Istanbul - Die türkische Armee hat sich erstmals ein Gefecht mit Al-Kaida-Milizen geliefert, die in Syrien nahe der gemeinsamen Grenze operieren. Nach Angaben der Armeeführung in Ankara griffen türkische Truppen bereits am Dienstag einen Autokonvoi von Dschihadisten in Syrien an, nachdem sie von diesen zuvor beschossen wurden. Dabei seien drei Fahrzeuge zerstört worden. Die Angreifer seien Mitglieder der Al-Kaida-nahen Miliz „Islamischer Staat in Irak und Syrien“ (ISIS) gewesen, die nahe der Grenze gegen Einheiten der Freien Syrischen Armee (FSA) kämpften, berichteten türkische Fernsehsender am Donnerstag.

Der Zwischenfall illustriert die Gefahren, die der Türkei an ihrer 900 Kilometer langen Grenze mit Syrien drohen, seit dort auch militante Dschihadisten das Sagen haben. In Kämpfen zwischen Rebellengruppen hat ISIS der FSA einzelne Regionen zwischen dem türkischen Grenzübergang Kilis und der syrischen Metropole Aleppo abgenommen und versucht dort, einen eigenen Staat aufzubauen.

Anschuldigungen aus Israel

Die Türkei hatte die Bedrohung lange Zeit ignoriert, obwohl internationale Medien häufig berichtet hatten, dass ausländische Dschihadisten von einem Islamisten-Netzwerk in der Türkei zunächst in „sichere Häuser“ nahe der Grenze und dann zu den Al-Kaida-Milizen in Syrien geleitet wurden. Die Türkei betrieb bis vor Kurzem eine Politik der offenen Tür, indem sie einerseits syrische Flüchtlinge passieren ließ und andererseits Rebellen den freien Grenzverkehr gestattete – auch für Waffentransporte.

Aber hat die Türkei Al-Kaida sogar aktiv unterstützt? Diesen Vorwurf erhob der Chef des israelischen Militärgeheimdienstes, Generalmajor Aviv Kochavi, am Mittwoch während einer Sicherheitskonferenz in Tel Aviv. Ankara habe den Al-Kaida-Brigaden mindestens drei Stützpunkte in der Türkei überlassen, von wo aus sie Kämpfer nach Syrien schickten, sagte Kochavi laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters. Er präsentierte eine Karte mit drei Al-Kaida-Basen in der Türkei und erklärte, dass die Terroristen leicht Europa erreichen könnten.

Auch Syriens Außenminister Walid al-Muallem hatte am Mittwoch voriger Woche in Montreux die Türkei beschuldigt, Terroristen auf ihrem Territorium auszubilden und ihnen logistische Hilfe zu bieten. Zwar hatte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in der Vergangenheit mehrfach Berichte dementiert, dass seine Regierung Al-Kaida-nahe Gruppen aus Syrien unterstütze. Doch wie ein Eingeständnis wirkte eine Großrazzia am 14. Januar, als türkische Anti-Terror-Einheiten die Häuser und Einrichtungen von Al-Kaida-Verdächtigen in sechs türkischen Städten durchsuchten, darunter auch das Büro der islamistischen „Internationalen Humanitären Hilfsorganisation“ (IHH) in Kilis, wo Computer und Unterlagen beschlagnahmt wurden.

Ungewöhnliche Allianz

Diese Gruppe mit Hauptsitz in Istanbul war 2010 Veranstalter der sogenannten Gaza-Hilfsflotte gewesen, in deren Verlauf israelische Soldaten neun türkische Aktivisten töteten. Die IHH ist nach eigenen Angaben die größte unabhängige, in Syrien tätige Hilfsorganisation und hat Hilfsgüter im Wert von 200 Millionen Dollar in das Bürgerkriegsland gebracht. Doch wird sie von türkischen Staatsanwälten beschuldigt, auch Waffen zu schmuggeln. Auf einer Pressekonferenz am Donnerstag in Istanbul wies der IHH-Vorsitzende Bülent Yildirim die Vorwürfe zurück. Er sagte, sein Hilfswerk leiste rein humanitäre Hilfe und arbeite mit den Vereinten Nationen zusammen. Mit Terroristen habe IHH nichts zu tun.

Unterdessen vereinbarten die Türkei und der Iran bei einem Besuch Erdogans in Teheran am Mittwoch gemeinsame humanitäre Hilfstransporte nach Syrien. Laut dem Nachrichtenportal des iranischen Präsidenten Hassan Ruhani erklärte Erdogan sich bereit, gemeinsam mit dem Iran gegen islamistische Terrororganisationen in der Region vorzugehen – obwohl die beiden Länder unterschiedliche Lager im syrischen Bürgerkrieg unterstützen.