BERLIN. Der Bundestag diskutiert die Änderung des Organspendegesetzes. Das Ziel ist, mehr Menschen als Spender zu gewinnen. Die Mediziner wollten zunächst jeden Bürger zu einer klaren Entscheidung zwingen. Jetzt haben sie verfassungsrechtliche Bedenken, erklärt Frank Ulrich Montgomery. Der 59-Jährige ist seit Juni diesen Jahres Präsident der Bundesärztekammer.Herr Montgomery, ein Interview zum Thema Organspende kommt ohne die folgende Eingangsfrage nicht aus: Haben Sie einen Organspendeausweis?Ja, das ist doch selbstverständlich (kramt in seiner Brieftasche). Hier ist er. Immer am Mann.Warum stellen Sie sich als Organspender zur Verfügung?Organspende ist eine Lebensspende. Man kann mit einer einfachen Gabe, die einem selbst nicht mehr weh tut oder schadet, das Leben anderer retten. Außerdem erwarte ich doch, dass man auch mir im Fall aller Fälle mit einer Organspende hilft. Deshalb bin ich auch selbst zur Spende bereit.Drei Viertel der Deutschen sehen das ähnlich, aber nur 18 Prozent haben einen Spenderausweis. Wie erklären Sie sich das?Das erleben wir häufig bei ethischen Fragen. Die Menschen haben ein Gefühl dafür, was gut und richtig ist. Aber dann hapert es häufig mit dem konkreten eigenen Handeln.Vielleicht spielt Angst eine Rolle. Mancher befürchtet, frühzeitig für tot erklärt zu werden.Die Ärzte halten sich an ihren Ethos und ihre Pflichten. Niemand wird für tot erklärt, weil man an seine Organe heran will. Das gibt es einfach nicht, ich kenne auch keinen derartigen Fall. Die Feststellung des Hirntodes wird ja nicht im Vorbeigehen erledigt. Da ist ein komplexer Vorgang, an dem mehrere Ärzte beteiligt sind.Wie wird der Hirntod festgestellt?In unseren Richtlinien ist das genau beschrieben. Ich kann das hier aber nur grob vereinfacht skizzieren. In einem ersten Schritt muss eine schwere Hirnschädigung festgestellt werden. Dabei müssen klinische Symptome des Ausfalls der Hirnfunktion vorliegen, wie Koma und Atemstillstand. Wir haben dabei auszuschließen, dass reversible Befunde, zum Beispiel Vergiftung oder Unterkühlung, Ursache oder Mitursache des Ausfalls der Hirnfunktion sind. Es muss festgestellt werden, dass bestimmte Reflexe nicht mehr auftreten, beispielsweise der Husten- oder der Würgereflex. Nach einer längeren Beobachtungszeit muss der Hirntod dann erneut diagnostiziert werden. Vorgeschrieben sind je nach Hirnschädigung mindestens 12 beziehungsweise 72 Stunden.Aber ist der Hirntod das richtige Kriterium? Schließlich können hirntote Frauen gesunde Kinder zu Welt bringen. Auch der US-amerikanische Ethikrat hat Zweifel angemeldet.Dieser Ethikrat hat völlig unnötig für Verwirrung gesorgt. Er hatte überhaupt keine neuen Erkenntnisse. Dennoch wird die Debatte nun von denjenigen befeuert, die eine Organspende ablehnen. Wir müssen bei dieser Debatte vorsichtig sein, damit wir die Menschen nicht unnötig verunsichern.In der Schweiz ist Vollnarkose für hirntote Patienten bei der Organentnahme vorgeschrieben. Warum der Aufwand?In Deutschland werden Medikamente zur Entspannung der Muskulatur verabreicht. Das macht man deshalb, weil Hirntote bestimmte vom vegetativen Nervensystem gesteuerte Reflexe zeigen. Man kann zum Beispiel beobachten, dass der Blutdruck abfällt, wenn mit dem Skalpell in den Körper geschnitten wird. Die Reflexe werden aber vom Rückenmark aus gesteuert und haben nichts mit Gehirnfunktionen oder Empfindungen zu tun. Hier geht es nicht darum, Bewusstsein oder Schmerz auszuschalten. Hirntote haben kein Bewusstsein mehr, sie empfinden auch