Vor einer Woche behauptete an dieser Stelle der japanische Sozialphilosoph Kenichi Mishima, dass die erstaunliche Ruhe und Disziplin der Menschen in der Katastrophe nichts typisch Japanisches seien. Die Deutschen verhielten sich in ernsten Situationen - nach Kriegsende oder bei der Flut in Sachsen - genauso diszipliniert. Der seit über 50 Jahren in Deutschland lebende Germanist Kennosuke Ezawa entdeckt aber durchaus typische japanische Eigenschaften, die tief in die Gesellschaft wirken - zum Teil mit lähmenden Folgen.Nach Tagen der Beschwichtigung und dem häppchenweise Preisgeben von Informationen durch Regierung und Kraftwerksbetreiber lassen die Japaner ihrer Wut inzwischen auch öffentlich freien Lauf. Wie ist die bislang so stoische Leidensfähigkeit zu erklären?Die positive Seite dieser unglaublichen Selbstbeherrschung zeigt sich etwa im Fehlen von Plünderungen. Alles liegt herum, aber keiner nimmt sich etwas. Das hat auch seine Schattenseiten. Vor allem bei jungen Japanern finde ich es erstaunlich, wie konservativ sie sind. Sie passen sich an und verhalten sich wie schon ihre Großeltern. Ich bekomme manchmal Briefe von Studenten, geschrieben in einem so altertümlichen Japanisch. Nur Floskeln. Bei einem alten Mann würde mich so etwas nicht wundern. An der Sprache merke ich, dass in Japan noch immer eine Gesinnung wie vor 150 Jahren herrscht. Man kann aber nicht immer nur lächeln, ausweichen und verzweifelt den Schein aufrecht erhalten. Man muss sich auseinandersetzen. Das zeigt die aktuelle Katastrophe.Ist diese Selbstkontrolle auf den noch immer starken Einfluss der äußerst konservativen Staats- und Sittenlehre des Konfuzianismus zurückzuführen?Ja, der Einfluss ist sehr stark. Diese Lebensweisheit steckt tief in den Japanern, die auch besagt, selbst in schwierigsten Situationen gelassen zu bleiben, nicht zu streiten. Das kommt vom Konfuzianismus. Dazu kommen buddhistische Einflüsse, die den Menschen nicht als Individuum, sondern als kleinen Teil des großen Ganzen, der Welt sehen. Daraus erklärt sich der hohe Stellenwert von Familie und Gesellschaft. Individuelle Freiheit hat keine Bedeutung.In Europa sieht man das entgegengesetzt.In der westlichen Welt herrscht die Sicht vor, dass ein Individuum eine Welt schaffen kann, die mit Hilfe der Wissenschaft und Technologie aus sich herauswachsen kann. Ein Individuum kann neue menschliche Realitäten schaffen. Diese verborgenen Chancen kann man aber nur nutzen, wenn man lernt, aus sich herauszugehen und eine Welt zu schaffen, die nicht nur einem selbst gehört. Diese Sicht muss den Japanern bewusst gemacht werden. Mein Lehrer, der große Germanist Tsugio Sekiguchi, gab mir auf meinen Weg nach Deutschland mit: Gehe aus Dir hinaus und Du wirst Dich selbst finden, setze Dich auseinander. Das musste ich mühsam lernen.Die Japaner sollen also lernen zu streiten?Der Sinn des Streitens ist, aus sich herauszugehen, um eine gemeinsame Welt schaffen zu können. Als ich 1958 das erste Mal nach Deutschland kam, wollte ich nicht nur ein netter Ausländer bleiben, sondern als Kollege respektiert werden. Dazu musste ich lernen, mich zu behaupten. Die Deutschen lieben es, zu streiten. So gewinnt man Respekt und kann Probleme lösen. Streitet man in Japan, wird man für immer gemieden. Ich habe Freunde fürs ganze Leben durch ein einziges hässliches Wort verloren. Es wird nicht geredet, man zieht sich zurück. Schon den Kindern wird gesagt: Ein kluger Mensch streitet nicht. Das ist ein moralisches Prinzip.Das war im Umgang mit der Katastrophe im Land zu spüren.Genau. Wie sehr die Japaner die offene Auseinandersetzung scheuen, zeigt das lange Herunterspielen der Gefahren, die von den Reaktoren in Fukushima ausgehen. Warum hat man nicht sofort umfassend informiert, nicht sofort Hilfe dazu geholt? Diese Unfähigkeit Fehler einzugestehen, das ärgert und enttäuscht mich.Sie zeichnen das Bild einer zweigeteilten Gesellschaft. Wirtschaftlich hochentwickelt, gesellschaftlich aber im vorletzten Jahrhundert verwurzelt.Nach der Entscheidung der Meiji-Regierung 1868, sich dem Westen zu öffnen, haben die Japaner schnell die von dort kommenden Techniken, Handwerke und Handelsformen gelernt. Östliche Tugend und westliches Können - das war der Slogan des modernen Japans. Auch im äußeren Erscheinungsbild haben wir uns rasch angepasst. Im Kern aber haben sich die Japaner nicht verändert. Doch solange wir uns nicht ändern und die Europäer nur von außen betrachten und bewundern, bleiben wir draußen. Die japanische Gesellschaft muss sich verändern.Warum?Japan ist trotz wirtschaftlicher und technologischer Erfolge weltpolitisch gesehen völlig machtlos. Das ist ein merkwürdiger Widerspruch. Das Schlimmste ist, dass Japan nicht einmal in Asien Einfluss hat. Chinesen, Koreaner, Inder oder Indonesier wollen wenig mit Japan zu tun haben.Was angesichts der äußerst aggressiven Territorialpolitik im letzten und vorletzten Jahrhundert nicht verwunderlich ist. Eine wirkliche Aufarbeitung dieser Zeit hat es bislang auch nicht gegeben.Die Japaner wollten ein ostasiatisches Imperium errichten. Mit ihrer Niederlage im Zweiten Weltkrieg ging ihnen dieses weltpolitische Ideal zum Glück verloren. Es wurde aber durch kein neues ersetzt. Japan zeigt keinerlei Interesse mehr, politische Verantwortung über die eigenen Grenzen hinaus zu übernehmen. Chancen gab es. Mit der moralischen Autorität des Leidtragenden der Atombomben sie eine internationale Friedensinitiative entwickeln und eine Führungsrolle übernehmen können. Im Umweltschutz haben Japaner interessante Lösungen anzubieten. Aber sie trauen es sich nicht zu. Es fehlt etwas.Was soll das sein?Das ist die Frage, die sich jeder stellt. Die Japaner sind nicht faul, die Leistungsbereitschaft ist da. In den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts gab es eine Japan-Euphorie. Das Land machte wirtschaftlich einen Riesensatz, schien unschlagbar. Aber die Technologie war nicht die eigene. Es waren nicht die eigenen Ideen und Entwicklungen. Daran mangelt es. Auch hier macht sich wieder der konfuzianische Einfluss bemerkbar. Anders als in der westlichen Welt zählt in erster Linie das Alter, nicht das Können. Ein junger Ingenieur, selbst wenn er merkt, dass sein Vorgesetzter einen Fehler macht, wird nicht den Mund aufmachen. Das gehört sich nicht. Die Hierarchie erstickt das Selbstbewusstsein, die Kreativität und das Entstehen neuer Ideen.Könnte die Katastrophe die japanische Gesellschaft verändern?Sie könnte tatsächlich eine Chance für die Japaner sein. Plötzlich sprechen alle über Japan, die Zeitungen sind voll . Es könnte der Anfang für eine gesellschaftliche Öffnung und für Austausch sein. Das kann das Selbstbewusstsein der Japaner stärken. Denn in geistiger und sozialer Hinsicht sind die Japaner noch lange nicht so weit wie die Europäer. Das zeigen Äußerungen wie die des Gouverneurs von Tokio, der von einer Strafe Gottes (tenbatsu) für Hab- und Sexgier sprach. Wie kann jemand mit einer so großen Verantwortung den Menschen selbst die Schuld an der Katastrophe geben und somit noch eine Last aufbürden. In Deutschland wäre so etwas undenkbar.Welche Rolle spielt der Tenno in der Gesellschaft?Wir hatten den großartigen Tenno Mutsuhito zu Beginn der Modernisierung 1868. Das war ein Genie. Danach gab es nur noch schwache Persönlichkeiten. Die Japaner haben wenig Respekt vor ihrem Kaiser. Er hatte nie politische Bedeutung.Dennoch steht er wie ein Symbol für die hierarchische Gesellschaft.Die Demokratie im Nachkriegsjapan wurde als ein von den Amerikanern aufgezwungenes, fremdes Prinzip angesehen und auch als solches ohne eigene Verantwortung praktiziert. So betrachte ich die Nachkriegszeit in geistiger Hinsicht als Misserfolg. Trotz der bitteren Erfahrungen des verlorenen Krieges ist dort im Namen der Demokratie kein neues, tragfähiges Menschenbild entstanden. Dadurch sind die Japaner auch merkwürdige Menschen geworden, die sich in die internationale Gesellschaft nicht integrieren können. Darin liegt meiner Ansicht nach das größte Problem Japans in der Gegenwart.Das Gespräch führte Kerstin Krupp.------------------------------Der Kritiker

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