Blick ins neue Verlagsgebäude der Berliner Zeitung. 
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

BerlinAm 21. Mai 2020 jährt sich der 75. Jahrestag der Gründung der Berliner Zeitung durch die Rote Armee.  
Sie war eine der ersten Tageszeitungen, die nach Kriegsende in Deutschland erschienen sind.  
Sie widmete sich der Überwindung des Nationalsozialismus.  
Sie behauptet sich bis heute.
Sie ist eine Institution.

Es sollte daher gelingen, einen Glückwunsch zu formulieren. Doch es ist ein schwieriges Unterfangen, denn im Jahr 2020 fällt es der deutschen Gesellschaft nicht leicht zu akzeptieren, dass auch sowjetische Offiziere nach diesem Zivilisationsbruch der deutschen Bevölkerung die Hand reichten.
 
Sozialdemokraten und Kommunisten sowie sowjetische Offiziere waren die Ersten, die in Berlin Informationen bereitstellten, über Kriegsverbrechen aufklärten, Kriegsverbrecher suchten. Sie waren die Ersten, die Schritte zum Aufbau einer zivilen demokratischen Ordnung im zerstörten Berlin gingen. Amerikaner, Engländer und Franzosen folgten nicht minder engagiert. Doch sie folgten, später.
Bald trennten sich die politischen Wege der Alliierten, mündend im Kalten Krieg.

So stellt es für uns eine Herausforderung dar, ohne Erfahrung im austarierten politischen Konsens der Bundesrepublik einen Glückwunsch für die Berliner Zeitung zu formulieren. Wich doch selbst der sozialdemokratische Bundespräsident in seiner Rede zum 8. Mai 2020 dem Dank an die Befreier Berlins aus, oder auch einer Erinnerung an die Pioniere des Wiederaufbaus in der Hauptstadt. Letztere waren oftmals Sozialdemokraten, die der heutigen SPD zur Ehre gereichen.

Die daraus folgende Unsicherheit, verstärkt aus den persönlichen Erfahrungen der vergangenen Monate, sollte uns jedoch nicht beirren. Wenn es in diesen populistischen, mitunter hysterischen Zeiten als radikal empfunden wird, Empathie mit Ausgegrenzten zu zeigen, sollten wir die Aufgabe annehmen. Sie besteht in der Öffnung des Diskurses, der Weitung der Perspektive und der Einordnung des fairen Ausgleichs von Interessen.

Die Berliner Zeitung war Zeugin großer Veränderungen. Sie steht als Institution für die Möglichkeit, dass sich festgefügte Gewissheiten ändern, und sie hat diese Änderungen mit intellektueller Unabhängigkeit und Anstand begleitet.  

Die Berliner Zeitung wurde im politischen Niemandsland einer Berliner Trümmerwüste gegründet. In diesen Anfangstagen war weit mehr möglich, als man heute glauben mag.  

Sie hat sich in der entstehenden DDR behauptet, gegen interne und externe Übergriffigkeit nach Kräften verwahrt. Anekdoten darüber, wie zwischen den Zeilen Dogmen der DDR-Nomenklatura unterlaufen wurden, obwohl die Zeitung dem Zentralkomitee der SED unterstellt wurde, füllen Abende. Und Abende lassen sich füllen mit Geschehnissen, die auf die rücksichtslose Durchsetzung des nicht zu diskutierenden Führungsanspruchs der SED zurückzuführen waren.

Mit dem Ende der DDR hat die Berliner Zeitung den Diskurs geweitet, das Blatt aktiv für Andersdenkende geöffnet; hat in der Transformation Konflikte intern gelebt, unabhängig, kontrovers. Es hat lange gedauert, mehr als einen Versuch benötigt, bis dies spät gelang. Die damals Involvierten tragen ihre Wunden mit sich, auf jeder Seite. Diese Erfahrungen würden in heutigen Diskussionen helfen, wenn Orientierung benötigt wird.  

Nach der Wende wurde die Berliner Zeitung oft verkauft, ohne dass sie jemals ihre Seele verkauft hätte. Sie hat Unabhängigkeit bewiesen und beweist sie auch heute. Sie ließ sich nicht korrumpieren. Vielleicht ließ sie sich in milder Form domestizieren, doch keinesfalls machte sie Investoren oder Parteien glücklich. Sie hat nie ihre Anständigkeit aufgegeben, hat sich gegen das Agenda-Setting verwahrt.  Journalismus auf Grundlage von Denunziation war ihr zuwider.  

Somit trägt diese Zeitung eine große Tradition: agierend in zwei deutschen Gesellschaftssystemen und als erfolgreiches Ost-West-Labor. Zwischen den aktuellen Titeln der deutschen Presselandschaft ist dies vielleicht sogar eine einzigartige Tradition. Und gerade deshalb stellt sie sich nun dem Wettbewerb um bessere Ideen für die Zukunft. Sie taugt nicht zur Bewahrung überholter Vorstellungen, sie ist Plattform für Aufklärung, Einordnung und Diskurs abseits von extremistischen oder gewaltverherrlichenden Standpunkten.

Das war unser Eindruck vor dem Kauf des Berliner Verlages, und dieser Eindruck hat sich seit dem Vollzug des Eigentümerwechsels im November vergangenen Jahres bestätigt. In den vergangenen Monaten durften wir erfahren, was es bedeutet, dem geschlossenen westdeutschen Verlagswesen als ostdeutsch Sozialisierte beizutreten. Und wir durften erleben, dass die Berliner Zeitung hält, was wir uns für sie versprochen haben. Diese Entwicklung ist eine Verpflichtung, der wir sorgsam nachkommen wollen.  

Daher stehen wir weiterhin mit hohem persönlichem Engagement und der notwendigen Demut bereit, dieser großen Tradition Raum und Möglichkeit zu verschaffen. Wir wollen die Räume erhalten, auch ausbauen, in denen sich Diskurs entfalten kann. Beispielhaft steht dafür das neue Format Zeitenwende. Sie finden dort – exemplarisch genannt – drei Texte aus drei Generationen: Klaus Wolfram, eine Entgegnung von  Ilko-Sascha Kowalczuk sowie Max Czollek. Nehmen Sie sich die Zeit, lesen Sie. Lesen Sie die Texte bitte bis zum Ende. Und versuchen Sie sich an einer eigenen Einschätzung. Sie werden sehen: Das längere Lesen über verschiedene Perspektiven bereichert.  

So fällt es uns dann doch leicht, einen Glückwunsch zu formulieren, denn das Wertegerüst dieser Zeitung ist intakt. Jeder, der die demokratische Grundordnung schätzt, den fairen, regelbasierten Wettbewerb und den sozialen Ausgleich, wird um den Wert der freien Presse wissen. Dem folgend ist der Gedanke nicht abwegig, dass es dazu unabhängiger Medien bedarf. Die Berliner Zeitung konnte sich mit unserem Eintritt ihre Unabhängigkeit bewahren. Sie ist Teil unserer Geschichte und sie wird Teil unserer Zukunft sein.  

Herzlichen Glückwunsch!