BERLIN. Wäre Berlin eine einzelne Person, müsste man von wohl einem Glückspilz sprechen. Die Stadt hat in den letzten 25 Jahren so viel Glück gehabt, dass sogar den Urberlinern das Meckern vergangen ist, weshalb sie sich wiederum ein wenig fremd fühlen in ihrer Stadt. Wenigstens das, sonst wäre die Sache schon unheimlich.Jetzt kurz vor der Wahl hat man das Gefühl, noch nie habe Berlin so gut getan. Politiker, die in Berlin auf Veränderung drängen, haben jedenfalls schlechte Karten. Mit Veränderung werben nur die Konservativen und die Piraten, beide chancenlos. Ausgerechnet das breite linke Spektrum will dagegen, dass bleibt, was ist, und die Mehrheit der Bürger fühlt genau so. Von der Zukunft möchte man vor allem eins: von ihr verschont bleiben. Milieuschutz, Bestandschutz, Mieterschutz, Quartierschutz sind Berliner Lieblingsvokabeln. So beschleicht einen der Eindruck, dass Berlin, hätte es wirklich die Wahl, den Stillstand wählen würde. Genau hier, auf dem gefühlten Scheitelpunkt einer Übergangszeit, würde die Stadt Halt machen wollen und in Ruhe ihren Umbruch genießen.In einem Grundsatzpapier einer Bürgervereinigung, die sich "Stiftung Zukunft Berlin nennt", heißt es: "Wenn Berlin bleiben soll, wie es ist, muss es sich verändern." Solche Paradoxa liebt die Stadt, sie mopst sich darin mit Stolz und Behagen.Das Glück Berlins hat sich weltweit herumgesprochen. Reisten früher die Besucher mit einem gewissen Schauder in die Stadt, um sich die Wunden der Geschichte anzuschauen und soviel Tristesse zu schlürfen, dass es für die nächsten zehn Jahre reicht, kommt man jetzt hierher, um möglichst viele gute Tage zu haben. Das Zweitwohnungsgeschäft blüht. Ganz so, als gäbe es hier einen Strand. Und den gibt es ja auch. In den Kneipen südlich der Kreuzberger Admiralsbrücke herrscht am Nachmittag eine Stimmung wie früher in den Strandbars auf Gomera, wo sich die Kreuzberger Mütter trafen. Wegfliegen müssen sie nicht mehr. Nur das Meer fehlt.Allein, Berlin ist keine einzelne Person. Es sind 3 Millionen, 468 Tausend und 993 einzelne Menschen. Jeder von ihnen tickt anders. Was sie zusammenhält, was sie zu Berlinern macht, ob und wie sie das Glück der Stadt teilen, ist schwer zu sagen. Man kann in dieser Stadt ein paar Minuten U-Bahn fahren und taucht in einer anderen Welt wieder auf. Vom zerzausten Wedding kommend fühlt man sich am Ludwigkirchplatz in Wilmersdorf wie in einer einer französischen Sommerkomödie - ist das noch Berlin? Wo ist es überhaupt, das typische Berlin? An der Spree, deren endlich wieder weite Ufer noch immer brach liegen zwischen den hier gestrandeten Medienhäusern? Offene Räume, wüste Flächen, die mitten in der Stadt auf eine noch kommende Generation warten - in welcher anderen Großstadt gibt es das noch?Aktenkenner mit TrümmerkindseeleWas diese Stadt in ihrem Wesen ausmacht, ist umso schwerer zu sagen, je schneller sie ihren alten Rollen als Stadt der Geschichte, der Teilung und Vereinigung entwächst. Berlin entgleitet seinen angestammten Zuschreibungen, den selbst getroffenen und den von außen stammenden. Berlin rückt hinaus aus der faszinierenden historischen Nische, in der die Stadt jahrzehntelang uninteressant war für die großen Ströme des Kapitals, und normalisiert sich. Bislang haben die meisten Berliner von diesem Prozess profitiert, nun aber fürchten sie mit Recht, die Stadt könne ihren Charakter verlieren.Daher dieser absurde Hass auf die Schwaben, den ein paar anonyme Identitätsbewahrer auf Plakaten in Prenzlauer Berg und Kreuzberg austoben. Daher der Konservativismus selbst der autonomen Stadtteilhüter. Und daher rührt auch der Erfolg von Klaus Wowereits Wahlkampf, der auf nichts anderes ausgerichtet ist als auf auf die Parole "Berlin verstehen".Berlin verstehen - das ist für eine politische Agenda skandalös wenig, aber als Leitidee fast ein Heilsversprechen. Der Slogan zielt auf Identität, auf das Vermögen, uns alle unter einen Hut zu bekommen, zu verstehen, was diese Stadt ausmacht, und ihr Wesen zu retten auch in Zeiten wachsender Prosperität, steigender Mieten und globaler Investments.Der Bürgermeister