Der Wein und der Rhein beschäftigen Josef Jacobs schon fast ein Jahrhundert: Als Sohn eines Weinbauern im Rheingau geboren, arbeitete er jahrzehntelang mit Trauben und Reben. Mit 87 Jahren schlug er eine wissenschaftliche Laufbahn ein, die er bald mit einem Doktorhut krönen will. "Die Rheinromantik im 19. Jahrhundert im Rheingau" lautet das Thema der Arbeit, deren handschriftliche Fassung der Doktorand wenige Wochen vor seinem 100. Geburtstag - am 15. Januar - fertig hat."Ich bin der älteste Student der Welt", verkündet der Germanist stolz und versichert, er habe seine Rückmeldung für das nächste Semester schon an die Frankfurter Uni geschickt. Derzeit tippt eine Bekannte das Manuskript seiner Arbeit. Er hofft, daß sie in einigen Monaten fertig ist und er das Werk abgeben kann. Jacobs ist zuversichtlich, daß es den wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Einer seiner neun Enkel - ein promovierter Archivar und Museumsdirektor - habe sie durchgesehen und ihm versichert: "Opa, was du gemacht hast, ist in Ordnung." Fit durch Wissenschaft "Außerdem habe ich immer wieder mit meinen Gutachtern darüber gesprochen", sagt Jacobs. Auch die mündliche Prüfung, bei der er fünf Professoren Rede und Antwort stehen muß, schreckt den Senior-Studenten nicht. Sein Doktorvater, Klaus Jeziorkowski, berichtet, Jacobs habe sich "mit großen Engagement" in seine Arbeit gestürzt. "Er setzt sich wacker hin und schreibt tagtäglich eine halbe Seite, wenn es die Gesundheit zuläßt", so der Professor. "Es ist einzigartig, daß sich ein nahezu 100jähriger so etwas zutraut und vornimmt." Jacobs halte sich mit seiner wissenschaftlichen Arbeit im Kopf fit und wach. Wunsch: Studienplatz Mit 67 Jahren kam Jacobs zur Frankfurter Hochschule - als Seminar-Wache bei den Germanisten. "Das sind Leute, die die Bibliothek kontrollieren", erklärt er. Das Arbeitsamt hatte dem Mann, der zu Hause seine an Multipler Sklerose erkrankte Frau pflegte, die Stelle vermittelt. "20 Jahre arbeitete er in der Bibliothek und freundete sich dabei mit Studenten und Professoren ein bißchen an", erinnert sich sein Sohn Wolfgang. "Irgendwann fing er an, einen Roman zu schreiben und hat sich dann mehr in die wissenschaftliche Richtung entwickelt." Seine Frau pflegte er 22 Jahre bis zu ihrem Tod und bekam dafür 1979 die Verdienstmedaille der Bundesrepublik.Bei seiner Abschiedsfeier aus dem germanistischen Seminar 1983 habe er sich einen Studienplatz gewünscht, berichtet der Sohn. "Ich wollte mich nicht hinter den Ofen setzen", sagt der Doktorand. Im Wintersemester begann er mit den ersten Germanistik-Seminaren. In den Hörsälen der Hochschule hatte Jacobs schon einmal gesessen: "1919 war ich einer der ersten 100 Studenten." Sechs Semester Volkswirtschaft studierte der 24jährige damals, ging dann aber ohne Examen in den väterlichen Weinbetrieb nach Ensheim. Seinen akademischen Abschluß machte er mit 93 Jahren: Den Magister Artium mit der Note "Gut". "Weinbau im Mittelalter im Rheingau" lautete das Thema seiner Arbeit. "Ich war danach noch munter und wollte noch ein anderes Fach studieren", berichtet er. An der Uni habe man ihm jedoch erklärt, er könne nur bleiben, wenn er promoviere. Sein Gutachter Jeziorkowski erinnert sich: Student und Doktorvater entschieden sich für ein Thema, mit dem Jacobs "lebensgeschichtlich etwas verbindet": der Rheingau. "Von dort kriege ich noch heute meinen Wein", erzählt der ehemalige Kellerei-Verwalter aus Eltville. "Ich trinke aber nur Wasser. Wein bin ich nicht gewöhnt."dpa +++

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