9. November - das dicke Ende

Welcher Teufel mag mich geritten haben, als ich vor fünf Jahren im SPIEGEL schrieb "Ich möchte nicht wiedervereinigt werden ?kh denke, es war der Teufel "Vernunft. Ich fürchtete den nationalen Völkerschlachtdenkmal-Taumel von 1813. den 1848 e-Paulskirchen-Klimbim, das Bismarck-Gespenst, den Tanz ums Klein- und ums Großdeutsche Reich bis hin zur schauerlichen Götterdämmerung. Meine Phantasie scheute vor den Hindernissen einer im Warschauer Pakt einzementierten DDR, der Disparität zweier Wirtschaftsblöcke und einer gemutmaßten neuen DDR-ldentiät unter dem Schirm eines gemäßigten Reformkommunismus.V iele von uns Brandt-Adepten der70er Jahre hatten sich getäuscht über die angebliche Wirtschaftskraft der -- wie wir nun wissen -- eigentlich siechen DDR, die von Wirtschaftsexperten auf Platz zehn der führenden OECD-lndustrie-Nationen gesetzt worden war. Getäuscht hatten wir uns über den unstillbaren Hunger der DDR-Bürger nach bedingungslosem Unterschlupf bei der westdeutschen Wirtschaftswunderglucke.Wir ahnten nicht -- oder ahnten halt nur bloß -, auf welch dünnen Beinchen der Reformkommunismus des Charmebolzen Egon Krenz stand, konnten uns nicht vorstellen, wie glücklich -- zum Nutzen seines Reiches ein Gorbatschow war, seine DDR Hals über Kopf an den Westen abtreten zu können, samt Austritt aus dem Warschauer Pakt und Eintritt in die NATO.G eschenkt. Ich wenigstens weißmich in Gesellschaft mit einem deutschen Politiker, der schon ein Jahr später als "Kanzler der Wieder-Vereinigung, aus einer Fußnote der Geschichte in eine Kapitel-Überschrift hochgerückt ist. Damals, im Revolutionsherbst ,89, waren Dr. Helmut Kohl und ich einer Meinung. Wie anders hätte bitteschön es denn sein können, daß der westdeutsche Kanzler erst in der letzten seiner zehn deutsch-deutschen Thesen, mit denen er uns das Weihnachtsfest ,89 vergoldete, von einer "Art Konförderation" sprach. Von "Wiedervereinigung" war bei ihm damals keine Rede. Wir beide gaben uns doch verantwortungsbewußt.Was kann ich dafür, daß Dr. H. K. bei seinen Wahlkampferlebnissen im Osten und in den Wäldern des Kaukasus kurze sechs Monate später den Mantel der Geschichte rauschen hörte und stiekum wegsteckte, was er noch zur Jahreswende niedergeschrieben hatte.N otwendigerweise trennten sichunsere Wege, der Wiedervereinigungs-Kanzler schritt von Sieg zu Sieg, hinweg über Krenz und de Maizière, hinweg über Lafontaine, Engholm und Scharping, vorbei an Gorbatschow und Jelzin, hinauf zu den lichten Höhen Walhalls. Zurück blieb ich als zerknitterter Alberich, dem von Mal zu Mal sein "Ich möchte nicht wiedervereinigt werden" in die Zähne zurückgeschoben wird.Oder war da noch was? Eine Woche lang lagen sich die Deutschen über die Bruchstücke der Mauer hinweg in den Armen -- und wählten CDU. Aber sie guckten sich auch verwundert um, als der Wiedervereinigungsrausch verflogen war, gewichen dem Kater und der großen Nüchternheit. Die Ostdeutschen, als sie merkten, daß Freiheit nur um den Preis des Risikos zu haben ist. Daß sie gegebenfalls mit Erwerbslosigkeit, steigenden Mieten und Preisen und dem Verlust des stillen, beschützten Winkels erkauft werden muß. Die Westdeutschen, als