als oberster Einwohnerversteher - in dieser eher passiven Rolle wäre der Selbstdarsteller Wowereit freilich eine glatte Fehlbesetzung. Als Identitätsversprechen funktioniert er, weil er die Stadt verkörpert in ihren soliden wie ihren spielerischen Zügen. Wowereit ist die ideale Projektionsfigur - offen für alles und doch ein unverwechselbarer Charakter! Inbild des knetbaren Berliners, der sich dank seiner Schnauze in Sekunden immer wieder neu zum Original formen kann. Es ist, als hätte es Franz Biberkopf aus Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" doch noch geschafft; er ist in seinem zweiten Leben in die Politik gegangen und Regierender geworden. So ist der Bürgermeister, dieser schlagfertige, tanzende Aktenkenner mit Trümmerkindseele zu einem Maskottchen der Berliner Identität geworden. Und er weiß es. Als Wahlkämpfer schmeißt er sogenannte Wowibären ins Publikum, die die Menschen statt seiner drücken können. Und statt wirksamer politischer Konzepte. Auf jenem Wahlplakat, auf dem ein Kind ihm das Krokodil Schnappi ins Gesicht drückt, küsst also gewissermaßen ein Stofftier das andere. Das ist die derzeit subtilste Form des Berliner Humors.Spricht man vom Glück Berlins, kommt man sofort auf die Kultur. Sie hat sich von einer finanziellen Bürde für die Stadt zu einem ökonomisch hoch geschätzten Faktor auf der Habenseite entwickelt, der immer mehr Menschen anzieht. Die Industrie starb, dafür kam noch mehr Kunst. Und mit ihr die ansehnliche Freibeuterschar der sogenannten Kreativwirtschaft aus Mode, Design und irgendwas mit neuen Medien. Allein die Clubszene der Stadt gibt 8000 Berlinern Arbeit. Nach Schätzungen des Senats leben hier 5000 bildende Künstler, 1200 Schriftsteller, 500 Jazzmusiker. Es gibt 1500 Popgruppen und ebenso viele Chöre, 100 Orchester, 300 Theatergruppen und 1000 Tänzer. Wer das alles lesen, hören und ansehen soll, wissen die Götter nicht und nicht die Musen. Das Durchschnittseinkommen der freischaffenden Künstler beträgt etwa 1000 Euro monatlich, optimistisch gerechnet. Das ist steuerlich irrelevant, mehrt aber den Ruf der Stadt, die dadurch unaufhörlich weitere kreative junge Menschen anzieht, welche vom Leben mehr verlangen als ein Butterbrot.Das Glück Berlins ist auch in der Zehdenicker Straße zu Hause. Zieht man den Kopf tief ein und geht direkt von der Straße die enge Treppe hinunter ins Souterrain, befindet man sich in der Agentur Mashup Communications. Es ist eine von jungen Frauen betriebene PR-Agentur, die ausschließlich für neugegründete Unternehmen tätig ist, für sogenannte Start-ups. Die vor zweieinhalb Jahren gegründete Agentur ist also ein Indikator für den neuen Unternehmergeist. Mit den Berliner Start-ups läuft es so gut, dass die beiden Chefinnen inzwischen fünf Mitarbeiterinnen einstellen konnten. Ihre Kunden sind fast ausschließlich im Internet zugange; die Web-Plattform wimdu beispielsweise vermittelt Privatunterkünfte für Reisende weltweit in elf Sprachen. Oder storytude: Die mehrfache ausgezeichnete Smartphone-App, entwickelt von drei jungen Berliner Designern, bietet Stadtführungen auf dem Handy. Die Anwendung reagiert auf den Standort, an dem man sich gerade befindet, und liefert passende Erläuterungen und Geschichten. Oder Panfu, die Website für Kinder, in Berlin gegründet von der heute 32-jährigen Verena Delius, die es zuvor schon mit Sushi und Salatbars versucht hat und mittlerweile 60 Mitarbeiter beschäftigt.Nora Feist, 33, Mitinhaberin von Mashup Communications und Mutter eines zweieinhalbjährigen Sohnes, hat eine einleuchtende Begründung, warum Berlin so viele Gründertalente hervorbringt und anzieht: "Hier hält dich niemand für verrückt, wenn du erzählst, dass du einen Blog betreibst und demnächst davon leben willst. Niemand zieht dich runter, keiner lacht dich aus. Und wenn du schließlich im Bademantel auf dem Sofa sitzend dein Geschäft betreibst - das Ende muss das noch lange nicht sein."Sogenannte Business Angels beobachten die Berliner Gründerszene auf der Suche nach Leuten ohne Geld, aber mit guten Ideen, die sich in den von Apple und Microsoft gespannten