Kairo - Mehrere blutige Anschläge und gewalttätige Auseinandersetzungen überschatteten den Jahrestag der Revolution in Ägypten. Bei den Ausschreitungen am Jahrestag des Aufstands gegen Präsident Hosni Mubarak von 2011, wurden am Wochenende Dutzende Menschen getötet und Hunderte verletzt. Am Sonnabend morgen fand ein Bombenanschlag auf eine Polizeischule in Kairo statt, weitere Angriffe folgten. Damit wurde die Serie der Attacken auf Polizeieinrichtungen fortgesetzt. Bereits am Freitag waren das Hauptquartier der Polizei in Kairo sowie auch das nahe gelegene Islamische Museum angegriffen und weitgehend zerstört worden. Zu den Anschlägen bekannte sich die radikalislamische Gruppe „Ansar Bait al Muqadis“.

„Wir brauchen einen Führer“

„Das sind feige Terroristen und sie wollen uns davon abhalten, unsere Revolution zu feiern“, sagt ein Familienvater, der mit seinen drei Kindern zum Tahrir-Platz gekommen ist. Zehntausende feierten hier den Jahrestag des Aufstands, der 2011 zum Sturz von Präsident Hosni Mubarak führte. Die Übergangsregierung, sowie zahlreiche Initiativen, die Verteidigungsminister Abdelfattah al Sissi auffordern wollen, sich zum Präsidenten wählen zu lassen, hatten zu einer großen Party auf dem Platz in Kairos Innenstadt eingeladen. „Wir brauchen dringen einen Führer und hoffen, dass al-Sissi in den nächsten Tagen seine Kandidatur bekanntgibt“, sagt eine Frau mit einem Kopftuch in den Farben Ägyptens. Als das Gespräch auf die Anhänger des im Sommer gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi kommt, wird sie zornig: „Man muss sie alle umbringen: Sie wollen mit ihrem Terror das Land vernichten.“

Die „Allianz gegen den Putsch“, die zum großen Teil aus Mursi-Anhänger besteht, beging den Jahrestag ebenfalls mit zahlreichen Demonstrationen im ganzen Land. Die Sicherheitskräfte gingen jedoch überall mit Tränengas, Schrot-Geschossen und auch mit scharfen Schüssen gegen sie vor. Nach dem Anschlag am Freitag meldete die Polizei, dass sie zahlreiche Sympathisanten der Muslimbruderschaft verhaftet habe. Seit Juli vergangenen Jahres sollen mehr als 21.000 Menschen verhaftet worden sein, vor allem Mursi-Anhänger.

Für viele der Aktivisten der Revolution von 2011 war der dritte Jahrestag des Aufstands kein Anlass zu feiern. „Viele von uns wurden verhaftet und die Regierung setzt alles daran, unsere Bewegung zu zerschlagen“, so eine junge Frau im Kapuzenpullover. Sie steht zusammen mit anderen Demonstranten auf den Stufen des Gebäudes der Journalistengewerkschaft. Sie rollen Transparente aus und intonieren Sprechchöre. Damit wollen sie daran erinnern, dass die Forderungen des Aufstands von 2011 nach Freiheit und sozialer Gerechtigkeit noch längst nicht erfüllt sind. Doch schon nach wenigen Minuten löst die Polizei die Demonstration auf.

Verletzte und Verhaftete

In der Innenstadt kommt es zu Straßenkämpfen. Dabei wird ein Mitglied der Jugendbewegung des „6. April“, die maßgeblich den Aufstand 2011 mit-organisierte, erschossen.

Bei den Auseinandersetzungen am Jahrestag kam es auch zu zahlreichen Übergriffen auf ausländische Journalisten: Mehrere Reporter wurden von Sicherheitskräften verhaftet, andere wurden von aufgebrachten Bürgern attackiert. Mitglieder eines Kamerateams der ARD wurden dabei verletzt.

Die ausländerfeindliche Stimmung ist auf die Berichterstattung in den staatsnahen Medien zurückzuführen: Die Militärs machen eine ausländische Verschwörung für die Krise des Landes und den Terror verantwortlich. Mehrere Journalisten wurden zudem von der Polizei verhaftet, darunter auch Reporter des katarischen Satellitensenders al Dschasira. Ihnen wird Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen.