Schon auf dem Weg ins Souterrain ihrer Dahlemer Villa entschuldigt sich Ruth Gross für die Enge dort. Sobald sie aber die Kisten und Tüten öffnet, die dort versammelt sind, gehen ihren Gästen die Augen über. Hier liegen die Fotos, die ihr Vater, der Pressefotograf Abraham Pisarek, seit 1929 gemacht hat. Darunter sind berühmte Aufnahmen von Schauspielern wie Helene Weigel, Gustaf Gründgens, Wolfgang Heinz, Ernst Busch. Da sind die einzigen Bilder vom Begräbnis des Malers Max Liebermann sowie unzählige aus dem jüdischen Leben seit den 30er-Jahren. Darunter sind auch die berühmten Fotos vom Vereinigungsparteitag der KPD und der SPD 1946, als sich Otto Grotewohl und Wilhelm Pieck die Hand gaben. Der Händedruck wurde später stilisiert zum Abzeichen der SED.Im Oktober wäre Abraham Pisarek 100 Jahre alt geworden. Doch das hat nur seine Familie bemerkt. Dabei gingen viele der Fotos in die Geschichte ein, sie liegen im Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, in der Dresdner Fotothek, im Berlin-Museum. Nur Pisareks Name steht selten darunter. "Das ist nicht gerecht", sagt seine Tochter. Aber das war nur ein Grund, warum sich Ruth Gross 1983, nach dem Tod des Vaters, entschloss, sein Archiv aufzuarbeiten und sich um die Nutzung selbst zu kümmern. Wichtiger war, dass sie heute oft als Einzige weiß, welche Personen auf den Fotos sind, welche Geschichten sich dahinter verbergen. "Als Kinder waren wir ständig bei der Arbeit dabei. Wir haben die Filme beschriftet, die Lampen gehalten, und für Kinderfotos waren wir das Motiv", erzählt Gross. Stets, wenn die Jüdische Gemeinde für die Winterhilfe oder für Feste Plakate brauchte, fotografierte Pisarek seine Kinder. Die Tasche der Leica-Kamera steht nun im Archiv, wie Pisareks Porträt von Thomas Mann mit dessen Widmung.Kaum ein Buch über das jüdische Leben in Berlin und die Berliner Theater der 30er- bis 60er-Jahre ist ohne Pisareks Fotos entstanden. Heute füllen die Bände damit ein ganzes Regal. "Auch das Jüdische Museum konnte nicht ohne Fotos aus meinem Archiv auskommen", bemerkt Ruth Gross und meint es nicht eitel. So ist es eben, weil ihr Vater so viel gearbeitet hat. Und weil an die Verbrechen der Nazis erinnert werden soll. Seit der Wende hat ihre Arbeit einen neuen Aufschwung genommen. "Dabei dachte ich, irgendwann wird es stiller um das Thema", sagt Gross.Anhand des Lebens der Pisareks lässt sich über jüdisches Leben in Berlin viel erzählen. Sie hatten zuerst in einer Sozialsiedlung in Reinickendorf gewohnt. Aber schon 1936 erklärte die Verwaltung den Pisareks, sie seien für die Nachbarn "unzumutbar". Da zogen sie in die Oranienburger Straße, links neben das Postfuhramt. Nur wenige Meter weiter, im Haus des damaligen Jüdischen Museums, arbeitete Pisarek. Als einer von wenigen Juden überlebte er den Faschismus in Berlin, weil seine Frau Berta deutschstämmig war, obwohl sie aus Petersburg kam. "Jede Woche musste er zur Polizei", erinnert sich Ruth Gross. Die "Fabrikaktion" 1943, als die letzten jüdischen Zwangsarbeiter in der Rosenstraße zur Deportation inhaftiert wurden, traf auch Pisarek. Wieder rettete ihn seine Frau. Das Polizeimeldebuch gehört heute ebenso zum Archiv wie ein Exemplar der Nazizeitung "Stürmer", auf dessen Titelseite Fratzen die Juden diffamieren. Oder ein Fetzen gelben Stoffs, auf dem ein Stern aufgedruckt ist. "Die Sterne haben wir im Handarbeitsunterricht säumen müssen", sagt Gross.Nach dem Krieg kehrte Pisarek in die Reinickendorfer Siedlung zurück. Er mietete ein Fotostudio - erneut in der Oranienburger Straße - und wahrte seine Kontakte zur nun Ost-Berliner Theaterwelt. So wurde er im Kalten Krieg zum Grenzgänger, mit seinem VW-Käfer und einem Passierschein des Henschelverlags fuhr er fast täglich durch die Berliner Mauer. Auch vor dem Krieg war Pisarek ein Wanderer zwischen den Welten. In der Nähe von Lodz in Ostpolen geboren, hatte er von 1924 bis 1928 sein Glück in Palästina versucht. Am Ende wählte er Berlin.Durch die vielen Tage im Studio des Vaters lernte Ruth Gross nicht nur dessen Technik kennen, ihr gefiel auch der Beruf. Dennoch entschied sie sich für einen anderen Weg: Erst studierte sie Germanistik an der späteren Humboldt-Universität. "Da galt ich noch als Opfer des Faschismus", so Gross. Zwei Jahre danach wechselte sie zur Augenmedizin. Da nahm sie nur noch die neue Freie Universität. In der DDR störte bereits, dass sie kein FDJ-Mitglied war. Mit ihrem Bruder führte Gross dann 35 Jahre lang eine Praxis in Zehlendorf. "Ich wollte mich so auch von Vater absetzen", sagt Gross. Heute bestimmt er ihr Leben. Was mit dem Archiv wird, wenn ihre Kräfte einmal nicht mehr reichen, weiß Ruth Gross nicht. Sie hofft auf ihre Kinder, "die interessieren sich dafür". Die Bilder sollten in der Familie bleiben, in "guten Händen". In solchen jedenfalls, für die Faschismus eine Katastrophe bleibt.Fotograf des Berliner Lebens // Abraham Pisarek war seit 1929 Pressefotograf in Berlin. 1933 erhielt er von den Nationalsozialisten Berufsverbot und arbeitete nur noch für jüdische Publikationen. Von 1941 bis 1945 war er Zwangsarbeiter. Nach dem Krieg war er vor allem als Theaterfotograf tätig.Geboren wurde Pisarek 1901 in Przedborz bei Lodz. 1919 zog er nach Deutschland, von 1924 bis 1928 lebte er in Palästina. Dort arbeitete er auch als Steinmetz. Ab 1933 versuchte er, in die USA auszureisen. Rigide Einwanderungsgesetze vereitelten den Plan.Die Serie zum Händedruck von Otto Grotewohl und Wilhelm Pieck auf dem Vereinigungsparteitag von SPD und KPD 1946 gehört zu Pisareks bekanntesten Fotos. Berühmt sind auch Künstlerporträts, darunter von Helene Weigel, Thomas Mann und Hanns Eisler.Aufnahmen von Pisarek haben heute unter anderem die Fotothek Dresden und das Berlin-Museum.Das Foto-Archiv von Abraham Pisarek, vor allem der Bestand zum jüdischen Leben, befindet sich heute in Dahlem. Verwaltet wird es von seiner Tochter Ruth Gross.BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMANN Ruth Gross inmitten der Fotos ihres Vaters Abraham Pisarek und der Bücher, in denen die Fotos verwendet wurden.ABRAHAM PISAREK Ein Foto aus Pisareks Serie zum Händedruck, mit dem W. Pieck und O. Grotewohl die KPD und SPD vereinen.