Kairo - In Ägypten ist die Stimmung auf einem Tiefpunkt angelangt. Das betrifft nicht nur die Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi und die Aktivisten der Revolution von 2011, die verfolgt, verhaftet und verurteilt werden. Inzwischen hat der Frust auch die säkularen Intellektuellen erreicht. Sie waren es, die im Sommer die vom Militär gestützte Übergangsregierung bejubelten und auf alle schimpften, die das Wort Militärputsch in den Mund nahmen. Sie applaudierten noch, als die Muslimbruderschaft zur Terrororganisation erklärt und Schüler verhaftet wurden, nur weil sie Mursi-Sticker auf ihre Ranzen klebten.

Doch nun hat sie die anstehende Wahl von Militärchef Abdelfattah al-Sisi zum Präsidenten aufgeschreckt. Die säkularen Intellektuellen tolerieren zwar die Machtgier der Militärs, damit sie der verhassten Muslimbruderschaft den Garaus machen. Aber dass das Land dafür in die autoritären Strukturen der Mubarak-Zeit zurückgeworfen werden, das geht ihnen dann doch zu weit.

Dieser Frust wiederum erklärt, warum viele nun so begeistert auf die Wahl von Hala Schukrallah zur Vorsitzenden der Verfassungspartei reagiert haben. Zum ersten Mal in der Geschichte Ägyptens wird eine Frau an die Spitze einer Partei gewählt. Und nicht nur das: Die 59-Jährige kommt aus der Studentenbewegung der 70er-Jahre, hat Bildungsinitiativen gegründet und ist Christin. Für viele ist diese Wahl ein Symbol dafür, dass die Revolution von 2011 doch nicht vergebens war. Frauen und Christen stehen besser da, und es gibt heute mehr Parteien.

Bei genauerer Betrachtung fällt allerdings auf, dass es sich oft um leere Hülsen handelt, auch bei der Verfassungspartei. Sie wurde 2012 von Nobelpreisträger Mohammed ElBaradei gegründet und stand zunächst im Schatten seines großen Egos. Als er im August aus Protest gegen das brutale Vorgehen der Übergangsregierung die politische Bühne verließ, hinterließ er einen Scherbenhaufen. Diesen aufzuräumen, ist Schukrallah angetreten. Das ist die eigentlich gute Nachricht dieser Tage. Womöglich ist ihr Beispiel ansteckend, und es ist nun endlich die Zeit gekommen, dass sich Ägyptens fortschrittliche Politiker zusammentun. Diese dritte Kraft könnte Militär und Islamisten etwas entgegensetzen. Das große Aufwachen kommt zwar spät, viele Chancen wurden vertan, und der verbleibende Spielraum ist winzig. Aber lieber spät als nie.