Jessica setzt sich hin, denkt an ihren Freund und schreibt Stichworte auf. So entsteht der Titel "Shield Against My Sorrow". Jedenfalls beinahe so. Ein bisschen arbeitet Vocalcoach Nik Hafemann nach, komponieren noch Leslie Mandoki und Laszlo Bencker, spielen Julian Feifel, Ossi Schaller und andere Musiker ein, mischt Red-Rock Production mit und kümmert sich die Plattenfirma. Dann ist der Song fertig, von dem Jessica behaupten darf, sie habe großen Anteil daran gehabt. Immerhin, sie hat das Lied eingesungen - obwohl sie auch da ein bisschen Verstärkung hatte: Denn Jessica ist nur Teil eines Gesamtkunstwerkes. Fünf Stimmen harmonieren so unverschämt miteinander, dass sie als No Angels überaus erfolgreich sind. Dem Gesangsquintett wurde anfangs ein kurzes Sternchendasein, spätere Bedeutungslosigkeit u.a. vorhergesagt. Nur dies nicht: Dass die No Angels mit ihrem zweiten Album ("Now . Us!") an den Erfolg des ersten ("Elle ments") anknüpfen würden. Bisher haben sie zwei Millionen Singles und eine Million Alben verkauft. Aus den fünf "Musiklabormäusen" sind Persönlichkeiten geworden. Beinahe jede ist auch als Solistin vorstellbar. Doch ihr Dilemma ist: Sie machen Pop. Sehr guten Pop zwar, aber die Kritik würdigt ungern, was das Boulevard schon für sich verschlagwortet hat: Vanessa hat darüber nachgedacht, auszusteigen. Sandy ist in einen Freund verliebt, mit dem sie schon mal zusammen war. Nadja findet ihre Pressefotos grausam. Und Lucy hat als Sechsjährige sogar Ost-Berlin besucht. So harmlos lassen sich beachtliche Stimmen auf Nebensächliches zusammenschreiben.Der Name No Angels hat nichts genutzt - die Damen haben ein erschöpfend artiges Image. Nun wehren sie sich immer öfter dagegen: Auf ihrem neuen Album persiflieren sie in "Something About Us" den Medienrummel und flehen zu Gott, dass er ihnen helfen solle, nicht mehr so viel Geld zu verdienen. In "Let s Go To Bed Baby" besingen sie den schnellen Sex. Diese beiden Songs wurden Hits, aber keine Überraschungen. Denn inhaltlich war die Kritik wieder so engelhaft verpackt, dass man - bis auf Reime wie "lay in bed with Yoko" auf "with a hot cup of coco" - nichts boshaft unterstellen kann. Und musikalisch geht es um Songs, die eigentlich verschwinden, wenn sie sich nicht durch hundertmaliges Hören eingehämmert werden. Das verwundert, denn die No Angels haben sicher beste Produzenten. Doch deren Arbeit orientiert sich leider nur am Üblichen (verfremdete Stimmen, eingesprengselte Latinoklänge). Dafür sind sie sehr sparsam mit eigenen Ideen (zaghafte Bässe, kaum Dynamik und zu viel Getummel in den oberen Oktaven). Dennoch hat das Album "Now . Us!" am Ende viele schöne Momente: So erinnert "Still In Love With You" mit seiner verträumten Gitarre an Chris Rea. "Like Ice In The Sunshine" ist der zweifellos gelungene Remix eines Werbesongs. Und "Stay" geht als kraftvolle Ballade ein, die ein wenig angejazzt und gelennykravitzt klingt.Man ahnt, dass Vanessa, Sandy, Lucy und Nadja mehr können. Man ahnt, dass sie das wissen. Und man wünscht ihnen, dass sie einmal wirklich eigene Songs entwerfen - auch als Einzelkunstwerk. No Angels Dienstag, 19 Uhr, Arena, Tel.: 61 10 13 13.Verdanken den Medien ihre Existenz - und sind ihnen konsequent ausgesetzt. Die No Angels.