Etwas töricht finde man die amerikanischen Schriftsteller in Frankreich. Aber gerade deswegen seien sie derzeit so beliebt: Ihre sprachliche Unbeholfenheit werde als "Satire" auf das realistische Schreiben geschätzt. Daß man wegen der stilistischen Schwankungen nie wisse, ob ihren Erzählperspektiven zu trauen sei, verleihe noch den simpelsten Geschichten literarischen Reiz.Diese bemerkenswerte Kurzrezension der amerikanischen Gegenwartsliteratur stammt von einer furchteinflößenden Madame namens Grenelle. Sie soll den Roman "Das Dilemma" übersetzen, das Erstlingswerk eines unbedarften College-Professors, der Charley heißt und aus Ohio kommt. Charley ist das erste Mal in Paris; eigentlich wollte er hier als neues Dichtertalent triumphieren. Doch ihm werden lediglich lakonisch die "Änderungen" erklärt, die in der französischen Fassung seines Werks unumgänglich seien. Besonders, findet Madame, sei die Psychologie seiner Figuren eindeutig. Aber auch Handlung, Perspektiven und Stil könne man noch kunstgemäßer verunklaren. Die Umrüstung seines ehrlichen Ehedramas auf entgleitenden Sinn hätte Charley sich unter anderen Umständen verbeten. Doch im Verlauf des verkorksten Paris-Kurzbesuchs, den das Treffen mit Madame Grenelle schmählich beendet, ist ihm der lichte Blick auf die Dinge allenthalben abhanden gekommen. In Richard Fords neuem Männerselbstfindungsbuch "Abendländer" ergeht es Charley nämlich wie allen Männern mittleren Alters, die in Ford-Geschichten mitspielen müssen. Damit er am Ende "etwas gelernt" hat, wird er nach Kräften erniedrigt und auf existentielle Weise verwirrt. Die Wende bringt dann eine Katastrophe, die ihn mit Schuldgefühlen belädt. Als er seine krebskranke Freundin Helen tot im Hotelbett findet, weiß Charley genau: "Er hatte eine neue Zeit in seinem Leben begonnen."Literarisch ungewohnt ist allein der apokalyptische Ton. Schmutzige Stadt, schlechtes Wetter, ein Hotel in der Nähe des Friedhofs: Die Vielzahl morbider Motive, in denen sich Charleys zerwühltes Innenleben nach außen kehrt, läßt seine Verwandlung von der ersten Seite an unausweichlich erscheinen. Die metaphorische Dichte, die das Buch dadurch erhält, könnte man freilich auch Eindimensionalität nennen.Blühender WeltschmerzDenn das auf düster getrimmte "Paris" läßt die real existierende Stadt nur erahnen; die dort versammelte Personage gelangt selten zu lebendiger Dichte. Allzu müde karikiert Ford die Exil-Amerikaner "Schmusi" und "Rex", mit denen Charley einen öden Bier-und-Beefsteak-Abend verbringt: für den Selbstmord der traurigen Helen erspart er sich jede Motivation. Von allen Frauenfiguren, die man in seinen Büchern kennengelernt hat, ist Helen mit Abstand die blasseste. Sie wird nur als Opfer-Dummy gebraucht, dank dessen die Selbstwerdung des Helden in die kritische Phase tritt.Ärgerlich ist daran vor allem eines: Von diesen schablonierten Figuren hat Charleys übersteigertes Weltschmerzempfinden keinerlei Widerstand zu erwarten. Seine zunehmend larmoyanten Ich-Grübeleien werden auch von seiten des Autors selten gebremst. Sonst, besonders eindrucksvoll in den Frank-Bascombe-Romanen, hatte Ford dem Selbstmitleid seiner Ich-Erzähler eine ironisierende Außensicht eingebaut: indem er ihre Sprache aus dem typischen Banalitätenschatz des Möchtegern-Denkers montierte oder indem er sie mit kleinen Sarkasmen verschnitt, die das implizite Selbstbild wie unfreiwillig veralbern.Diesmal hingegen müht er sich mit der vermeintlichen Neutralität der Er-Perspektive ab. Er will das Innenleben seines Helden in der dritten Person schildern, dabei aber dennoch psychologisch "einfühlend" sein. Diese Unentschlossenheit mündet in eine hölzerne Schein-Objektivität, die das Selbstbild Charleys pathetisch bestärkt. Das schadet der Psychologie der Figur, vor allem aber dem sprachlichen Witz der Geschichte: wo sein Ton sonst fröhlich changierte, formuliert Ford jetzt überraschungsarm und bisweilen äußerst angestrengt.Er sollte das Problem kennen: Eine ähnliche Stilübung ist ihm schon in der Geschichte "Ein Frauenheld" mißlungen. Welchen Zweck er damit verfolgt, bleibt auch in "Abendländer" ganz unklar. Allenfalls ließe das Buch sich als der Versuch verstehen, nach "Unabhängigkeitstag" eine Art Kommentar zur eigenen Werkwirkung zu schreiben: gegen die Madame-Grenelle-Rezeption seiner Romane als "ästhetisch verspielt". Allein, der Mißerfolg gäbe diesem Ansinnen unrecht. Bei dem verspannten Versuch, einmal absolut nicht modern zu sein, ist Ford alles abhanden gekommen, was seine Bücher sonst lesenswert werden ließ.Richard Ford, Abendländer. Eine Novelle. Aus dem Amerikanischen von Fredeke Arnim. Berlin Verlag, Berlin 1998; 154 S., 32 Mark.