Bernd Lucke hält wieder Vorlesungen. 130.000 Stimmen haben seiner Alternative für Deutschland (AfD) am 22. September zum Einzug in den Bundestag gefehlt. Dennoch denkt der Wirtschaftsprofessor nicht daran, die Politik so schnell wieder bleiben zu lassen. Im Gegenteil.

Ab März lässt er sich von der Universität Hamburg für ein Semester beurlauben – oder länger, wenn seiner Partei im Mai der Sprung ins Europa-Parlament gelingt. Der 52-Jährige will Spitzenkandidat werden. Aber auch als Teilzeitpolitiker hat er alle Hände voll zu tun. Seit ihrem Gründungskongress im Frühjahr in Berlin, gibt es immer wieder Versuche, die „Partei des gesunden Menschenverstandes“, wie Lucke sie nennt, weiter nach rechts zu rücken. Nach ganz rechtsaußen.

Jüngstes Beispiel: Der frühere Berliner CDU-Politiker Rene Stadtkewitz ist mit seiner Parteigründung "Die Freiheit" gescheitert. Deshalb stellt der extreme Islamkritiker die eigenständigen Aktivitäten ein und ruft zur Unterstützung der AfD auf: „Jede unnötige Konkurrenz spielt denen in die Hände, die Deutschland am liebsten abschaffen wollen.“ Stadtkewitz fordert andere Kleinparteien auf, „es uns gleichzutun“. Sein Stellvertreter Michael Stürzenberger vermutet, rund 500 Exmitglieder der Freiheit seien möglicherweise zur AfD gewechselt.

Eine „wahrhaftige Alternative“

Lucke war alarmiert und verfügte umgehend einen Aufnahmestopp, der aber wohl nicht in allen Landesverbänden eingehalten wird. In der Freiheit gebe es fremdenfeindliche und islamophobe Tendenzen, ließ er seine Sprecherin Dagmar Metzger erklären, „das wollen wir in keinster Weise bei uns“. Dennoch fühlen sich auch andere Ultrakonservative von der AfD angezogen. Sie sei die „wahrhaftige Alternative“, findet etwa die Berliner Burschenschaft Gothia. Sie hat laut Spiegel zuletzt mit antisemitischen Kommentaren und einer Nazi-Kunst-Ausstellung von sich reden gemacht. Tapfer behauptet Lucke, „Beifall von falscher Seite“ wolle seine Partei nicht. Aber sie bekommt ihn weiterhin.

Er hat dazu nicht nur mit seiner Kritik am Euro, sondern auch mit seinen Thesen zur Ausländerpolitik beigetragen. So erklärte er im Bundestagswahlkampf, es kämen weniger schlecht ausgebildete Menschen aus Osteuropa nach Deutschland, wenn sie hier nur Sozialleistungen wie daheim bekämen.

Für den Meinungsforscher Manfred Güllner fischt die Alternative „dort, wo schon der Republikaner Franz Schönhuber oder der Hamburger Roland Schill erfolgreich waren“. 16 Prozent der AfD-Wähler von 2013 hätten vier Jahre zuvor für eine Partei am rechten Rand gestimmt. Der Demoskop kritisiert besonders eine Aktion, bei der AfD-Mitglieder in Berlin Euronoten verbrannt hätten – in der Nähe der Stelle, wo Anfang der 30er-Jahre die Nazis Bücher verbrannten. Wer so etwas tue, habe „entweder kein Gespür, oder er macht es bewusst“, meint Güllner

AfD-Vizesprecher Alexander Gauland hat sicher ein feines politisches und historisches Gespür. Er beklagt, dass die deutsche Geschichte zu sehr unter dem Blickwinkel der Bewältigung des Nationalsozialismus gesehen werde. Für seine Partei nimmt er ein „lange verschüttetes nationalliberales Lebensgefühl“ in Anspruch. Das sei „zutiefst menschlich, konservativ nicht im politischen Sinne, sondern im lebensweltlichen“.

Doch der ehemalige christdemokratische Feingeist musste seine neuen Freunde „zur Mäßigung bei der Meinungsäußerung im Internet“ aufrufen. Gauland hatte bei Anne Will unter anderen mit dem Journalisten Ulf Poschardt der konservativen Zeitung Die Welt debattiert und einigen Widerspruch von ihm bekommen. Daraufhin entfachten AfD-Sympathisanten einen veritablen Shitstorm auf dessen Facebook-Seite. Allerdings hat die AfD auch einen unfreiwilligen prominenten Unterstützer: Joachim Gauck. Dass der Bundespräsident öffentlich seiner Freude Ausdruck gegeben hat, dass die Partei nicht in den Bundestag gekommen ist, nutzt Lucke weidlich, sich als verfolgtes Opfer darzustellen.

Nach der Liste im Januar will die AfD im März ein Programm zur Europa-Wahl verabschieden. Dann muss sich zeigen, ob es dem Vorsitzenden gelingt, die Partei auf dem Kurs eines vorsichtigen Rechtskonservatismus zu halten, der Extremisten anzuziehen vermag, aber Gemäßigte nicht abschreckt. Geld ist genug da. 1,7 Millionen Euro staatlicher Kostenerstattung bringen ihr die 4,7 Prozent bei der Bundestagswahl ein. Und vor dem Einzug ins Europa-Parlament steht nur eine Drei-Prozent-Hürde. Lange wird Bernd Lucke seine Vorlesungen wohl nicht mehr halten müssen.