Über die Bilderflut - mancher sagt inzwischen auch "Bilderbrei" - in den kaum mehr zählbaren Berliner Galerien wird ja viel gejubelt. Oder geschimpft. Deshalb, weil der 99. Aufguss der Pop Art, des Action Paintings, des Expressionismus, Surrealismus oder des Romantischen Realismus die sich frappierend ausdehnenden Kunstszenen und -orte immer beliebiger werden lassen.Inmitten dieses Prozesses indes wagen Galeristen so etwas wie Verweigerung und gehen mit der Retro-Manie strikt und streng reduziert um. Als sollte das besagen: Weniger ist mehr. Die hundert Jahre alten Manifeste der Abstrakten, in denen Mondrian, Kandinsky, Malewitsch, Kupka, Adolf Hölzel oder Paul Klee die Befreiung der Bilder vom Ballast der gegenständlichen Welt forderten, scheint aufzuleuchten im Auftritt dieses Abstrakten-Quartetts in der Wendt + Friedmann Galerie. Und dazu kommen die strengen Formen des Minimalismus der Sechzigerjahre, dieses Bemühen um klare, einfache geometrische Primärstrukturen und das konzeptuelle, jedoch keineswegs unsinnliche Verbinden von Material, Licht, Raum.Die Berliner Galerie hat Imi Knoebel, den aus Dessau stammenden Düsseldorfer Altmeister der abstrakt-minimalistischen Malerei eingeladen und nur ein einziges Bild des einstigen Beuys-Schülers in einen Dialog gebracht mit den Arbeiten des jungen Malers Alex Klenz, Absolvent der Kunsthochschule Weißensee. Knoebels "Pure Freude", bestehend aus viel Grau und einem kleinen, blass lächelnden und wie schwerelos schwebendem Pink wirken als sanfte Ermunterung des Älteren für die ungestümen gelb-braunen Splitterformen des Jungen. Das von Klenz benutzte Material MDF, ein Material, das oft auch für Architekturmodelle genommen wird, trägt, je bändigt das heftige geometrische Gefüge.Klenz betont konsequent das Zweidimensionale seiner Malerei und desillusioniert die Vorstellung von Plastizität, die geometrischer Malerei immer wieder gern zugeschrieben wird. Er malt mit Alkydharzlack auf besagte MDF-Platten. Sperrige Formen werden durch akkurat mit Tape eingegrenzte Lackfarbfelder bedeckt. Der Trocknungsprozess dauert Tage, zumal der Maler oft bis zu fünf Schichten benötigt, um diese perfekten, "reinen" Oberflächen zu erreichen.Die "Unterhaltung" zwischen Knoebel und Klenz ist spannend: Knoebels Bildsprache ist von den russischen Konstruktivisten - vor allem Malewitsch - inspiriert und extrem reduziert auf die geometrischen Grundmotive. Klenz' schlichte und akribische Materialästhetik, dazu die leuchtenden Farben lassen seine Bilder wie kosmische Schwebeteile, mitunter aber auch Geschosse an der Wand wirken, die spitzigen, fast kristallinen Formen aber könnten, frei in den Raum entlassen, auch hart auftreffen. Das Gefühl jedenfalls hat man als Betrachter. Klenz' Geometrien haben Dynamik und Strahlkraft, Farbe drängt gegen Form, Linie gegen Struktur. Wucht trifft auf Poesie.Im Galerieraum davor entsteht zwischen Joerg Obenauers kinetischem vierteiligen Leuchtkasten- Objekt und den kleinen grünlichen Linienbildern Arne Schreibers eine Beziehung, die weniger lebhaft und reibungsvoll, weil auch weniger wahlverwandt ist, als die benachbarte Bildkonstellation Knoebel-Klenz. Und doch ist da Verbindendes zwischen dem Hanauer und dem Potsdamer: Es ist das Stille, Kontemplative ihrer Arbeiten.Auf eigens gefertigten Aluminium-Rahmen hat Schreiber Holzplatten nach dem Nut- und Feder- System aufgebracht. Diese einzelnen Platten wurden nach dem Ölfarben-Auftrag ausgetauscht und wieder zusammengesetzt. Schreibers Bilder bestehen aus Linien in hellen und dunkleren grünlichen Tönen. Sie strahlen Gelassenheit und Ruhe, aber auch leichte Melancholie aus. Aber ehe man sich ganz darauf einlässt, werden Gefühl und Gedankengänge durch das hörbare Aus-und Anknipsen der kleinen roten Viereckleuchten in Obenauers Wand-Installation gleich nebenan leise, aber bestimmt unterbrochen. Durch Dekonstruktion hinterfragt Schreiber das Originale eines Bildes. Viele Versionen sind möglich. Und doch hat jedes für sich seinen eigenen "Charakter".Obenauers Arbeit wiederum beweist, wie sehr sich ein Bild, in dem sich in rascher Folge etwas bewegt auch gleich unsere ganze Wahrnehmung verändert. Grundsätzlich aber stellen alle vier Künstler, der ältere souveräne Imi Knoebel wie die drei jüngeren bei diesem erfrischenden "Minimalistentreffen" mit all ihren elementaren Formen und Farben grundsätzliche Fragen an die Malerei heute.Und für uns Betrachter entspinnt sich ein merkwürdiger Faden zwischen den abstrakten Arbeiten der vier Künstler und unseren eigenen, mal ganz simplen, mal ganz hochfliegenden Assoziationen. Und siehe da, auf einmal wird abstrakte, minimalistische Kunst ausgesprochen kommunikativ.------------------------------Wendt +Friedmann Galerie, Zehdenicker Str. 13/Ecke Weinbergsweg, bis 7. Juni, Di-Sa 12-18 Uhr.------------------------------Foto: Imi Knoebels "Pure Freude": Grau und blass lächelndes Pink.Foto: Alex Klenz: "Braungelb", Lackfarbenfelder in splittriger Form.