Junge mit Erstausgabe der Berliner Zeitung vom 21. Mai 1945 in Berlin. 
Foto:  Stiftung Stadtmuseum/Eva Kemlein

BerlinAm 21. Mai 1945, nur zwölf Tage nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht, erschien in Berlin, dem größten Trümmerhaufen der Welt, die erste deutsche Tageszeitung. Die legendäre Überschrift der Berliner Zeitung, Nummer 1 des 1. Jahrgangs, lautete: „Berlin lebt auf!“ Darunter ein dicker, knallroter Strich. Herausgeber war das Kommando der Roten Armee.

Bis zum 29. April hatten die Berliner noch den Panzerbär als letzte NS-Zeitung lesen können, die allerletzte Ausgabe teilte auf der Titelseite mit: „Heroisches Ringen – Bei Tag und Nacht neue Eingreifkräfte herangeführt“. Es folgten Tage der Gerüchte. Jetzt sollten Informationen das Chaos ordnen.

Über den 21. Mai schrieb einer der Mitbegründer der neuen Zeitung, Fritz Erpenbeck: „Sensation auf dem Hermannplatz: Die erste Nummer unserer Zeitung wurde verkauft. Es war da zunächst eine Schlange von zwei-, dreihundert Menschen, im Nu hatte sie sich gebildet; und in knapp fünf Minuten hatte sie sich verwandelt in ein Knäuel von aufgereckten, etwas Weißes schwenkenden Armen, um das sich eine chaotische Menschenmenge drängte. Etwas abseits hielt ein russisches Auto, auf dessen Dach ein Offizier geklettert war und knipste.“ Für zehn Pfennig gab es verlässliche, zumindest offizielle Informationen.

75 Jahre später entsteht heute eine besondere Nähe zu dieser ersten Ausgabe. Filme und historische Berichte haben dem Publikum die Schlacht um Berlin in Erinnerung gerufen, den wahnsinnigen letzten Widerstand sowie die Entschlossenheit der Befreier. „Berlin wacht auf!“, so hieß es dieser Tage wieder, als die Beschränkungen des Lebens zur Eindämmung der Corona-Pandemie gelockert wurden. Und: Verlässliche Information gilt wieder als geschätztes Gut.

Berliner Zeitung vom 21. Mai 1945
Quelle:  Archiv Berliner Zeitung

Die erste Seite der ersten „Berliner“ war der seinerzeit denkbar wichtigsten Quelle vorbehalten, nämlich dem Mann, der in Berlin seit dem 28. April über den Fortgang des Lebens entschied: Generaloberst Nikolai Bersarin. Der erste sowjetische Stadtkommandant hatte binnen weniger Tage eine Stadtregierung, den Magistrat, eingesetzt und sprach zur Gründungsversammlung. Seine Botschaft: „Niemals und unter keinen Umständen hat das Sowjetvolk daran gedacht, gegen das deutsche Volk zu Felde zu ziehen. Niemals ist es dem Sowjetvolk eingefallen, fremdes Gebiet erobern zu wollen. Wir haben Land genug.“

Er erinnerte die Deutschen: „Alle Zerstörungen, die Sie in Deutschland haben, sind Kleinigkeiten, gemessen an den Zerstörungen, die wir erfahren haben.“ Die Berliner vernahmen mit riesiger Erleichterung: Es gibt keine Rache. Alle Kraft dem Wiederaufbau. Bersarin sagte auch, ganz ins Heute reichend: „Ich denke weiter an den Einsatz der ganzen Bevölkerung zu Herstellung wirklich sanitärer Zustände in der Stadt, damit keine Infektionskrankheiten aufkommen und jeder Kranke geheilt werden kann.“ Das Wichtige eben.

So sahen das auch die ersten Zeitungsmacher, eine Handvoll Männer ohne NS-Verstrickung – einige waren mit der Gruppe um den Kommunisten Walter Ulbricht aus Moskau gekommen, andere fanden sich aus dem Berliner Untergrund ein. Der Schriftsteller Fritz Erpenbeck, einer der „Moskauer“ und publizistischer Profi, ging pragmatisch an den Start.

