Am Anfang dieses Buches steht das Jahr 1789, freilich nicht als Ereignis, sondern als Text. Hans Fenske berichtet, wie die französische Nationalversammlung den modernen Verfassungsbegriff proklamierte. Denn, so Artikel XVI der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte vom 26. August 1789, eine Gesellschaft, in der die Garantie der Rechte nicht zugesichert und die Gewaltenteilung nicht festgelegt sei, habe gar keine Verfassung. Das war programmatisch und ein Bruch mit dem alteuropäischen Verfassungsverständnis. Hans Fenske nimmt diesen uns verbindlich gewordenen Verfassungsbegriff zum Ausgangspunkt seiner ambitionierten Weltgeschichte des modernen Verfassungsstaates. Fenske ist Professor für Geschichte in Freiburg und ein Spezialist für die westeuropäische Verfassungsentwicklung des neunzehnten Jahrhunderts. Das prägt sein Buch in positiver, aber auch negativer Weise. Für den Leser fügt es sich gut, dass gerade die Verfassungskämpfe im postrevolutionären Frankreich, die politische Publizistik im Vormärz und die Verfassungsentwicklung im Deutschen Kaiserreich von 1871 unser modernes Verfassungsverständnis geprägt haben. Fenske vermag diese verrechtlichten politischen Auseinandersetzungen von damals so plastisch darzustellen, als wär s ein Blick in das heutige politische Tagesgeschehen. Doch Fenskes Titelrede vom "modernen Verfassungsstaat" meint mehr als nur die juristische Festlegung von Herrschaftsbefugnissen. Denn solche Fixierungen in Rechtstexten gab es schon zuvor. Auch in der Vormoderne waren die Gemeinwesen "verfasst", Herrscher rechtlich gebunden, und pikanterweise benutzte man vor und nach dieser Zäsur den gleichen Begriff, der also den Umschlag mehr verschleierte als markierte. Eine "Verfassung" im modernen Sinne lag vielmehr erst dann vor, wenn die Verfassung die Herrschaft nicht nur modifizierte, sondern ihre Legitimität bereits als solche begründete. Erst dann wollte man nach 1789 von einem "Verfassungsstaat" reden: Ohne Verfassung keine rechtmäßige Herrschaft. Noch jeder Historiker erzählt, weil er ein Lieblingsmotiv hat. Bei Fenske heißt das Motiv: die "Idee der Verfassung als Mittel zur Sicherung der Freiheit". Mit diesem Maßstab beginnt er seine Suche in norditalienischen Stadtrepubliken, führt sie über die mittelalterlichen Genossenschaften in der Schweiz ins frühneuzeitliche England und Frankreich, bis er ihre reife Verwirklichung in den flammenden Programmschriften der Spätaufklärung in Nordamerika findet. Dieser rote Faden in Fenskes Buch ist eigentlich auch schon historisch. Denn als die politischen Köpfe und Gelehrten sich darüber einig waren, dass das Modell des Verfassungsstaates die bestmögliche aller Herrschaften garantierte, versuchten sie es wissenschaftlich zu ergründen. Fenske schildert dem Leser knapp, mit welcher Mischung aus Gelehrsamkeit, Naivität und Betriebsblindheit die Historiker des späten neunzehnten Jahrhunderts begannen, allgemeine Regeln der Verfassungsentwicklung in der Weltgeschichte zu eruieren. Natürlich trieben Vorstellungen von kultureller Überlegenheit diese Beschreibungen des Fremden und Vergangenen an; das meiste davon war so zeitgebunden formuliert, dass die Werke uns mehr kurios als seriös anmuten. Über den "germanischen Parlamentarismus" des sechsten Jahrhunderts etwa kann man heute nur schmunzeln.Zu Recht zeigt aber Fenske, dass Gelehrte wie Edward A. Freeman, Otto Hintze oder Kurt Breysigk erstmals einen synoptischen Blick versuchten, der bis heute aktuell geblieben ist, ja sogar noch an Reiz gewonnen hat. Auch Fenske berichtet, und das ist lobenswert, zugleich über die Verfassungsentwicklungen Englands im siebzehnten Jahrhundert mit seiner "Glorious Revolution" als auch über peripher scheinende Schauplätze wie etwa das Haiti des neunzehnten oder Island des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Allerdings blendet