sie merkten, wie teuer Solidarität zu stehen kommt. Und daß sie nicht mit hündischer Dankbarkeit gelohnt wird.Dr. Kohl und ich hatten schon recht, daß wir den ganzen Vorgang der Annäherung zweier Staaten mit nicht einmal mehr deckungsgleicher Sprache behutsam angehen wollten. Er telefonierte freundnachbarlich mit Krenz, ich interviewte Hans Modrow. Wie konnten wir wissen, daß Gorbatschow uns den ganzen Kramladen DDR schenken, Krenz brotlos und Mo drow zum Bundestagsabgeordneten machen werde. Eine Republik auf dem Wege über den Reformkommunismus zur pluralistischen Demokratie -- 4so wie heute tapfer Ungarn, Tschechien, Slowakei und Polen -- gab kurzerhand ihren Geist auf und ihre Identität beim Bundeshauspförtner ab.arnit kein Zweifel aufkommt, ex Ijpost sei unbestritten, daß der Galopp in den Weststaat gar nicht aufzuhalten, die Wiedervereinigung gar nicht zu vermeiden war; der Mantel der Geschichte hängt nicht jahrelang ungenutzt über der Wäscheleine. Aber man wird doch wohl noch sagen dürfen, daß es schonendere Methoden einer Wiederannäherung hätte geben können.Sicher wäre es schonender gewesen für beide Teile Deutschlands, hätte sich die DDR für eine Übergangszeit als Weichwährungsland der BRD assoziiert. Sicher wäre es würdiger gewesen, beide hätten über eine gemeinsame neue Verfassung, nicht über den Hals-über-Kopf-Beitritt verhandelt. Sicher hätten wir uns das Kasperltheater um die Akten der Gauck-Behörde und das hysterische Getue um die PDS ersparen können. Wie schnell hatte sich schließlich die Westnation vor und nach 1949 mit ihren alten Nazis versöhnt, sie zu Staatssekretären, Ministern und Kanzlern befördert -- Mitläufer, Mitglieder und Aktivisten einer Partei, die Eur~opa mit Schrecken, millionenfachem Mord und Totschlag überzogen und Deutschland in Schutt und Asche gelegt hatte.empi passati. Weder hat der ga-Iloppierende Zeitgeist uns Muße gelassen für eine andere als die von uns nolens volens gewählte Form der Wieder-Vereinigung. Noch haben wir heute das Recht, hinter Kohl herzukarten. Also dürfen und sollten wir 1 nicht darüber lamentieren, wenn die "blühenden Landschaften" auf sich warten lassen, wenn gutes Geld in schwarzen Löchern verschwindet, wenn die Nation noch immer ein Graben trennt, wenn jeder fünfte Ostdeutsche eine Partei wählt, die sich keine Mühe mehr gibt, ihre Herkunft von der alten SED zu camouflieren. Nein -- dann heißt es halt, mit den deutsch-deutschen Verwerfungen zu leben, den wirtschaftlichen, den soalen und den politischen.·ch habe mit Kommunisten weiß · Gott nichts am Hut. Aber ich muß akzeptieren, wenn jeder fünfte ehemalige DDR-Bürger -- ob aus dürftiger Überzeugung oder aus Spielverderberwut -- PDS wählt. Laßt uns mit ihm reden, uns politisch mit ihm auseinandersetzen, wie es Altbundespräsident von Weizsäcker empfiehlt uns unsere Biographien erzählen, wie es der amtierende Bundespräsident Roman Herzog vorschlägt. Vielleicht können wir ihn -- den PDS-Wähler, überzeugen. Vielleicht die PDS zu einer demokratisch-pluralistischen Linkspartei drängen -- oder ihr dabei helfen, sich selbst überflüssig zu machen. Insofern respektiere ich die Wiedervereinigung, die Folgen sozusagen an ihrem dicken Ende.