Auf den Rücktritt Oskar Lafontaines von all seinen Ämtern reagierte die Öffentlichkeit bewegt. Doch die Welle von Gefühlsverunsicherung nahm bald ab, und an ihrer Stelle verschaffte sich Empörung Platz. Der Politiker wurde einem moralischen Urteil unterworfen; er habe Privates und Öffentliches unzulässig verknüpft, er habe Versprechen nicht gehalten, für seine Prinzipien nicht gekämpft, er sei seiner Pflicht nicht nachgekommen. Die Klagen machten bei der Person des Ministers und Parteivorsitzenden aber nicht halt. Bald wurde bemerkt, daß etwa auch der Bundeskanzler und kommende Parteichef vor denselben Maßstäben nicht würde bestehen können, einige Kommentatoren sahen Zeichen für den Niedergang der Demokratie.Hier hätte, nicht zum ersten Mal, eine Debatte über Moral in der Öffentlichkeit einsetzen können, aber zumindest in den Medien legte sich die Aufregung schnell. Vermutlich hätte den Konsumenten von Fernsehen, Radio und Zeitungen auch nicht gefallen, daß über den Souverän dieses Staates nicht besser zu urteilen wäre als über seine gewählten Vertreter. Es hat vereinzelt Politiker gegeben, etwa den Bundespräsidenten Herzog, die der Illusion, das Volk sei besser als seine Politiker, mit der Ermahnung beizukommen versuchten, wenigstens die Kinder sollten zu mehr Wertbewußtsein erzogen werden; das hat nicht viel bewirkt. Umgekehrt hält es der Pädagoge Hartmut von Hentig für geboten, das Denken über die heilende Kraft von Erziehung zu "ernüchtern", und liest dabei den Erwachsenen die Leviten. "Die Verantwortung für das, was eine demokratische Regierung tut, trägt das Volk", stellt Hentig fest: "Wenn es das nicht tun kann oder will, hat es keine Demokratie."Hentig, einer der bewährtesten Pädagogen der Bundesrepublik, hat ein Buch "über eine Erziehung für das 21. Jahrhundert" geschrieben. Zunächst räumt er mit der Ansicht auf, Erziehung könne etwas schaffen, was die Gesellschaft der schon erzogenen für sich nicht wolle; Pädagogik sei nicht dazu da, "die Verhältnisse zu verändern oder die Welt in Ordnung zu bringen." Überhaupt fängt Pädagogik für Hentig nichts an mit einem Denken, das Teilbereiche der Wirklichkeit voneinander trennt, um sie dann vielleicht für ein imaginäres Ganzes zu instrumentalisieren. Gegenstand der Pädagogik ist der ganze Mensch. Ihr Maß ist das Interesse des einzelnen im Zusammenhang seiner Gemeinschaft. Wie etwa das Wissen "keine von den politischen und moralischen Zwecken der Pädagogik trennbare Funktion" hat, so ist für Hentig auch Wertevermittlung nur Teil einer umfassenden Erziehung, und die ist wiederum Aufgabe und Ziel der ganzen Gesellschaft.Der einzelne ist am Gemeinwohl orientiert, und die gedeihliche Entwicklung des einzelnen liegt im Interesse aller, sagt Hentig. Erziehungsziele wie Gesprächsfähigkeit, Toleranz, Verständnis, Interesse an Gegenständen, Einsatz und Rücksichtnahme folgen daraus. Konsequenterweise entspricht Hentigs Modell der Erziehung durch Erfahrung innerhalb einer "Polis im Kleinen" den Anforderungen, die der Pädagoge auch an die Demokratie "im Großen" stellt. In beiden Fällen geht es um die Frage, wie man "das Bessere der alten Welt" bewahre und gleichzeitig die Aufgaben der Zukunft für alle ersprießlich löst. Nicht anders als in den Institutionen der Erziehung muß Hentig den "Diskurs um das Gemeinwohl" auch in den Institutionen der Demokratie in Bewegung bringen. Die wirkliche, die real existierende Demokratie verfehlt dabei die Anforderungen, die Hentig in seinem Modell stellt, sie wird zum Problemfall für die Pädagogik; unser Staat muß in die Schule. "Die Abgeordneten sollen lernen", empfiehlt Hentig, "das Volk soll lernen". Wahlplakate "sind nicht zulässig; sie entwürdigen den Wahlvorgang." "Lobbys sind untersagt".Das Wort Kants, der Mensch könne nur Mensch werden durch Erziehung, würde Hentig so nicht mehr verwenden, "man sieht, ich beginne zu resignieren", schreibt er an einer Stelle. Aber sein neues Buch ist auch nicht frei vom Menschheits-Pathos. Das nostalgisch Wegwerfende des Titels "Ach, die Werte!" sollte das Publikum nicht in die Irre führen. Hentig ist es ernst, nur glaubt er nicht daran, daß sich die alten Ideale vom guten Leben durch öffentlichen Beschluß restaurieren lassen. Immer noch hätten die Menschen aber ein Gefühl für das, was gut für sie wäre, und auch die alten Grundfragen Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? bleiben dem Leser weiter aufgegeben. Mehr als bisher müßten Schüler und Lehrer, meint Hentig, gemeinsam philosophieren. Hentig widerspricht den jüngeren Positivisten in der Pädagogik, die behaupten, alles sei gut, wenn die Kinder mit den Bedingungen der Medienrealität nur reibungslos zu Rande kämen. "Was immer Weltethos heißt, es entsteht nicht beim Ansehen der Tagesschau, beim Lesen des Spiegels oder beim Surfen durch das Internet". Nun ist aber eben dies die Wirklichkeit der sogenannten nachwachsenden Generation, überhaupt verbringt Hentigs philosophierbedürftige Gesellschaft viel Zeit vor ihren Bildschirmen. Auf den Bildschirmen sehen sich die Menschen, wie sie werden sollen; für Kinder ist es ganz natürlich, daß ihre Gesellschaft sie zu Konsumenten erzieht. Hierin hat Hentigs freundlich erzähltes Buch etwas alterswerkhaft Gerundetes. Das Gute der alten Welt die Ideen von der Würde des einzelnen und vom Heil des Ganzen wird noch einmal dargestellt auf eine Weise, daß man gerne zustimmt. Hier bringt sich ein Bild vom Menschen in Erinnerung, das ja auch der Empörung über die Politiker zugrunde liegt. Aber Hentig erliegt einer Illusion, wenn er unsere Wirklichkeit nun pädagogisieren möchte. Die schlechte Wirklichkeit selbst ist schon die Schule. Sie erzieht einen Menschen, der vielleicht mit den Ideen vom Guten bald nichts mehr anfängt.Hartmut von Hentig Ach, die Werte.Über eine Erziehung für das 21. Jahrhundert.Carl Hanser, München 1999. 160 S. , 25 Mark