Künftig ist das Fernsehen um eine Gerichtsshow ärmer. Punkt. Bei den meisten TV-Endverbrauchern dürfte diese Nachricht ein Achselzucken, ja sogar ein Gefühl der Erleichterung hervorrufen. Dass es die allererste Justiz-Daily im deutschen Fernsehen war, die heute nach vier Jahren und 637 Folgen zum allerletzten Mal ausgestrahlt wird - wen kümmert s?Andererseits, bei näherem Hinschauen also, verschwindet mit dem "Streit um 3" weit mehr als irgendeine Fernsehsendung. Vielleicht verschwindet sogar nicht nur ein intelligentes, informatives, amüsantes und reifes Stück öffentlich-rechtliches Nachmittagsfernsehen, sondern nach und nach das Format Gerichtsshow. Adé schöne ProtokollantinDie werktäglichen 45 Minuten "Streit um 3" bestanden aus drei "Fällen", aus Nachbarschaftsstreits und anderen Kleinlichkeiten, Zivilrecht, wie der Kenner sagt, vorgetragen an zwei Stehpulten, in einem hölzern als Gerichtsraum dekorierten Studio, auf dessen Besucherbänken ein paar Schaulustige herumrutschten, während vorn, neben seiner attraktiven Protokollantin, der Richter saß. Der Richter hieß Guido Neumann und war ein Mann mit viel Erfahrung und wenig Kopfbehaarung. Außerdem wartete draußen vor der Gerichtssaalkulisse noch ein schlaksiger Mann namens Ekkehard Brandhoff, um in den Verhandlungspausen mit dem weißhaarigen, stets von links ins Bild tretenden Rechtsexperten Wolfgang Büser zu plauschen. Brandhoff, Büser und Richter Neumann waren echt, Kläger und Beklagter hingegen Schauspieler, die Fälle ausgedacht, die Verhandlungen improvisiert, und die schöne Protokollantin heißt Ivonne Zipperle.Beim "Streit um 3" hatte ein Format seine Form gefunden. Hier war jede Folge bis ins Detail ritualisiert: Überleitungen, Jingles, Ablauf, das alles war nach dem immer gleichen Muster und doch stets liebevoll und leicht verschmitzt inszeniert. Und nicht nur das. Denn im Gegensatz zur privaten Konkurrenz von Barbara Salesch & Co, wo mit billigsten dramaturgischen Kniffen und viel Gezänk Mord, Totschlag, Vergewaltigung auf der Tagesordnung stehen, müffelte die öffentlich-rechtliche Variante immer ein wenig nach Bohnerwachs. Hier waren die Fälle selten der Rede wert, aber dafür oft skurril und hintersinnig. Kleine Einakter manchmal. Und ganz nebenbei lernte man beim "Streit um 3", dass es für den Urteilsspruch am Ende egal ist, wie sympathisch Kläger oder Beklagter rüberkommen und dass man die Hände vor Gericht gefälligst nicht in die Hosentaschen steckt.Eine Tradition geht zu EndeZuallerletzt aber beerdigt das ZDF auch eine mehr als 40-jährige Sender-Tradition, die in den 60er-Jahren mit dem "Fernsehgericht" begann und später mit dem gleichen Konzept (gut präparierte Stegreifdarsteller einerseits und echte Juristen andererseits) als "Ehen vor Gericht" und "Verkehrsgericht" jahrzehntelang gehegt und gepflegt und schließlich mit dem "Streit um 3" zeitgemäß fortgeführt wurde, bevor die zahllosen Gerichtsshows auf Sat 1 und RTL das anfangs auch beim ZDF erfolgreiche Konzept aufgriffen, inflationierten, herunterwirtschafteten und als billigen Talkshow-Ersatz missbrauchten. "So", sagte Richter Guido Neumann meistens nach einer Urteilsverkündung leicht ermattet, "damit sind wir hier jetzt fertig. Das war s. Sie können gehen, vielen Dank." - Doch halt! Eva Appel, Leiterin der gerade in Auflösung befindlichen "Streit um 3"-Redaktion, hält das Aus selbst für eine "richtige Entscheidung". Sechs bis neun Prozent Marktanteil seien nachmittags im ZDF einfach zu wenig. "Wir waren die Ersten, die damit angefangen haben", sagt sie, fast verschwörerisch, "und nun sind wir die Ersten, die damit aufhören..."Streit um 3, 15.10 Uhr, ZDF.