Die Bergung von Michelangelos Brügger Madonna im Mai 1945 aus dem Salzbergwerk in Altaussee.
Quelle:
Imago Images/ Everett Collection

Die Berliner Zeitung berichtet am 22. Mai 1945

London, 21. Mai. Der Londoner Sender meldet: Überall in Deutschland und Oesterreich werden immer neue Kunstschätze aufgefunden, die von den Deutschen geraubt wurden. Zahlreiche Kunstsammlungen waren zur Unterbringung in dem künftigen Adolf-Hitler-Museum bestimmt, das nach dem Sieg Deutschlands in Linz errichtet werden sollte.



Kunstraub und Restitution

Bergung des Genter Altars, Mai 1945: US-amerikanische Soldaten und einheimische Bergleute bergen die Tafeln des Genter Altars aus dem Salzbergwerk Altaussee. Für das Auffinden und Bergen von Raubkunst hat die US-Armee eine Gruppe von Offizieren zusammengestellt, die sogenannten „Monuments Men“. Heute ist der Altar vollständig restauriert wieder in Gent zu sehen
Quelle: Imago Images/United Archives International

Die politische und künstlerische Vielfalt in Deutschland wird mit der Machtübertragung an die NSDAP schrittweise zerstört. Damit einher geht der Raub am Eigentum der zur Flucht gezwungenen, inhaftierten und später ermordeten Gegnerinnen und Gegner des NS-Regimes. Zunächst werden insbesondere jüdische Sammler und Kunsthändler enteignet oder zum Verkauf ihres Besitzes weit unter Wert gezwungen, um ihre Flucht aus Deutschland zu finanzieren.

Ab 1937 kommt die „Säuberung“ der Museen von „entarteter Kunst“ und mit Kriegsbeginn die Plünderung der Museen, Galerien und Kunsthandlungen in den besetzten Gebieten hinzu.

Nach der Bergung einer Sprengladung: Das Salzbergwerk Altaussee in Österreich ist mit tausenden von Kunstwerken, darunter der Genter Altar von Jan van Eyck, eines der größten Depots von NS-Raubkunst. Die von NSDAP-Gauleiter Eigruber im April 1945 angeordnete Sprengung mit amerikanischen 500-kg-Blindgängerbomben (getarnt als „Marmor“ in Holzkisten) verhindern einheimische Bergleute. 2019 entsteht darüber der Film „Ein Dorf wehrt sich“.
Foto: Wikimedia Commons

Ab Anfang 1944 werden diese Objekte ausgelagert, etwa in Salzstollen und Bergwerken, um sie vor Bombenangriffen und dem Zugriff der Alliierten zu schützen. Amerikanische Truppen entdecken Kunstschätze im Salzbergwerk Altaussee in Österreich und anderen Depots im April 1945. Sie richten „Central Collecting Points“ ein und beginnen umgehend mit der Bestandsaufnahme und Rückgabe der geraubten Kunstwerke. Viele Restitutionsfälle sind im Laufe der Jahre erfolgreich verlaufen. Oft stoßen sie aber auch auf massive Widerstände oder sind bis heute nicht abgeschlossen.

Eine umstrittene Restitution: Ernst Ludwig Kirchners „Berliner Straßenszene“: 2006 wird Ernst Ludwig Kirchners Gemälde „Straßenszene in Berlin“, das im Berliner Brücke-Museum hängt, an die Nachkommen der früheren Eigentümer restituiert. Die „Causa Kirchner“ löst heftige Diskussionen über die Rechtmäßigkeit der Rückgabe aus – bis hin zu Strafanzeigen gegen Berliner Politiker. Der Förderverein des Brücke- Museums ist bis heute der Ansicht, dass es sich um einen Skandal handele, u.a. auch, weil die Erben das Gemälde dann zum Verkauf anbieten. Die Rückabwicklung der Restitution wird weiter betrieben. Die kontroversen Positionen finden sich in zwei Publikationen von 2008 und 2018.
Foto: GHWK, Joseph Wulf Bibliothek, Berlin
Versteigerung bei Christie`s: Die Erben des restituierten Gemäldes lassen es im November 2006 in New York versteigern.
Foto: dpa/epa/Justin Lane
Chronik

1960er- und 1970er-Jahre
Überführung vieler Kunstwerke angeblich ungeklärter Herkunft in den Kunsthandel oder in Staatseigentum, Verschleierung der Herkunft als Raubkunst

1990er-Jahre
Beginn der öffentlichen Debatte zu Raubkunst, Restitution und Provenienzforschung

1994
Gründung der „Koordinierungsstelle für die Rückführung von Kulturgütern“

1998 
„Washingtoner Prinzipien“ (Internationaler Vertrag über den Umgang mit Raubkunst)

2000 
Einrichtung der Datenbank www.lostart.de

2006 
Umstrittene Restituierung von Ernst Ludwig Kirchners „Berliner Straßenszene“

2008 - 2012 
Einrichtung der DHM-Datenbanken „Sonderauftrag Linz“, „Central Collecting Point München“, „Kunstsammlung Hermann Göring“

2013 
„Schwabinger Kunstfund“ in der Wohnung des Kunstsammlers Cornelius Gurlitt

2014 
Premiere des Spielfilmes „Monuments Men“

2015 
Gründung des Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste Magdeburg

Die Berliner Zeitung vom 22. Mai 1945
Quelle:  Archiv Berliner Zeitung 

Texte und Bilder sind größtenteils aus der gemeinsamen Ausstellung  Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz und  Aktives Museum, Am Großen Wannsee 56 - 58, 14109 Berlin. Öffnungszeiten montags bis sonntags 10 bis 16 Uhr. Die Tafeln sind auch im Foyer des Berliner Verlags, Alte Jakobstraße 105, 10969 Berlin,  bis zum 30. Juni in der Zeit von 10 bis 15 Uhr zu sehen.