Ägyptens Militär drängt auf rasche konstitutionelle Reformen. Christen beklagen, dass zu viele Muslime in der Reformkommission vertreten sind: Mit Tempo zur Verfassungsänderung

KAIRO. Die Armeeführung, die seit vergangenem Freitag in Ägypten regiert, legt ein zackiges Reform-Tempo vor. Bis zum 25. Februar soll die Verfassung geändert sein. Ein achtköpfiges Komitee von Verfassungsexperten wurde ernannt, und die Juristen nahmen sofort ihre Arbeit auf. Ihr Auftrag lautet jedoch nicht, die Verfassung neu zu schreiben. "Das könnte bis zu drei Jahre dauern", sagt Ismael Ethman, Sprecher der Armee-Führung. Das Militär wolle aber maximal sechs Monate an der Regierung bleiben, und so ginge es in dieser ersten Phase zunächst nur darum, den Weg für freie Wahlen zu eröffnen.Vorgesehen ist die Veränderung von fünf Verfassungsartikeln. Der derzeitige Artikel 76 wurde von Ex-Präsident Hosni Mubarak 2007 so zugeschnitten, dass in der Praxis nur von ihm ausgewählte Kandidaten überhaupt zugelassen werden. Ebenfalls geändert werden sollen Artikel 77 und 88, worin die Anzahl der Amtszeiten sowie die Überwachung der Wahlen festgelegt wird. Artikel 93 regelt das Recht des Parlaments, Mitglieder anzuerkennen. Nach Artikel 179 kann die Regierung Rechte der Bürger aus Sicherheitsgründen außer Kraft setzen, und 189 regelt das Verfahren zur Verfassungsänderung.Während es weitgehende Übereinstimmung über diese dringenden Änderungen gibt, ist die Zusammensetzung des Gremiums in der Kritik. Bekannte Christen wie der Anwalt Naguib Gabrael äußerten sich besorgt, weil das Gremium zu islamlastig sei. So ist der Vorsitzende Tarik Al Bishri ein anerkannter Verfassungsrechtler, doch zugleich bekannter Autor islamischer Philosophie. Außerdem wurde Sobchi Salah ins Gremium berufen, der Mitglied der oppositionellen und immer noch verbotenen Muslimbruderschaft ist. Auch ein Christ wurde ernannt, doch ist Maher Samy Youssef vielen frommen Kopten zu weltlich.Doch es gibt auch andere Stimmen unter den Kopten: Youssef Sidhoum, Chefredakteur der koptischen Wochenzeitung Watani nennt die Kritik überzogen und verfrüht: "Es geht bei den Verfassungsänderungen nicht um religiöse Fragen, sondern darum, das Verfahren für den Weg zur Demokratie festzulegen", sagt er. Und wenn sich herausstellen sollte, dass die Muslime im Gremium versuchten, ihre Weltanschauung in die Verfassung einzuschmuggeln, dann habe das Volk bewiesen, dass es stark genug ist, sich gegen Ungewolltes zu wehren.Er weist auch die Stellungnahmen ausländischer Christen zurück, die sich wie etwa der Berliner Bischof Markus Dröge besorgt darüber äußerten, dass es den Christen nach Mubarak womöglich schlechter ergehen könne als zuvor. "Wir haben allen Grund zur Hoffnung, dass es besser wird. Nach dem Anschlag auf die Kirche von Alexandria kam es zu einer großen Welle der Solidarität, und dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit von Christen und Muslimen hat sich durch die Revolution verstärkt", so Sidhoum. Er hofft, dass dieser Geist erhalten bleibt und möglichst auch einfließt, wenn Ägypten sich zu einem späteren Zeitpunkt eine neue Verfassung gibt. In der aktuellen steht, dass der Islam die Hauptquelle der Gesetzgebung ist - und das würden nicht nur viele Christen gerne ändern.