KAIRO. Dabba liegt dort, wo die Wüstenstraße zwischen Al Alamein und Marsa Matruh besonders langweilig ist. Nicht einmal ein Schild weist die Vorbeirasenden darauf hin, dass es sich bei den etwas heruntergekommenen Betonhäusern rechts und links der Straße um einen von Ägyptens umstrittensten Landstrichen handelt. Geht es nach dem Willen der Regierung, so soll in Dabba die Zukunft der ägyptischen Energieversorgung entstehen: Ägypten will bis 2016 ein Atomkraftwerk bauen. Allerdings gibt es eine starke Fraktion einflussreicher Männer in der Regierungspartei, die dagegen Widerstand leistet.Beliebte UrlaubsregionDie Gruppe um den Geschäftsmann Ibrahim Kamel ist allerdings keine Öko-Vereinigung. Ihnen geht es ums Geschäft. Dabba liegt 160 Kilometer westlich von Alexandria, direkt an der Mittelmeerküste. Der Norden wird seit einigen Jahren touristisch erschlossen. Das Delikate dabei: In dieser Region verbringen nicht ausländische Pauschalurlauber ihre Ferien, die sich vielleicht an einem Atomkraftwerk nicht einmal so sehr stören würden, solange es außer Sichtweite bleibt und nicht zu sehr in die Schlagzeilen gerät. An Ägyptens Nordküste machen die Ägypter selber Urlaub.Nur einige Kilometer von Dabba, im schicken Ressort Marina amüsiert sich die gehobene Mittelschicht an den Wochenenden. Die richtig Reichen und Schönen treffen sich ein Stück weiter in Richtung Alexandria, im Diplomatic Village oder in den Privat-Villen entlang der glitzerblauen Küste. Ein Atomkraftwerk in der Nähe würde ihnen vermutlich die Stimmung verderben. Zudem haben Investoren sich ausgerechnet die Landzunge bei Dabba ausgeguckt, um eine weitere Feriensiedlung zu bauen.Was ist wichtiger: Energie für die wachsende Bevölkerung und zudem die Erfüllung eines nationalen Traums, in die Klasse der A-Nationen aufzusteigen oder Geld aus dem Tourismus? Über diese Frage wurde in der vergangenen Woche im ägyptischen Parlament heftig gestritten und debattiert. In den nächsten Tagen - so wird jedenfalls gemunkelt - wird Präsident Hosni Mubarak persönlich die Entscheidung bekannt geben. "Es ist noch offen. Es kann auch sein, dass er einen anderen Standort verkünden wird", so Mohammed Abdel Salam, Nuklearexperte beim angesehenen Al Ahram-Center für Strategische Studien.Der Atom-Plan der Ägypter ist alt. Schon der 1970 verstorbene Präsident Gamal Abdel Nasser plante, sein Land mit Nuklearenergie in die Moderne zu führen. Pläne wurden entwickelt und ein Forschungsreaktor mit russischer Hilfe gebaut. Dann konzentrierte man sich allerdings auf ein anderes Riesen-Energieprojekt - den Nasserstaudamm von Assuan. Bevor es in Sachen AKW weiterging, geschah das Unglück von Tschernobyl und Ägypten beschloss, dass die Atomkraft für das bevölkerungsreiche und von Erdbeben bedrohte Land zu gefährlich sei. Doch 2006 änderte die Regierung überraschend ihren Kurs. Präsident Mubarak verkündete, dass Ägypten ein Atomkraftwerk bauen werde. "Der Strategiewechsel hatte mehrere Gründe", so der Nuklear-Fachmann Salam: "Weltweit hatte sich die Sicht auf die Atom-Energie geändert. Vor allem wegen des so rasant gestiegenen Öl-Preises, aber auch weil die Technik besser und sicherer geworden war."Zudem machte man sich am Nil angesichts zurückgehender Gas-und Öl-Vorkommen im eigenen Land und einer weiter wachsenden Bevölkerung Sorgen um die Energieversorgung. Experten sagen für das Jahr 2030 einen Energie-Engpass voraus, falls keine Gegenmaßnahmen getroffen werden. "Hinzu kommt aber auch die Konkurrenz aus dem Iran", erklärt Salam. Die ägyptische Bevölkerung stelle immer lauter die Frage, wie weit man denn noch hinter den regionalen Konkurrenten Iran zurückfallen wolle. Wenn die Iraner Atomkraft haben, dann können die Ägypter dies schon lange, so die weit verbreitete Meinung. "Allerdings ist bei uns ganz klar: Wir wollen keine Atom-Waffen. Bei uns geht es ausschließlich um die zivile Nutzung der Nuklearenergie", sagt Mohammed Abdel Salam.So wurde im vergangenen Jahr ein 23-Millionen-Euro-Vertrag mit der australischen Consulting-Firma WorleyParsons geschlossen. Sie soll Studien erstellen und Ingenieure trainieren. Das Ziel ist der Bau einer 1 000-Megawatt-Anlage, die möglicherweise später um drei weitere Reaktoren erweitert werden kann, vermutlich in Kooperation mit der russischen Firma RussAtom. Die Pläne sind derzeit allerdings noch recht vage.Großer EnergiebedarfParallel zu den Nuklear-Plänen betreibt der ägyptische Energieminister aber auch ehrgeizige Projekte in Sachen Wind- und Solarenergie. Experten sehen darin jedoch keinen Widerspruch: "Ägypten braucht so viel Energie, dass wir alle Quellen nutzen müssen", so Hafiz al Salmawy. Der Chef der Regulierungsbehörde ist einer der Vordenker in Sachen Erneuerbare Energien. Er macht sich keine Sorgen, dass die Entwicklung der Wind-und Sonnen-Kraftanlagen durch die Nuklearpläne der Regierung ins Hintertreffen geraten könnte: "Wir haben einen guten Vorsprung und außerdem lassen sich Windräder und Sonnenkollektoren viel schneller aufstellen als sich ein Atomkraftwerk baut".Das gilt natürlich besonders, wenn die Fortschritte bei der Planung des Atomkraftwerkes weiter im Schneckentempo vorangehen. Sollte sich jetzt tatsächlich die Tourismus-Fraktion in der Regierungspartei gegen die Dabba-als-Atom-Standort-Lobby durchsetzen, dann wird wohl noch reichlich Wasser den Nil herunterfließen, bevor Ägypten Atomstrom ins Netz speisen kann. Und gerade deswegen wird die Rede des Präsidenten zu diesem Thema mit so viel Spannung erwartet.------------------------------Auch die Ägypter mögen den NordenRegion: Etwa 150 Kilometer westlich von Alexandria soll voraussichtlich das geplante Atomkraftwerk entstehen. Diese Region ist jedoch auch ein sehr beliebtes Wochenendausflugsziel der Ägypter.Alternativen: Der Assuan-Staudamm ging 1971 ans Netz. Mit einer Kapazität von 2 100 Megawatt rangiert der Damm heute nur noch auf Platz 52 der weltgrößten Wasserkraftwerke. Ägypten will auch die Nutzung von Wind- und Solarenergie vorantreiben.------------------------------Karte: Ägypten. DabbaFoto: Die Idylle ist vielleicht nicht von langer Dauer. Nordägypten gilt als favorisierte Region für das erste AKW des Landes.