Mit „Stimmungsbildern“ und „Skizzen“ konnte er wenig anfangen. Die Leute wüssten selber, dass man an den Wasserpumpen anstehen musste, dass noch immer Leichen in den Trümmern lagen, dass die ersten Frisöre öffneten. „O ja, Stoff dieser Art gab es in Hülle und Fülle, aber er war journalistisch gesehen wertlos. Die Menschen wollten in der Zeitung, nach der sie hungerten, nicht das lesen, was sie selbst überall sehen.“

Informationsschätze brachte stattdessen nach zehn Stunden ein Reporter, der von Mitte nach Spandau marschiert war (Nahverkehr fuhr noch nicht): Welche Brücken waren wieder passierbar und welche nicht. Eine Studentin (mit Fahrrad!) rang den neuen Bürgermeisterämtern klare Auskünfte ab: „Nicht was Sie vorhaben, wollen wir wissen, sondern was sie geleistet haben.“

„Neukölln hat wieder Wasser“ – das war eine Sensationsmeldung der ersten Tage, erinnert sich Erpenbeck, und dass diese vierundzwanzig Stunden später abgerundet werden konnte mit: „Wasser auch in den oberen Stockwerken.“ Oder: „Die Kaffeezuteilung hat begonnen!“ Wichtig genug, um mit Ausrufungszeichen versehen zu werden. Setz- und Druckmaschinen hatten die Gründer in den Trümmern zusammengesucht, wahrscheinlich auch die Fraktur-Typen des Zeitungstitels.

Nach vier Wochen formal sowjetischer Herausgeberschaft endete diese erste Phase. Am 20. Juni teilte die Berliner Zeitung mit, das Kommando der Roten Armee lege die Herausgabe in die Hände des Berliner Magistrats. Die „erstarkten antifaschistischen Kräfte“ böten alle Voraussetzungen für diese Maßnahme. Der Magistrat beschloss: „1. Die Berliner Zeitung wird das offizielle Publikationsorgan der Stadt Berlin. 2. Zum Chefredakteur wird Rudolf Herrnstadt berufen.“ Unterschrift: Der Oberbürgermeister der Stadt Berlin, Dr. Werner.

Am 23. August 1945 gab Herrnstadt der Zeitung ein neues Äußeres. Erstmals tauchte das Bärenwappen im Titel auf, und die Frakturschrift kam schmaler, eleganter daher. Der aus einer jüdischen Familien stammende Herrnstadt zählte in den 1920ern im liberalen Berliner Tageblatt zu den von Theodor Wolff geförderten Journalisten. Der Kommunist stieg dann in der jungen DDR bis zum Kandidaten des Politbüros auf. Anfang der 1950er-Jahre überwarf er sich jedoch mit Parteichef Walter Ulbricht. Herrnstadts Vorstellungen für Demokratisierung innerhalb der SED gingen diesem zu weit. Rudolf Herrnstadt endete als Archivar in Merseburg.

Ihm folgten neun Chefredakteure, bis 1990 parteitreue Männer. Seit 1996 gab es keinen Ostdeutschen mehr in dem Amt. Immerhin für ein paar Jahre eine Frau. Viel über die wechselnden Zustände erzählen die Eigentumsverhältnisse: Am Tag null, als die erste Ausgabe der Zeitung in einem „druckwellenschiefen“, staubigen Bretterverschlag in einem verlassenen Haus in Berlin-Friedrichsfelde entstand, lag der Wert des Unternehmens genau da: bei null.

Doch bald beobachteten Redakteure ihren geschäftsführenden Direktor, einen ehemaligen KZ-Häftling, wie er allabendlich immer schwerer werdende Koffer wegschleppte und am nächsten Morgen wieder herbeibrachte – voller Geld aus den Einnahmen. Er vergrub die Koffer an wechselnden Orten in den Trümmern. Es gab ja keine Bank.