Netzen bewähren könnten. Es sind Investoren, die Starthilfe geben gegen die Aussicht, am späteren Erfolg beteiligt zu werden. Ein riskantes Geschäft, aber im inspirativen Berlin durchaus lohnend.Diese besondere LiberalitätNoch. Denn das Drama Berlins besteht darin, dass der kulturelle und kreative Reichtum der Stadt verschwistert ist mit ihrer ökonomischen Armut. Die Blüte der Stadt hat ihre banale Basis in den billigen Mieten. Studios, Fabriketagen und Wohnungen sind im internationalen Vergleich noch immer zu Traumpreisen zu bekommen. Aufgegebene Industrieflächen rufen zwecks Zwischennutzung nach neuen Ideen, nach Kunst und Kultur. Natürlich kommen die jungen Entrepreneurs auch wegen der anregenden Atmosphäre Berlins. Aber auch sie entspringt der Tatsache, dass das große Geld diese Stadt nicht so erbarmungslos verändern konnte wie vergleichbare Metropolen. Noch immer wohnen hier Reich und Arm nah beieinander, noch immer mischen sich die Milieus in vielen Bezirken derart, dass sie nicht an sich selbst überdrüssig werden. Dass Eingewanderte und Urberliner, Jung und Alt, Singles und Familien, Nonkonformisten und Traditionsversessene, Modefreaks und Jogginghosenträger, Gebildete und Ungebildete im selben Quartier wohnen, macht nicht nur den Charme Berlins aus, sondern die ganze Inspirationskraft der Stadt. Diese Vielfalt ist ihr größter ökonomischer Faktor, ihr entspringt die besondere Liberalität der Stadt, ihre Gelassenheit, ihr Erfolg, kurzum: ihr ganzes Glück.Unübersehbar sind jedoch die Zeichen, dass die Stadt, je mehr sie prosperiert, eben jenen Charme verliert, der sie erfolgreich macht. Gentrifizierung ist dafür noch ein viel zu harmloser Ausdruck. Denn wenn die soziale Entmischung der Stadtteile voranschreitet, die Mieten übermäßig steigen und die gepflegte Langeweile homogenisierter Quartiere die Oberhand gewinnt, sind die kreativen Schichten, mobil wie sie nun mal sind, schneller weg, als sie gekommen sind. Ebenso deutlich ist aber, dass das Land Berlin keine wirksamen Konzepte zum Gegensteuern entwickelt hat und sich viel zu langsam des Problems bewusst wird. "Arm aber sexy" - mit diesem Slogan hat Wowereit der Stadt ein griffiges, schmeichelhaftes Identifikationsangebot gemacht. Reich werden und sexy bleiben, das ist ein Programm, für das weder er noch die Opposition bislang ein erfolgversprechendes Konzept hat. Und es ist viel zu spät ein Wahlkampfthema geworden.Schräg gegenüber von Mashup Communications liegt die Baustelle der Choriner Höfe, eine trutzige Wohnburg für Reiche mit Sinn für Stil und Ökologie. Geheizt wird mit Erdwärme. Die 4-Zimmer-Wohnung kostet dort 750 000 Euro. 80 Prozent der Wohnungen sind angeblich bereits vermietet. Es ist eines von vielen Projekten für luxuriöses Wohnen in Berlin. Der teure Wohnungsbau entsteht überall dort in der Stadt, wo das Leben schön schräg, hoffnungsvoll, abwechslungsreich und vielfältig ist. Die Preise für neu gebaute Wohnungen stiegen innerhalb von fünf Jahren in Kreuzberg um 30 Prozent, in Mitte um 15 Prozent, in Hohenschönhausen fielen sie um zehn. Wer in die Choriner Höfe einzieht, wird dies nicht ohne Melancholie tun, wenn er offenen Sinnes ist. Es ist wie beim Flug in die Sonne. Wir verpesten die Luft, die wir zu finden hoffen. Und wer in die Choriner Höfe zieht, wird selbst ein Interesse daran haben, dass die Stadt alles tut, um die Nachbarschaft erschwinglich zu halten. Denn in Berlin zu leben heißt, nicht allein gelassen zu werden mit seinesgleichen.------------------------------Berlin rückt hinaus aus der faszinierenden historischen Nische, in der die Stadt jahrzehntelang uninteressant war für die großen Ströme des Kapitals, und normalisiert sich. Bislang haben die meisten Berliner von diesem Prozess profitiert, nun aber fürchten sie mit Recht, die Stadt könneihren Charakter verlieren.Foto: Noch immer wohnen hier Reich und Arm nah beieinander, noch immer mischen sich die Milieus in vielen Bezirken derart, dass sie nicht an sich selbst überdrüssig werden. Die Vielfalt macht nicht nur den Charme Berlins aus, sondern die ganze Inspirationskraft der Stadt.