarbene Jacke und eine Perlenkette. Die Haare hat sie hochgesteckt und Lippenstift aufgelegt. Zwar gelten die Italiener gemeinhin als schönes Volk, doch besonders schön altern die Frauen. 92 Jahre alt ist die Modeschöpferin, sie könnte als ihre Tochter durchgehen.Micol Fontana hätte sich schon lange zur Ruhe setzen und auf eine beispiellose berufliche Karriere zurückblicken können. Doch täglich arbeitet sie noch zwei Stunden in ihrer Stiftung - um ihr Erbe und das ihrer verstorbenen Schwestern Zoé und Giovanna zu bewahren. Ihr Erbe, das sind die 250 Roben, die die Fontana-Schwestern für Schauspielerinnen wie Ava Gardner, Audrey Hepburn, aber auch für Jackie Kennedy und für römische Adlige entworfen haben. Für Besucher der Stiftung, die auch Führungen anbietet, gibt es einiges zu entdecken: das perlenbesetzte Abendkleid, das Rita Hayworth trug, aber auch avantgardistische Kreationen aus den sechziger Jahren, wie das im geometrischen Stil gehaltene Kleid mit aufgenähten Plättchen. "Landing on the Moon" heißt es.Ihren Durchbruch hatten die Schwestern 1939. Zu verdanken haben sie ihn der Sekretärin des amerikanischen Schauspielers Tyrone Power. Dieser wollte heiraten, und so empfahl die Sekretärin der Braut, das Hochzeitskleid im Modeatelier der Fontanas schneidern zu lassen. "Weltweit wurden Fotos des Brautpaares in Zeitungen gedruckt. Wir waren auf einen Schlag berühmt", sagt Micol Fontana. Und in ihrer Heimatstadt Parma verstummte langsam die Kritik. "Die Leute haben meinen Vater damals für verrückt erklärt, als er uns nach Rom ziehen ließ", sagt die Modeschöpferin. Dass Frauen einen Beruf ergreifen, war in Italien ein Skandal.Ihre größten Erfolge feierten die Schwestern in den fünfziger und sechziger Jahren, als Hollywood viele Filme in Roms Cinecittà drehte. "Alle Schauspielerinnen kamen zu uns", sagt Micol Fontana. Die Schwestern machten Italien als Land der Mode populär. Doch Micol Fontana sagt: "Die Basis unseres Erfolgs haben die Römerinnen mit ihren klassischen und schlichten Kleidern geschaffen, die sich deutlich von dem verspielten Stil abhoben, der typisch für die Franzosen war." Keine Gnade findet in ihren Augen der offenherzige Stil, den die Frauen Roms heute bevorzugen. "Bauchfreie T-Shirts und Piercings haben mit Mode nichts zu tun", sagt sie bestimmt. "Das ist vulgär." Besser kommen bei der Modeschöpferin deutsche Frauen weg. Voriges Jahr war Micol Fontana in Berlin - und ganz angetan. "Die Berlinerinnen sind eher konservativ. Außerdem sind sie größer als Italienerinnen. Da sehen Kleider besser aus."Fondazione Micol Fontana, Via San Sebastianello 6, Mo-Fr 10.30-13 und 15.30-16.30 Uhr, Tel. 0039 06 678 1610, www.micolfontana.it.------------------------------Foto: Auftritt einer großen Dame: Die Designerin Micol Fontana schrieb Modegeschichte.