Gedächtnisfeier für die „Opfer des Faschismus“ im September 1945: Am „1. OdF-Tag“, dem 9. September 1945, fotografiert Abraham Pisarek, selbst Überlebender, die Versammlung im Rund der Werner-Seelenbinder-Kampfbahn in Berlin-Neukölln. Das Stadion ist seit dem 29. Juli 1945 nach dem im Jahr zuvor hingerichteten kommunistischen Sportler benannt.
Quelle: SLUB Dresden/Deutsche Fotothek, Bild df_pk_0000079_036, Fotograf: Abraham Pisarek

Die Berliner Zeitung berichtet am 24. Mai 1945

„[...] Und das deutsche Volk jenseits der Stacheldrähte? Es schwieg auch zu allem! Du sagst heute: ‚Das haben wir nicht gewusst.‘ Das ist nicht wahr. Du hast es nicht wissen wollen. [...] Mit eigenen Augen saht Ihr in Berlin und anderen KZ-nahen Städten die verhungerten, numerierten Gestalten als Bombensucher und Sprengkommandos [...] Du warst nicht unwissend, weil du vor allen Greueln die Augen verschlossest und die Ohren zustopftest. Nein – du hast die Augen verschlossen und die Ohren zugestopft, weil du wissend warst und dich dennoch unwissend stellen wolltest. Deshalb hast du geschwiegen und damit eine ungeheuerliche Schuld auf dich geladen. [...] Verschweige dein Schuldbewusstsein nicht länger, lasse es sprechen aus dem Aufbauwillen, mit dem allein du deine Neuwerdung schaffen kannst. [...] Aufrecht und mutig gehe an die ungeheure Arbeit, die du selbst auf deinen Lebensweg gewälzt hast. Du hast geschwiegen und wurdest schuldig vor der Welt. Nun lasse deine Leistungen beredsam für dich werben!“ Ottomar Geschke


Briefmarke mit dem Konterfei des KZ-Überlebenden und Politikers Ottomar Geschke

Wikimedia Commons
Ottomar Geschke

Der Autor des Zeitungsartikels gehörte in der Weimarer Republik der KPD-Reichstagsfraktion an und war ab 1933 Häftling in mehreren Konzentrationslagern. Im Mai 1945 wurde er Stadtrat für Soziales von Berlin und erwarb sich in den darauffolgenden Jahren überparteiliche Anerkennung in seiner Funktion als Vorsitzender der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN).

Verdrängung

Die meisten Deutschen wollen sich nach der Befreiung nicht mit den moralischen Dimensionen ihrer Täter- oder Mitläuferrolle beschäftigen. Die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit den von Ottomar Geschke in der Berliner Zeitung aufgeworfenen Fragen ist jahrzehntelang verschwindend gering. Stattdessen fordern viele, einen „Schlussstrich“ zu ziehen. Einzig die Überlebenden der Verbrechen kämpfen gegen das Schweigen.

Im Ostteil Deutschlands ist sehr bald die Behauptung Staatsdoktrin, dass die Bevölkerung vollständig antifaschistisch eingestellt sei. Im Westen wird denjenigen, die selbstkritisch zurückblicken, unterstellt, damit der kommunistischen Propaganda der DDR Vorschub zu leisten.

Wahlplakat der FDP von 1949: Die Partei forderte im ersten Bundestagswahlkampf ein Ende der Entnazifizierung.
Quelle: Archiv des Liberalismus, Gummersbach, Plakatsammlung, P2-75 

So wächst über die nachfolgenden Jahrzehnte im fortwährenden Verdrängen und Verleugnen der ursprünglichen Schuld nach 1945 eine moralische Last, die Ralph Giordano als die „zweite Schuld“ bezeichnet hat. Und die durch das altersbedingte Verstummen derjenigen, die dann doch irgendwann bereit gewesen sind, zu sprechen und Zeugnis abzulegen, fortdauert.

Chronik mutwilliger Ignoranz

1952 
Konrad Adenauer, erster Bundeskanzler: „Man schüttet kein dreckiges Wasser aus, wenn man kein reines hat!“

1969 
Franz Josef Strauß, Bundesfinanzminister: „Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen erbracht hat, hat ein Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen!“

1978 
Hans Filbinger, Ministerpräsident von Baden-Württemberg: „Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein.“

1998 
Martin Walser spricht in seiner Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels von einer „Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken“.

2017 
Björn Höcke, Thüringer AfD-Politiker: „Und diese dämliche Bewältigungspolitik, die lähmt uns heute noch viel mehr als zu Franz Josef Strauß‘ Zeiten. Wir brauchen nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad.“

2018 
Alexander Gauland, AfD-Fraktionsvorsitzender im Deutschen Bundestag: „Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.“

Die Berliner Zeitung vom 24. Mai 1945.
Quelle:  Archiv Berliner Zeitung 

Texte und Bilder sind größtenteils aus der gemeinsamen Ausstellung Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz und Aktives Museum, Am Großen Wannsee 56 - 58, 14109 Berlin. Geöffnet montags bis sonntags 10 bis 16 Uhr. Die Tafeln sind auch im Foyer des Berliner Verlags zu sehen, Alte Jakobstraße 105, 10969 Berlin, bis zum 30. Juni in der Zeit von 10 bis 15 Uhr.