Der Fahrgastverband IGEB befürchtet einen "schwarzen Montag", der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sieht Berlin vor einer schweren Geduldsprobe. Noch nie in der 85-jährigen Geschichte der S-Bahn musste der Verkehr aus technischen Gründen so stark eingeschränkt werden wie von heute an. Weil weitere Sicherheitschecks an den Wagen erforderlich sind, steht ab sofort nur noch rund ein Viertel der Züge zur Verfügung. Darum werden acht S-Bahn-Strecken nicht mehr befahren, 19 Bahnhöfe nicht mehr von regulären S-Bahn-Zügen bedient - mindestens rund drei Wochen lang. Doch noch immer mangelt es an Informationen für die Reisenden.Wartenberg ist einer der S-Bahnhöfe, in denen von heute an keine S-Bahnen mehr abfahren. Aber am Wochenende gab es dort keinen einzigen Hinweis, dass der Zugbetrieb eingestellt wird. Ein weiteres Beispiel: Alexanderplatz. Kein Aushang, kein Schild wies gestern darauf hin, dass die stark frequentierte Station ebenfalls ihren S-Bahn-Verkehr verliert. "Die DB spricht von einer Materialschlacht in ihren Werkstätten. Doch was wir jetzt wirklich brauchen, ist eine Materialschlacht für eine bessere Information", forderte der IGEB-Vize Jens Wieseke.Schon während der vergangenen Tage habe es große Defizite gegeben. Zwar hat die DB ihren Regionalverkehr verstärkt. Allein auf der Regionalexpresslinie RE 1 zwischen Potsdam, Zoo und Ostbahnhof fahren bereits seit vergangener Woche montags bis freitags vier Züge pro Stunde - zum regulären S-Bahn-Tarif. Wieseke: "Doch die Reisenden wurden bislang völlig unzureichend informiert, dass es diese Züge gibt und von welchem Gleis sie abfahren."Fahrgemeinschaften bildenDer Fahrgastverband befürchtet, dass es bei der S-Bahn zu chaotischen Zuständen kommt. "Der Notfahrplan suggeriert: Meine Linie fährt. Doch die kurzen S-Bahn-Züge werden zumindest im Berufsverkehr nicht alle Fahrgäste mitnehmen können", warnte Christfried Tschepe, der IGEB-Vorsitzende. Ein Beispiel: Bislang führten zwei S-Bahn-Linien in die Neubaugebiete im Nordosten - von heute an ist nur noch die S 7 übrig, die alle 20 Minuten verkehrt. Die IGEB rät, die S-Bahn möglichst zu meiden. Die Zusatzangebote bei der Regionalbahn müssten aufgestockt werden.Der Regierende Bürgermeister rief die Berliner zu "Solidarität und Rücksichtnahme" auf. "In den Bussen und Bahnen kommt es gerade in Stresssituationen auf Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft an - insbesondere gegenüber älteren Menschen, Erwachsenen mit Kindern oder Menschen mit Behinderungen", so Wowereit gestern. Wer mit dem Auto unterwegs ist, sollte sich überlegen, "ob er anderen nicht eine Fahrgemeinschaft anbieten oder an überfüllten Haltestellen Menschen mitnehmen kann".Die Gewerkschaft Transnet bittet die Fahrgäste darum, ihre Wut nicht an den S-Bahnern auszulassen. "Die Beschäftigten in den Werkstätten schuften fast rund um die Uhr, die anderen dienen häufig als Blitzableiter für wütende Kunden", sagte der Transnet-Vorstand Reiner Bieck. Die DB als "Mutterkonzern" müsse darüber nachdenken, welche Verantwortung sie für das Debakel trägt.Fernzüge sollen am Zoo haltenUnter dem Bahn-Chef Hartmut Mehdorn seien auch der S-Bahn "knüppelharte" Sparvorgaben auferlegt worden, sagte Hans-Werner Franz, Geschäftsführer des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB), der Berliner Zeitung. "Wenn diese Vorgaben nicht grundlegend verändert werden, fährt die S-Bahn gegen die Wand." Franz forderte, dass die Fernzüge wieder am Bahnhof Zoo halten. "So könnten die Reisenden einen besseren Anschluss ans U-Bahn-Netz bekommen", so Stefan Kohte vom Verkehrsclub Deutschland. Die Fernbahnhöfe