BERLIN. 450 000 Briefe hat die staatliche schwedische Sozialversicherung in den letzten Wochen verschickt, adressiert an junge Väter und Mütter im ganzen Land. Herzige Motive zieren die Schreiben: wonnige kleine Kinder lassen sich von Papa oder Mama mit gesundem Obst und Gemüse füttern. Darunter steht eine deutliche Botschaft: "Du hast noch Anrecht auf Elterngeld!" Den Empfängern der Briefe wird vorgerechnet, wie viele Tage Erziehungsurlaub sie noch nehmen dürfen und wie viel Lohnausfall die Sozialversicherung ihnen in dieser Zeit zahlt. In vielen Fällen lohnt sich ein Blick ins Kuvert: Achtzig Prozent des letzten Gehalts beträgt das Elterngeld in Schweden, maximal rund 3 000 Euro im Monat, und das insgesamt dreizehn Monate lang. Bis ins achte Lebensjahr des Kindes können die 390 Tage eingelöst werden - ganz nach Belieben in kleinen oder großen Portionen, sogar halbe Tage lassen sich abrechnen.Einkommensabhängige LeistungWas die große Koalition in Deutschland bald einführen möchte, gibt es in Schweden bereits seit 1974: ein einkommensabhängiges Elterngeld, das von beiden Eltern in Anspruch genommen werden kann. Ein großer Schritt in Richtung Gleichberechtigung sollte die Reform damals sein. Tatsächlich blieb lange Zeit alles beim Alten: Bis in die 90er-Jahre wurden die Leistungen zu 95 Prozent von den Müttern in Anspruch genommen. Erst seit 1994 bricht eine Reform des Elterngeldes die alten Strukturen langsam auf: der liberalen Volkspartei war es damals gelungen, den so genannten "Papamonat" in der Elternversicherung durchzusetzen, der für die Väter reserviert ist.Der Erfolg der neuen Regelung ließ nicht auf sich warten: auf Anhieb verdoppelte sich die Zahl der Väter, die in Elternzeit gehen. Inzwischen gibt es zwei "Papamonate", und neunzig Prozent der Männer nutzen sie zumindest teilweise. "Mamamonate", die den Müttern vorbehalten sind, sieht der Gesetzestext auch vor. Sie spielen in der Praxis aber kaum eine Rolle. Frauen verdienen auch in Schweden meistens weniger als Männer, und darum sind sie es, die mit den lieben Kleinen zu Hause bleiben. Achtzig Prozent des Erziehungsurlaubs wird von Frauen genommen. Und auch wenn sich die Teilhabe der Väter von Jahr zu Jahr erhöht, so hat sich an grundlegenden Missverhältnissen nach Einschätzung des Gewerkschaftsbundes TCO doch nichts geändert. Von allen schwedischen Erwerbstätigen leiste keine Gruppe mehr Überstunden als die jungen Väter, fanden die Arbeitnehmervertreter kürzlich in einer Studie heraus. Wer weiter am Bild des modernen schwedischen Vaters kratzen will, der wird schnell fündig: Zum Beispiel legen besonders viele Männer ihren Erziehungsurlaub in die Sommermonate zwischen Juni und August, wenn in schwedischen Firmen ohnehin nichts los ist und erst recht keine Gehaltserhöhungen oder Beförderungen diskutiert werden.Der Aspekt, der die deutsche Debatte um das Elterngeld dominiert, spielt in Schweden übrigens kaum eine Rolle: die Geburtenförderung. Einen Geburteneinbruch wie die Bundesrepublik hat Schweden nämlich nie erlebt. Die Gruppe der Unter-18-Jährigen ist heute noch fast so groß wie 1960. Jede Frau bringt im Schnitt knapp 1,8 Kinder zur Welt - der deutsche Wert beträgt 1,4. Der Ausbau der Betreuungseinrichtungen und die Einführung der Elternversicherung in den 70er-Jahren, die in Schweden stets als Instrumente der Gleichstellungspolitik verstanden wurden, scheinen dort Debatten über Bevölkerungspolitik unnötig gemacht zu haben.

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