Die Partymetropole Berlin ist vor allem für ihre "Off-Locations" bei Partytouristen beliebt: originelle, abgelegene Orte, in denen es sich ganz besonders ausgiebig und fernab von langweiligen Clubklischees feiern lässt - womöglich wild und gefährlich! Der Preis für die beste Off-Location 2010 geht schon jetzt an den Partysender MTV für die Auswahl des Drehorts für das Sido-Unplugged-Konzert: dieses wurde am Donnerstagabend im Fontane-Haus im Märkischen Viertel aufgezeichnet.Das Fontane-Haus liegt etwas versteckt hinter der Shopping-Mall "Märkisches Zentrum" am Wilhelmsruher Damm und gleicht architektonisch einer dörflichen Stadthalle im 70er-Jahre-Plattenbaustil. Das vollkommen aus der Zeit gefallene Veranstaltungszentrum, das ansonsten verschiedenen Vereinen wie der Fahrbibliothek Reineckendorf oder der Seniorenfreizeitgruppe "Club der Lebensfrohen" als Treffpunkt dient, war an diesem Abend der "Place to be".MTV und die sonst an der Mediaspree gelegene Schallplattenfirma Universal hatten Fans von der Straße geholt und Medienpartner eingeladen, um zu Freibier und vor allem Taurin-Getränken ein Ereignis ganz besonderer Klasse zu feiern: Sido gab sich nämlich - laut Information auf seiner Internetseite - die Ehre, sich als erster deutschsprachiger Rapper in die glorreiche MTV-Unplugged-Serie einzugliedern. Zwar haben dort bereits die Fantastischen Vier oder auch die Söhne Mannheims gespielt, aber da muss man dem Mann, der mit seinem Heimathit "Mein Block" dem Märkischen Viertel ein echtes Denkmal gesetzt hat, auf jeden Fall zustimmen: Das sind Popmusiker, die Sprechgesang betreiben - keine Rapper!So bot Sido ein kurzweiliges Aggro-Berlin-Programm, musikalisch jazz-funkig untermalt von Posaunen, Vibrafon, Trommeln, Klavier, Mundharmonika, Bass, Gitarre und einem echten "Human Beatboxer": einem Menschen also, der mit seiner Stimme eine ganze Band nachahmt. "Unpluggeder" geht's nicht!Sehr schön auf jeden Fall auch das Bühnenbild, den hässlichen Plattenbauten im Viertel nachempfunden. Sido saß vor der Band und den Fassaden auf einer Bank, ausgestattet mit einer Flasche Braunschweiger Kräuterlikör, und empfing Gäste wie die Berliner Rapper K.I.Z., den prominenten Mundart-Pausenclown Kurt Krömer und als besondere Sensation den Ex-Trio-Sänger Stephan Remmler zum gemeinsamen "Da Da Da" rappen.Ab und zu mussten Songs wiederholt werden, weil es kleine technische Pannen gab oder die Instrumente einfach mal wieder gestimmt werden mussten. Sido gab in solchen Zwangspausen interessante Details über seine entzündeten Mandeln und die Wundermittelchen Antibiotika preis - mehrfach begrüßte er seinen anwesenden Hals-, Nasen- und Ohrenarzt!Vor der Bühnenbild-Häuserfassade hüpfte irgendwann eine Gruppe glücklicher Kinder herum, spielte Softball, turnte und wippte abwechselnd auf einem Schaukelpferd, um am Ende des Sido-Songs "Augen Auf" mit einzustimmen: "Mama mach die Augen auf / treib mir meine Flausen aus / Ich tät' so gern erwachsen werden / und nicht schon mit 18 sterben / Papa mach die Augen auf / noch bin ich nicht aus dem Haus/ du musst trotz all der Schwierigkeiten / Zuneigung und Liebe zeigen"Ein großer Gala-Moment! Wenn man bedenkt, das Sido zunächst maskiert und als "Super Intelligentes Drogenopfer" mit dem Lied "Arschficksong" über das Internet zur Deutschraplegende wurde, wirkte diese Fernsehaufzeichnung versöhnlich wie eine Folge der "Sopranos": Jede Familie hat schließlich ein schwarzes Schaf, und es ist uns am Ende immer noch sympathischer,als die Banker und Politiker dieser Welt. Und wenn ein Kinderchor mit einstimmt, dann wird selbst ein Hip-Hop-Konzert zur heiligen Messe: Ja, wir sind alle Sünder - und Gott vergebe uns! Oder um es mit Sidos Worten zu formulieren: "Ich hab viel Scheiß gebaut, ach egal - amen!"Auf dem Heimweg beobachte ich im McDonald's-Restaurant im Märkischen Zentrum eine Horde Jugendlicher, die sich dort mit mitgebrachten Bieren besäuft. Am Bahnhof Wittenau hängt ein Plakat vom Misereor-Hilfswerk, auf der die Schlagermoderatorin Carmen Nebel mit den Worten "Armut ist keine Show. Also nicht länger zuschauen" zitiert wird. Misereor hat dazu den Slogan "Mit Zorn und Zärtlichkeit an der Seite der Armen" abgedruckt. Das Motto hätte doch viel besser zu Sido gepasst, denke ich und steige durchgefroren in die S-Bahn ein.