Joseph Weitzenbaum zählt zu den angesehensten Computerwissenschaftlern. Seit 1963 gehört er der Fakultät des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston an. Hier zu Lande berühmt geworden ist er mit seinem Buch "Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft" (Suhrkamp Verlag). Im neuen Studiengang "Electronic Business" an der Berliner Hochschule der Künste (HdK) ist Weizenbaum als wissenschaftlicher Berater tätig. Seit 1996 lebt er wieder in seiner Geburtsstadt Berlin, die er 1936 verlassen musste.Was sagt der Computerkritiker Joseph Weizenbaum zum Erfolg des Internet?Dass das Internet so schnell und zu einem so großen Massenmedium wird, hätte ich nicht gedacht. Vor etwa sechs Jahren habe ich zu einem Freund gesagt: Das Internet wird jetzt allmählich anwachsen. Vor einigen Tagen habe ich das Wirtschaftsmagazin "Fortune" nach langer Zeit mal wieder im Flugzeug gelesen und einen Schock bekommen: Alles drehte sich nur ums Web, die Artikel und auch die Reklame.Gefallen Ihnen die Angebote im Internet?Realität und Illusion liegen ziemlich weit voneinander entfernt. Es heißt, man könne mit Hilfe des Netzes auf jede Frage eine Antwort finden. Das stimmt natürlich nicht, denn gute Fragen zu stellen ist eine Kunst. Ein gute Frage ist wie ein Experiment in der Physik. Man muss viel Wissen und Erfahrung haben, um ein Experiment aufzustellen.Sie denken jetzt an komplexe wissenschaftliche Fragen.Eine Analogie zum CB-Funk: Vor 20 Jahren hatte jeder in Amerika eine CB-Funk-Anlage im Auto. Nach zwei Jahren hatten die meisten Menschen gelernt, dass sie mit jemandem sprechen, der sich bloß fünf Kilometer entfernt aufhält. Sie hatten sich nicht viel zu sagen, so dass die Geräte verschwanden. Heute hat jeder Fernfahrer CB-Funk, weil es ein beruflich wichtiges Instrument ist. Dasselbe wird mit dem Internet passieren. Die Leute werden desillusioniert, weil das Rumsurfen nach interessanten Dingen zu aufwändig ist. Für Profis aber, Wissenschaftler, Ärzte, wird das Internet wichtig bleiben.Das klingt elitär.Ich bin da in einem gewissen Konflikt. Gestern noch saß ich am Computer und habe im Web Sachen gefunden, die für mich sehr interessant waren. Ich nutze das Internet etwa fünfzehn Stunden pro Woche. Dazu gehört auch Homebanking. Dabei könnte ich die Überweisungen wahrscheinlich schneller auf die alte Art ausfüllen. Was halten Sie von E-Commerce? Könnte der Bereich nicht zukunftsträchtig sein?Noch heute morgen habe ich Software im Netz bestellt. Sehr praktisch. Im Laden ist sie oft nur schwer zu erhalten. Die können nicht jede Software vorrätig haben. Oder Bücher: Für ein Streitgespräch hatte ich einmal einige Philosophie-Bücher bei Amazon bestellt und am nächsten Tag per Kurierdienst erhalten. Dafür muss man viel bezahlen. Aber es funktioniert.Sie sind als Berater am Institut für Electronic Business an der HdK tätig. Was machen Sie dort?Electronic Business ist zu einem Modewort geworden. Der Traum ist, hier so etwas wie die Harvard Business School zu gründen, so dass Leute von überall aus der Welt zum Studieren herkommen, anstatt nach Harvard, Stanford oder zum MIT zu gehen. Ich glaube ganz bestimmt, dass es Platz für mehrere solcher Institutionen gibt. Doch muss sich das IEB erst noch beweisen. Weil die Leute ab und zu einen Rat brauchen, wurde eine Wissenschaftsberatung gegründet, an der ich teilnehme.Wie schätzen Sie die Situation im IT-Bereich in Deutschland ein? Ist der Vorsprung der USA noch einzuholen, oder wäre man besser beraten, sich eine Nische zu suchen?Ich denke an zwei Beispiele. Zum einen das Handy: In Skandinavien ist die Entwicklung selbst im Vergleich zu den USA weiter fortgeschritten. Das wäre so eine Nische. Oder der Automarkt - den haben zum großen Teil die Japaner in Amerika erobert. Obwohl die amerikanische Autoindustrie so mächtig war, haben sie es geschafft. Die Nische, die sie erobert haben, ist Qualität. Also existiert sehr wohl die Möglichkeit, eine Marktnische zu besetzen. Doch müssen es gute Ideen und fähige Menschen sein.Wohin, glauben Sie, wird sich die Informationstechnologie entwickeln?Wenn wir daran denken, dass das Internet eine Verbindung von vielen Computern ist, könnte man es als einen einzigen, riesigen Computer beschreiben. Es gibt Probleme, die so viel Rechenzeit brauchen, dass eine Lösung unmöglich erscheint. Auch wenn wir Computer haben, die tausend Mal schneller sind, hilft das wenig. Zum Beispiel lauschen wir mit riesigen Antennen in den Weltraum, um Signale von fremden Lebewesen zu empfangen, 24 Stunden am Tag. Das sind Millionen von Signalen, die nach Mustern überprüft werden müssen. Es gibt aber keinen Computer, der das alles erledigen könnte. Also werden Leute, die mit ihrem Computer ans Internet angeschlossen sind, gebeten, einen Teil dieser Signalmasse zu übernehmen, wenn sie gerade nicht selbst den PC benutzen. Das System checkt, ob mein Computer gerade beschäftigt ist, und wenn nicht, kriegt er eine kleine Kette zum Analysieren.Sind noch andere Anwendungen denkbar?Heutzutage beruhen etwa Geheimschriften darauf, dass es sehr schwierig ist, eine Zahl als Primzahl, als unteilbare Zahl, zu analysieren. Bei einem 64-Bit-Schlüssel, also einer Zahl 2 hoch 64, wird es sehr schwer. Der amerikanische Geheimdienst kann nun eine 64-Bit-Codierung in einer vertretbaren Zeit analysieren, in zwei, drei Tagen, mit einem Riesenrechner. Bei 128-Bits ist es sehr zeitaufwändig und 256-Bits sind heute praktisch unmöglich zu entschlüsseln. Wenn man aber aus dem Internet einen Riesencomputer macht und jeder einzelne ein Stück der Rechenoperation übernimmt, könnte es klappen. So etwas war vor wenigen Jahren noch unmöglich.In Ihrem Buch "Die Macht der Computer" haben Sie 1976 vor einer Mystifizierung von Technik gewarnt. Besteht dazu heute noch Anlass?Niemand braucht zu wissen, was "packet switching" ist, obwohl das Internet darauf basiert. Wir verstehen Technologie bis zu einer bestimmten Tiefe. Die meisten Leute wissen, wie sie sie nutzen müssen, kennen aber die Physik dahinter nicht. Das Internet ist ein riesiger Müllhaufen, aber einer mit Perlen darin. Ich gehe daran vorbei und rümpfe die Nase, aber ich kann auch eine große Begeisterung entwickeln. Also verdamme ich die Technik nicht einfach, denn sie bezieht ihren Wert aus der Gesellschaft, in die sie eingebettet ist. Das Interview führte Helmut Merschmann."Die Technik bezieht ihren Wert aus der Gesellschaft, in die sie eingebettet ist. " J. Weitzenbaum BERLINER ZEITUNG/PONIZAK Joseph Weitzenbaum: "Das Internet wird die Menschen desillusionieren. "