Bald zog man in bessere Räumlichkeiten in der Lindenstraße 41 in Mitte und schließlich für die nächsten Jahre in die Jägerstraße um. Als verdeckter Prozess verlief die Übernahme der Zeitung in die Hoheit der SED. Seit 1947 hatte sie das Blatt journalistisch im Griff; 1953 ging der Berliner Verlag sang- und klanglos in die parteieigene Zentrale Druckerei-, Einkaufs- und Revisionsgesellschaft mbH (Zentrag) ein. De facto unterstand die Berliner Zeitung damit dem Zentralkomitee der SED – allerdings nicht, wie häufig behauptet, der Bezirksleitung der herrschenden Partei.

Bis zur Wende 1989 bewahrte sich das Blatt – im Vergleich zum Organ des Zentralkomitees, dem Neuen Deutschland – einen offeneren Charakter und blieb populär. Gleichwohl hatte die Partei allen Grund, die treuen Dienste der Redaktion zu würdigen.

Anlässlich der Verleihung des Karl-Marx-Ordens zum 40. Zeitungsgeburtstag im Jahr 1985 gab es Dankesworte von SED-Generalsekretär Erich Honecker an das „Journalistenkollektiv“: Es habe in allen Situationen konsequent die Politik „unserer Partei“ vertreten. So war das. Man könnte auch sagen: Propaganda schob sich über die Mitteilung verlässlicher Fakten. Abweichungen von der Linie gab es wohl – aber das Ausmaß blieb mickrig.

Immerhin schlug sich das Kollektiv dann in der Wende wacker. Recht schnell wählte die Redaktion nach lebendigen, ewig langen und auch quälenden Debatten einen neuen Chefredakteur und fasste den Mut zur Recherche, bot Oppositionsgruppen eigene Seiten, bemühte sich um einen neuen, offenen Stil.

Als Gregor Gysi, seinerzeit Vorsitzender der SED-Nachfolgerin PDS, 1990 den Verlag an den Briten Robert Maxwell verkaufte, hatte man vergessen (oder übersehen wollen), dass der Verlag eigentlich kein Eigentum der Partei war. Nach dem mysteriösen Tod des Pleiteverlegers Maxwell übernahm das Hamburger Haus Gruner & Jahr vollständig. Die Redaktion war nicht grundsätzlich unglücklich: ohne Investitionen kein Überleben. Im Verlagsgebäude – seit 1973 am Alexanderplatz – klapperten in der Setzerei übern Hof ja noch die handbetriebenen Linotype-Setzmaschinen, während die Konkurrenz längst am Computer saß.

Die Ambitionen der einstigen DDR-Journalisten wuchsen. Am Tag, als mit Erich Böhme, zuvor Chefredakteur des Spiegel, der erste Herausgeber aus dem Westen einzog, setzte die Redaktion zur Begrüßung ein wohlvorbereitetes Interview mit dem Chefredakteur der Washington Post ins Blatt – mit Botschaft an den Neuen: „Wir wollten Qualitätsjournalismus!“ Bis heute wird Erich Böhme selbst die Idee mit der Washington Post angedichtet. Fake News.

Seither wechselten die Besitzer mehrfach, Zeiten des Aufbruchs wie 1996 bis 1999 mit dem Chefredakteur Michael Maier wechselten mit solchen des Abbaus. Die wirtschaftlich fetten Jahre des Journalismus gingen zu Ende, Sparrunde folgte auf Sparrunde. Ein Hedgefonds aus Großbritannien, eine sogenannte Heuschrecke, hatte die Berliner Zeitung zum Fraßobjekt gewählt. Da erschien der Altverleger Alfred Neven DuMont 2009 als Retter aus höchster Not. Doch das Kölner Haus fand nicht den Weg in die neue, vom Internet beherrschte Zeit.

75 Jahre nach dem Beginn ist die Lage ernst, aber: Endlich wieder eine Zeit des Aufbruchs.