Ein erfahrener Konzertveranstalter hat dem Rezensenten einmal hinter vorgehaltener Hand anvertraut, der Berliner besuche lieber große Orchesterdinger als Kammermusik, nach dem Motto: "Warum soll ich für vier Leute auf dem Podium zahlen, wenn fürs selbe Geld gleich hundert dort sitzen können?" In Berlin liebt man eben den großen Rums, in der Kulturpolitik wie in der Kultur selbst.Natürlich gibt es trotzdem Hörer, die wissen, was sie an der Kammermusik haben. Dort gibt es keine klanglichen Überwältigungsstrategien, keine orchestralen Nebelwerfer, keine röhrenden Starsänger. Es gibt auch keine Musiker, die frustriert und verdrossen im zweiten oder dritten Glied ihren Dienst verrichten. Denn in der Kammermusik ist jeder Beitrag gleich wichtig, und die Musiker wissen ihr Geschäft der Nuancierung auch noch der winzigsten sinnlichen Einzelheit hier mit dem besonderem Anspruch des Ganzen verbunden.Das klingt nach allgemeiner Einleitung und ist doch schon ganz nah bei der Sache. Denn wer das Glück hatte, am Donnerstag im Kleinen Saal des Konzerthauses das ganz wunderbare Konzert des Petersen Quartetts zu erleben, dem ging das alles als sinnlich-begriffslose Erfahrung auf. Beim Petersen Quartett darf man nicht an den bekannten Spruch von den vier Individualitäten denken, sondern eher an den alten Witz "Man müsste Quartett spielen können". Das Faszinierende an diesem Ensemble ist nämlich, dass sein Klang so einheitlich, homogen und körperhaft wirkt, als würde da ein Einziger auf vier Instrumenten spielen, mit sich selbst in innigem Gespräch versunken.Absichtsvoll dunkelDie erste Geige hat ja in vielen Quartettkompositionen doch die Führungsrolle inne, und so macht sich bei so manchem Primgeiger eine gewisse déformation professionnelle bemerkbar, der Drang, sich durch höheren, brillanteren, oft dann auch etwas angestrengt-quietschigen Klang hervorzuheben. Conrad Muck aber spielt absichtsvoll dunkler, klanglich zurückgenommen, sich in das Quartettgesamt integrierend und, wo nötig, auch unterordnend. So vollzog sich in den ersten Takten von Joseph Haydns Streichquartett op. 20, 1 in Es-Dur der Übergang von der melodieführenden Violine zu den absteigenden Linien in Bratsche und Cello so zwanglos, ja kaum merklich, wie man das Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagert.Oder der wunderbare dritte Satz, das "Affettuoso e sostenuto" in As-Dur: Hier spielte das Quartett das Gewebe aus mal stärker, mal schwächer hervortretenden Linien so vielstimmig und doch so homogen, als wäre es eine Bach-Fuge. Auf der Ebene der Klanglichkeit, das war bei Haydn deutlich spürbar, hat das Petersen Quartett sehr wenig von der so genannten authentischen Aufführungspraxis übernommen. Es verwundert nicht, unter den Mentoren des 1979 an der Eisler-Hochschule gegründeten Ensembles (von der Originalbesetzung spielt freilich nur noch Bratschist Friedemann Weigle) auch das Amadeus-Quartett zu finden. Bei aller Differenziertheit des Klangs ist seine Verankerung im singenden, in sich expressiven Ton unverkennbar. Eben das hat in Ernst Kreneks Quartett-Miniaturen op. 116 die ganz und gar konventionelle Wurzel des spätromantischen Charakterstücks auf beeindruckende Weise freigelegt.Sinn für TimingEbenso bewundernswert wie diese Kultur des Zusammenklangs ist aber auch das Timing des Quartetts, sein Sinn für straffe, aber niemals überhastet wirkende Tempi und für rhythmische Präzision: Ob es nun die kleine Linie der ersten Violine in Haydns Allegro moderato war, die mit ihren punktierten Rhythmen plötzlich gleichsam in der Luft hängen bleibt, oder die großartig witzigen Pizzicato-Effekte des Scherzo-Trios in Anton Bruckners Streichquintett - der Sinn dafür, dass Pointen auf den zeitlichen Zehntelmillimeter genau gesetzt werden müssen, ist bei diesem Quartett so tief verankert wie bei wenigen seiner rhythmisch gern etwas lascher agierenden Kollegen.Aus Bruckners Quintett glaubte man die Miniatur-Symphonie herauszuhören, sogar die Einsätze der Holzbläser oder des Blechs. Diese quasiorchestrale Klangfülle - und die dialektische Einsicht, wie viel Kammermusik auch in einer Bruckner-Symphonie steckt - war nicht zuletzt dem so kraftvollen wie sonoren Einsatz des prominenten Gasts an der zweiten Bratsche, Gerard Caussée zu verdanken.Es war, wie gesagt, ein wunderbares Konzert, und wer es versäumt hat, dem bieten sich noch zwei Gelegenheiten, das Petersen Quartett zu hören. Denn an diesem Wochenende wird es noch zwei Konzerte spielen: neben weiteren Stücken von Haydn und Krenek gibt es Musik des genialischen, früh verstorbenen Belgiers Guillaume Lekeu, die "Chanson perpetuelle" von Ernest Chausson, und Robert Schumanns Klavierquintett.Das Petersen Quartett spielt am Sonnabend und Sonntag, jeweils 20 Uhr, im Konzerthaus. Karten: 20309-2101/2102IMPRESSARIAT SIMMENAUER Das Petersen-Quartett: Conrad Muck, Violine, Jonas Krejci, Violoncello, Friedemann Weigle, Viola, und Daniel Bell, Violine (v. l. ).