BERLIN. Nach tagelangem Machtkampf hat die CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus eine neue Führung. Mit 33 Ja-Stimmen wählte die 37-köpfige Fraktion gestern den bisherigen Parlamentarischen Geschäftsführer Frank Henkel zum Vorsitzenden. Zuvor hatten die Abgeordneten ihren bisherigen Fraktionschef Friedbert Pflüger abgewählt. Zuletzt hatten sich sogar die Anhänger Pflügers von ihm distanziert.Das Abstimmungsergebnis fiel jedoch nur knapp gegen den Fraktionsvorsitzenden aus. Gegen Pflüger stimmten in geheimer Wahl 26 der 37 Abgeordneten. Das war nur eine Stimme mehr als die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit. Für Pflüger votierten zehn Parlamentarier, es gab eine Enthaltung. Pflüger, der sich tagelang gegen Rücktrittsforderungen gewehrt hatte, sagte: "Ich habe meinen Posten verloren, aber nicht meine Selbstachtung." Frank Henkel sagte, er erwarte, "dass die Union nun zu ihrer Geschlossenheit zurückkehrt und sich ausschließlich auf den rot-roten Senat konzentriert".Pflüger hatte vergangene Woche auch Anspruch auf den Parteivorsitz erhoben und damit Parteichef Ingo Schmitt herausgefordert. Nachdem Pflüger in einer kontroversen Nachtsitzung mit den einflussreichen CDU-Kreisvorsitzenden einen Rückzieher von seiner Kandidatur gemacht hatte, verurteilte er zwölf Stunden später die Einigung mit den Kreisvorsitzenden als "faulen Kompromiss", dem er sich nicht mehr verpflichtet fühle. Diese Kehrtwende verursachte Fassungslosigkeit auch bei denjenigen in Partei und Fraktion, die Pflügers Kurs, die CDU zu einer "liberalen Großstadtpartei" zu machen, und seine Annäherung an Grüne und Liberale unterstützten.Übel nahm ihm die Fraktion auch, dass er nicht von sich aus sein Amt niederlegte, sondern auf der Abwahl bestand - und damit tagelang negative CDU-Schlagzeilen in Kauf nahm.Nach heftiger innerparteilicher Kritik am schlechten Krisenmanagement der CDU und dem Vorwurf inhaltlicher Schwäche sowie an Intrigen im Hinterzimmer hatte wie berichtet auch Parteichef Schmitt am Mittwoch angekündigt, im Mai 2009 auf sein Amt zu verzichten.Henkel, bisher innenpolitischer Sprecher der Fraktion und ein Vertrauter Schmitts, deckt konservative Recht-und-Ordnung-Themen ab. Er sah gestern in seiner Wahl dennoch keine Abkehr vom liberalen Kurs Pflügers: "Es ist Unfug, dass der Kurs der Partei hin zu einer modernen Großstadtpartei heute zu Ende ist." Es sei keine "Richtungsentscheidung, sondern eine Personalentscheidung" in der Fraktion gefallen. Zwei Abgeordnete hatten gegen ihn gestimmt, zwei enthielten sich.Der Fraktionschef der Union im Bundestag, Volker Kauder, sagte, die Umstände der Personalentscheidung in Berlin seien traurig. "Ich kann nur hoffen, dass in Berlin ein kraftvoller Neuanfang gelingen kann." Auch CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla rief die Berliner CDU zur Ordnung auf. "Die Vorgänge im Berliner Landesverband sind kein Ruhmesblatt. Die Bundespartei erwartet, dass schnellstmöglich wieder Ruhe und Stabilität einkehrt", sagte er. Pflüger habe der Berliner CDU als Fraktionsvorsitzender wichtige Impulse hin zu einer modernen Großstadtpartei verliehen. "Dieser Weg ist richtig und muss weiter verfolgt werden." Die Bundeskanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel hatte Pflüger 2006 zu seinem Berliner Engagement ermutigt.Pflügers politische Zukunft ist unklar. Er hat erklärt, er wolle in Berlin Abgeordneter bleiben. Pflüger sitzt im CDU-Bundespräsidium.Die Grünen-Landeschefin Irma-Franke Dressler sagte, die CDU habe mit der Abwahl Pflügers ihr rückwärts gewandtes, provinzielles Gesicht offenbart. Wenn Pflüger sein Konzept für eine moderne Großstadtpolitik fortsetzen wolle, "dann würden wir ihn aufnehmen".Tagesthema Seite 2, Leitartikel Seite 4------------------------------Foto: Ende einer Berliner Karriere: Friedbert Pflüger, 53, nach seiner Abwahl als CDU-Fraktionschef: "Ich habe meinen Posten verloren, aber nicht meine Selbstachtung."