Fenskes Fokussierung auf den modernen Begriff von "Verfassung" bestimmte Herrschaftsphänomene aus, die gerade in ihrer Fremdheit spannend gewesen wären. Das Heilige Römische Reich der Frühen Neuzeit in seiner komplizierten Verfassungsstruktur, seine zunächst irrational anmutenden Streitentscheidungsverfahren und anderes bleiben unberücksichtigt, weil es sich nicht in Fenskes erkenntnisleitende Idee einer Erfolgsgeschichte fügt. Denn das lässt Fenske unangezweifelt: Sein moderner Verfassungsstaat des 19. Jahrhunderts ist ein Siegertyp, ein Königsweg der Moderne, der sich im Idealfall in allen Territorien weltweit ausbreiten sollte. Konsequent sucht Fenske nach "modernen" Ideen, schildert "zukunftsweisende" Denker wie Marsilius von Padua und ihre verzwickte "Gedankenarbeit" als Beitrag zu dieser Entwicklung. Mit diesen Kriterien geht er Land für Land, Jahrhundert für Jahrhundert durch und beobachtet die wachsenden Wünsche nach politischer Freiheit und ihrer juristischen Fixierung. Denn in der historischen Perspektive war die Rechthaberei im öffentlichen und politischen Leben ein Fortschritt, so fragwürdig das heute altbekannte Drohen mit dem Weg nach "Karlsruhe" uns im Einzelfall bisweilen erscheinen mag.Auch in Deutschland wollte der Verfassungsstaat zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts zunächst "Rechts-Staat" sein, bevor er das Programm des Sozialstaats inkorporierte. Dieses Modell übernahm schließlich auch die Bundesrepublik. Man kann Fenskes wackeres Buch daher auch als staatsbürgerliche Ertüchtigung lesen: Die in ihm abgebildeten Positionen klingen uns allen vertraut und sympathisch, und auch Fenskes tadelnde Worte nach Südamerikas Staaten könnten von einer aufrechten Menschenrechtsorganisation stammen. Wissenschaftlich kritisch ist allerdings, dass Fenske seine vergleichenden Kriterien zu wenig gepflegt hat. Sein Blick ist zwar global angelegt, doch das komparative Element als solches kommt systematisch zu kurz. Statt wirklich zu vergleichen, setzt Fenske territoriale und nationale Entwicklungen zu oft bloß nebeneinander. Das gegenwärtig gesteigerte Interesse am modernen Verfassungsstaat kommt nicht von ungefähr. Der Blick in die Vergangenheit vergewissert uns eines politischen Modells, das uns zunehmend durch die Finger zu rinnen scheint. Ohne dass Fenske es sagt, schildert er ein Modell politischer Herrschaftsausübung, das eigentlich schon ein historisches geworden ist. Denn der souveräne Nationalstaat hat in der Wirklichkeit zunehmend ausgedient. Politikwissenschaftler und Staatstheoretiker beobachten wachsende Souveränitätsverluste. Der Staat tritt Kompetenzen an andere Gewalten ab, teils in geplanter und verfassungsmäßig vorgesehener Weise, teils außerhalb der vorgezeichneten Bahnen. Europäische Kommissionen, das Internet und global agierende Konzerne scheinen ihn auszuhöhlen.Fenske bricht seine vergleichende Verfassungsgeschichte mit dem Ende des Ersten Weltkriegs ab, gewiss ein epochales Ereignis, gewiss aber nicht jene Zäsur für den modernen Verfassungsstaat, zu der er ihn stilisiert. Von den Staatsdenkern aus Weimar hätte er manche Anregung für die Fortführung seiner Schilderung durchs ganze zwanzigste Jahrhundert bekommen können. So aber ist sein Buch eigentlich eine enzyklopädische Geburtsgeschichte vieler moderner Staaten. Es widmet sich aus der optimistischen Perspektive des neunzehnten Jahrhunderts dem Aufstieg dieses Erfolgsmodells und ist sich dabei der Krisen und Wandlungen in seinem zweiten (und vielleicht schon letzten) Lebensjahrhundert nicht bewusst.Hans Fenske: Der moderne Verfassungsstaat. Eine vergleichende Geschichte von der Entstehung bis zum 20. Jahrhundert. Ferdinand Schönigh Verlag, Paderborn München Wien Zürich 2001, 577 S. , 88 Mark.AP Kopf George Washingtons: Auf diese Steine kann die Nation bauen. Das Mount-Rushmore-Nationaldenkmal (1940)