Abschlußkonzert des Karl-Klingler-Wettbewerbs für Streichquartett: Der Rhythmus erhält plastische Gestalt

In diesem Jahr fand der internationale Wettbewerb für Streichquartett der Karl-Klingler-Stiftung zum ersten Mal in Berlin statt, an dem Ort, an dem Karl Klingler (1879 1971) von 1910 bis 1936 Professor für Violine war. Seinerzeit war der Schüler Joseph Joachims einer der ersten Solisten Europas und Primarius des berühmten Klingler-Quartetts.Als die Nationalsozialisten jedoch von ihm verlangten, den jüdischen Cellisten seines Quartetts durch einen arischen Musiker auszutauschen, löste er demonstrativ das gesamte Ensemble auf. Nachdem er außerdem gegen die Entfernung von Bildnissen jüdischer Musiker in der Hochschule protestiert hatte, wurde er seines Amtes enthoben und mit Berufsverbot belegt. Von diesem Schlag hat sich Klingler nie erholt, er zog sich so gründlich in die innere Emigration zurück, daß er auch nach dem zweiten Weltkrieg nicht mehr auftrat.Ohne ersten PreisträgerZur Erinnerung an diesen großen Musiker gründete seine Tochter 1979 die Karl-Klingler-Stiftung, die sich der Förderung junger Streichquartette widmet und nun zum sechsten Mal einen Wettbewerb durchgeführt hat.Die Tatsache, daß der erste Preis, wie schon in den Jahren 1981 und 1986, diesmal nicht vergeben wurde, ist allerdings kein Indiz für eine Krise des Quartett-Spiels. Christoph Poppen, der Direktor der Hochschule für Musik "Hanns Eisler", in deren Räumen der Wettbewerb stattfand, betonte, daß im Gegenteil die hohe Qualität der Teilnehmer zu einer Teilung des ersten Preises zwinge, die jedoch den Statuten zufolge nicht zulässig sei. Daher gingen zwei mit je 25 000 Mark dotierte zweite Preise an das deutsche Kuss-Quartett und das französische Quatuor Johannes.Tatsächlich waren die Unterschiede zwischen diesen beiden Formationen und dem mit dem dritten Preis ausgezeichneten, ebenfalls französischen Quatuor Diotima zunächst hauptsächlich mit dem Auge festzustellen. Der gemeinsame Atem, der den Dialog der Instrumente verklammernde Rhythmus in Mozarts G-Dur-Quartett KV 387 erhielt in den geschmeidigen Bewegungen des Kuss-Quartetts geradezu plastische Gestalt. Und das wirkt dann doch lebendiger als die gewiß klangschöne, aber auch zu offenkundig kontrollierte Darstellung von Alban Bergs Quartett op. 3 durch das Quatuor Diotima.Daß das Kuss-Quartett mit der gleichen Souveränität auch kompliziertere Strukturen realisiert, bewies es mit der Uraufführung des Streichquartetts von Jörg Widmann, das der 1973 geborene Komponist im Auftrag der Karl-Klingler-Stiftung als Pflichtstück für den Wettbewerb schrieb. Die Partitur, der man sicher keine ohrenfällige dramaturgische Stringenz nachsagen kann, enthält an Spieltechniken so ziemlich alles, was Eindruck macht, und findet in der mit einem Sonderpreis ausgezeichneten Interpreta-tion des Kuss-Quartetts nachdrücklichen Publikumszuspruch.Klangprobleme im Kleinen SaalDas Quatuor Johannes präsentierte sich übrigens am Donnerstag im Konzerthaus doch deutlich weniger günstig als das Kuss-Quartett, obwohl es gleichwertig ausgezeichnet wurde. In Maurice Ravels einzigem Streichquartett hatte das Ensemble mit Intonation und brüchigem piano-Klang zu kämpfen, wobei die trockene Akustik des Kleinen Saals solche Schwächen gnadenlos aufdeckt. Erst im letzten Satz, Vif e agité, werden die Qualitäten der vier Musiker offenbar. Deren enormes Temperament und ein gewisser Hang zum Robusten kamen schon dem bodenständigen Tonsatz des ebenfalls als Pflichtstück angesetzten Quartetts von Hanns Eisler zugute. Für ihre vitale und intensiv sprechende Interpretation erhielt das Quatuor Johannes zu Recht einen Sonderpreis.