Spandau und Hauptbahnhof seien derzeit vom S-Bahn-Netz abgeschnitten.Doch bei der DB gibt es keine Überlegungen, ICE-Züge zumindest vorübergehend am Zoo halten zu lassen. Das sei "nicht vorgesehen", so ein Sprecher. Seite 18------------------------------Grafik: DIE SITUATIONNur 330 der 1 260 S-Bahn-Wagen stehen wegen verschärfter Sicherheitsvorkehrungen derzeit zur Verfügung.19 S-Bahnhöfe werden von heute an nicht mehr von S-Bahnen bedient.Im Westen Berlins sind die S-Bahnhöfe Pichelsberg, Stresow und Spandau vorübergehend stillgelegt. Grunewald ist wegen Bauarbeiten außer Betrieb.In der Innenstadt fährt die S-Bahn nicht mehr nach Tiergarten, Bellevue, Hauptbahnhof, Hackescher Markt, Alexanderplatz sowie zur Jannowitzbrücke.Im Osten ist der S-Bahn-Verkehr auf folgenden S-Bahnhöfen eingestellt: Wartenberg, Hohenschönhausen, Gehrenseestraße, Altglienicke, Grünbergallee, Flughafen Schönefeld, Strausberg Nord, Strausberg Stadt und Hegermühle.TIPPS UND TRICKSVorher informieren: Wer Zugang zum Internet hat, sollte sich von der Fahrplanauskunft des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB) die beste Verbindung ermitteln lassen. Unter www.vbbonline.de gibt es auch Fahrplantabellen, das aktuelle Liniennetz und Umfahrungsmöglichkeiten mit der BVG. Weitere Infos unter www.bvg.de, www. s-bahn-berlin.de und beim S-Bahn-Kundentelefon 297 43 333.Regionalzüge nutzen: Längst nicht alle Fahrgäste wissen, dass sie mit ihrem S-Bahn- oder BVG-Ticket auch alle Regionalzüge nutzen dürfen. Ohne Aufpreis! Auf vielen Strecken sind die rot lackierten Züge der DB und die Regionalbahnen der privaten Betreiber eine schnelle S-Bahn-Alternative - etwa zwischen Potsdam, Zoo und Ostbahnhof, nach Spandau oder zum Flughafen Schönefeld. BVG nutzen: Auf den U-Bahn-Linien U 2, U 3, U 5, U 6, U 7, U 8 und U 9 fahren die Züge mit maximaler Länge alle fünf Minuten. Auch auf fast allen Straßenbahnlinien werden die Züge verlängert. Vom kommenden Freitag an verkehrt die Metrotram M 4 alle vier Minuten - bis dahin alle fünf Minuten. Die BVG setzt auch größere Busse ein.ZÜGIG ANS ZIELZoo-Ostbahnhof: Dies ist einer von acht Abschnitten, auf dem mindestens bis 9. August keine S-Bahnen fahren. Die beste Alternative sind die roten DB-Regionalzüge - bis zu sieben Mal pro Stunde. Sie halten Zoo, Hauptbahnhof, Friedrichstraße, Alexanderplatz und Ostbahnhof - nicht an den S-, sondern an benachbarten Bahnsteigen. Je nach Strecke stoppen sie auch in Potsdam, Wannsee, Spandau, Charlottenburg, Karlshorst, Erkner und Schönefeld. Langsamer sind die Busse des Schienenersatzverkehrs vom Zoo über Tiergarten, Bellevue, Hauptbahnhof zum Nordbahnhof.Nach Schönefeld geht es ebenfalls am schnellsten per Zug - zweimal pro Stunde. Der Regionalexpress RE 7 und die Regionalbahn RB 14 halten Charlottenburg, Zoo, Hauptbahnhof, Friedrichstraße, Alexanderplatz, Ostbahnhof und Karlshorst. Der Schnellbus SXF1 fährt alle 20 Minuten vom Südkreuz (Bahnhofsvorplatz) zum Flughafenterminal - ebenfalls ohne Aufpreis. Fahrzeit: rund 20 Minuten. Busverbindungen gibt es auch von den S-Bahnhöfen Schöneweide sowie Grünau.Nord-Süd-Strecke: Auch im Nord-Süd-Tunnel setzt die DB zusätzliche Züge ein. Dort fahren täglich von 4 bis 1 Uhr "Ersatz-S-Bahnen" - vier mal pro Stunde. Alle Züge halten Gesundbrunnen, Hauptbahnhof, Potsdamer Platz und Südkreuz.Nach Spandau am besten mit den Regionalexpresszügen RE 2, RE 4 und den Regionalbahnen der Linie RB 10 - oder mit der U-Bahn-Linie 7.------------------------------Foto: Dämmerung am Bahnhof Ostkreuz. Bis gestern hielten hier noch die S-Bahnen aus Schönefeld. Ab heute ist auch der Flughafen ohne S-Bahn-Verkehr.