NEUKÖLLN. Was kann Kindern alles auf ihrem Schulweg passieren? Andere Schüler verfolgen und verprügeln sie, man klaut ihnen Handys und Kleidung, Unbekannte sprechen sie an mit bösen Absichten. - Nach Angaben des Kinderschutzvereins Hänsel und Gretel leidet in Deutschland jedes dritte Kind unter so genannter Schulwegangst. Hinzu kämen dann noch häufig Probleme mit Eltern und Freunden. "Wir müssen Schutzpunkte für Kinder schaffen", sagt Jerome Braun vom Kinderschutzverein.Der Verein hat sein bundesweites Hilfsprogramm "Notinsel" jetzt auch in Berlin gestartet. Neukölln ist der erste Bezirk, wo die bunten Aufkleber verteilt werden. Mit dem Bild an ihrer Tür verpflichten sich Ladeninhaber, Kindern, die in einer Notsituation sind, sofort zu helfen. "Aus Sicht vieler Erwachsener ist das eine Selbstverständlichkeit, aber viele Kinder wissen das nicht", sagt Braun. Der Aufkleber gibt Kindern ein visuelles Zeichen: In diesem Laden wird ihnen geholfen.Der erste Aufkleber klebt am Rathaus Neukölln. Zwei pensionierte Polizisten werden jetzt Neuköllner Ladeninhaber ansprechen, sich an der Aktion zu beteiligen. Später soll die Aktion soll auf alle Bezirke ausgeweitet werden.Für die Teilnahme gibt es klare Bedingungen: Die Kinder müssen die Geschäfte problemlos erreichen und allein öffnen können, zum Beispiel Bäckerläden, Apotheken, Zeitungsläden. Händler, die sich beteiligen, bekommen einen Zettel mit konkreten Handlungsanweisungen, mit Telefonnummern und Ansprechpartnern, die sie im Notfall kontaktieren können.Bundesweit gibt es die "Notinsel" bereits in 40 Städten, darunter in Hamburg, Erfurt, Karlsruhe und Ludwigshafen. In der zweitgrößten Stadt von Rheinland-Pfalz beteiligen sich 692 Läden und Einrichtungen an der Aktion. Die Idee kam den Initiatoren nach dem Mord an der zwölfjährigen Ulrike aus Eberswalde. Das Mädchen war am 22. Februar 2001 von einem Mann angefahren, entführt, vergewaltigt und ermordet worden. Ihre Leiche wurde am 8. März 2001 gefunden. Der Täter wurde zu einer lebenslangen Haft verurteilt.Neukölln wurde nicht zufällig als erster Bezirk in Berlin ausgewählt. Zwar gibt es keine konkrete Statistik über Schulwegkriminalität, doch Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) sagt, dass es dort, wo es besonders viel Armut gibt, auch die Kriminalitätsrate höher sei als in Stadtteilen, in denen überwiegend wohlhabende Leute wohnen. Vor allem Kinder seien von dieser Gewalt betroffen. "Denn Gewalt wird immer an den schwächsten ausgelassen".Claudia Neelsen, Lehrerin an der Neuköllner Regenbogen-Grundschule im Rollbergviertel, kann das bestätigen. "Es kommt immer wieder vor, dass Schüler von Jugendlichen auf dem Schulweg geschlagen werden. Diese Gefahr gibt es wirklich." Und sie führt zu einer Neuköllner Besonderheit: Vor allem im Winter, wenn es morgens noch dunkel ist, bringen viele Eltern ihre Kinder selbst zur Schule. "Auch jene, der fünften und sechsten Klassen, die längst allein zur Schule gehen könnten", sagt Claudia Neelsen. "Diese Gewalt nimmt Kindern viel Selbstständigkeit."------------------------------Foto: Notinsel