keinen Schmerz. Durch die Narkose werden die beschriebenen Reflexe unterdrückt. Das hilft auch bei der Organentnahme.Es stellt sich dann immer noch die Frage, ob die Diagnose des Hirntodes sicher ist. Es gibt Berichte über Patienten, die wieder gesund wurden.Mir ist nichts derartiges bekannt. Ich bezweifele, dass der Hirntod in diesen Fällen richtig festgestellt wurde. Unsere Diagnoseverfahren waren und sind sicher.Die Fraktionschefs von Union und SPD, Steinmeier und Kauder, wollen erreichen, dass sich jeder Bürger einmal im Leben mit der Frage der Organspende beschäftigt. Reicht das, um mehr Spender zu gewinnen?Reichen wird es nie. Schließlich sorgt der medizinische Fortschritt dafür, dass mehr Organe transplantiert werden können. Aber vielleicht schaffen wir es ja, dass niemand mehr sterben muss, weil ein Organ nicht rechtzeitig verfügbar ist.Der letzte Ärztetag hat für eine "Selbstbestimmungslösung mit Information und Erklärungspflicht" votiert. Was bedeutet das?Als der Beschluss im Juni gefasst wurde, glaubten wir noch, es sei möglich, jeden Bürger zu einer klaren Aussage für oder gegen die Organspende verpflichten zu können. Wer sich nicht entscheidet, wälzt die Verantwortung ja im Zweifel auf seine Angehörigen ab, die dann im Todesfall mit der Frage konfrontiert werden. Verfassungsjuristen haben uns inzwischen zu der Erkenntnis gebracht, dass eine Erklärungspflicht, bei der sie einen Menschen zwingen, zur Organspende Ja oder Nein zu sagen, nicht mit dem Grundgesetz vereinbar ist.Und nun?Wir haben zu akzeptieren, dass ein Mensch keine Entscheidung über die Organspende treffen möchte. Das sehen auch Kauder und Steinmeier so. Insofern unterstützen wir die von den beiden vorgeschlagene Entscheidungslösung. Jetzt geht es darum, wie die Bürger besser informiert werden können, wann das Gespräch mit ihnen gesucht und wo die Antwort dokumentiert wird.Kauder hält die Ausgabe des Führerscheins für den richtigen Zeitpunkt.Der Führerschein ist ungeeignet. Ich glaube nicht, dass 18-Jährige in ihrem überschäumenden Lebensmut die Richtigen für diese Frage sind. Die Mehrzahl wird sagen: "Weiß ich nicht, will ich jetzt nicht entscheiden." Wenn es dann später doch eine klare Haltung gibt, werden doch wohl die wenigsten freiwillig erneut aufs Amt gehen, um die Antwort in den Führerschein eintragen zu lassen.Was schlagen Sie vor?Auf der elektronischen Gesundheitskarte soll es die Möglichkeit geben, freiwillige Angaben zu speichern. Nichts spricht dagegen, hier auch das "Ja", "Nein" oder "Keine Entscheidung" zur Organspende zu vermerken. Bei jedem Arztbesuch könnte die Entscheidung geändert und dokumentiert werden. Und wir Ärzte werden jede Chance nutzen, unsere Patienten von einem Ja zur Organspende zu überzeugen, von einem Ja zum Leben.Das Gespräch führte Timot Szent-Ivanyi.------------------------------Mangel an OrganenAngebotslücke: Die Organspende ist in Deutschland seit 1997 durch das Transplantationsgesetz geregelt. Demnach muss der Verstorbene einer Organentnahme zugestimmt haben. Liegt keine Zustimmung vor, so entscheiden die Angehörigen. Allerdings gibt es in Deutschland einen Mangel an Spenderorganen. So warten derzeit rund 8000 Patienten auf eine neue Niere. Pro Jahr stehen jedoch nur 2800 Organe zur Verfügung. Der Bundestag berät darum über eine Neuregelung des Transplantationsgesetzes.------------------------------Grafik: Anzahl der OrgantransplantationenFoto: Ärzte an der Uniklinik Jena entnehmen eine Niere.Foto: Frank Ulrich Montgomery, Ärztepräsident