Die arabische Welt leide an der Krankheit Diktatur, sagte Alaa al-Aswani vor kurzem. Die Symptome seien Ungerechtigkeit, Korruption, Armut und Fanatismus. Um diese Erscheinungen dreht es sich in Alaa al-Aswanis Roman "Der Jakubijan-Bau". Dem 50-jährige Ägypter, im Brotberuf Zahnarzt und deshalb medizinischer Metaphorik zugeneigt, gelang mit dem 2002 im arabischen Original erschienenen Werk der literarische Durchbruch. Das lebenspralle, farbenprächtige und hochpolitische Buch brachte es auf die für den arabischen Buchmarkt gigantische Verkaufszahl von 150 000 Exemplaren, schaffte es auch in italienischer und französischer Übersetzung zum Bestseller und wurde schließlich in Starbesetzung und mit den höchsten Kosten, die je für eine ägyptische Kinoproduktion ausgegeben wurden, verfilmt. Der Film lief 2006 in Ägypten und Frankreich an und hatte schon auf den Festivals von Cannes, Berlin und New York Aufsehen erregt.Nun ist "Der Jakubijan-Bau", der in Ägypten einerseits als realistisches Spiegelbild der modernen ägyptischen Gesellschaft gelobt wie andererseits als infame Zerrbilddarstellung des Landes und des Islam kritisiert wurde, endlich auch auf Deutsch erschienen. Das Buch erzählt von den Bewohnern eines gewaltigen Wohnhauses, das ein armenischer Millionär 1934 im Zentrum von Kairo erbauen ließ. Der nach ihm benannte Jakubijan-Bau ist auch das Gebäude, in dem Alaa al-Aswanis Vater, ein Jurist, sein Büro hatte und er selbst seine erste Praxis. Ursprünglich bewohnt von der westlich orientierten "Creme der ägyptischen Gesellschaft", erlebte das Haus im Lauf der Jahrzehnte einen Wandel, der ein Abbild dessen ist, was die ägyptische Gesellschaft insgesamt vollzogen hat.Oben auf dem Dach wohnen die Armen in Ein-Zimmer-Verschlägen wie im Dorf. Dort herrschen Enge, Tradition, Nachbarschaftskontrolle, aber auch -hilfe; ein lärmender, staubiger Mikrokosmos aus abends erschöpft an ihren Wasserpfeifen saugenden Taglöhnern, Türhütern, Handwerkern und Kleinhändlern mit ihren Frauen und Kindern. Buthaina al-Sajjid zum Beispiel, älteste Tochter einer vaterlosen Familie, erfährt, dass Armut für eine junge Frau vor allem sexuelle Übergriffe und Ausbeutung bedeutet, und der Student Taha al-Schasli lernt, dass er als Sohn eines Türhüters auch mit den besten Noten keine Chance hat, Polizeioffizier zu werden. Enttäuschung und Erfahrungen mit staatlicher Folter-Willkür treiben ihn in die Hände des erstarkenden islamistischen Terrors.Unterm Dach in den großbürgerlichen Vielzimmer-Wohnungen des Gebäudes lebt eine ganz andere Gesellschaft, nicht minder bunt und vielgestaltig. Im Gefüge des Landes sind sie jene, die den Ton angeben, jene, denen die anderen zu Diensten sind. Da ist der "verwöhnte Lustmolch" Saki Bey al-Dassuki, ein harmloser, gutherziger Elegant Mitte 60 aus dem 1952 teilenteigneten ägyptischen Landadel, der den müßiggängerischen, kultivierten und frankophilen Lebensstil seiner verarmten Klasse pflegt. Er kennt nur zwei Leidenschaften: Frauen und Alkohol.Da ist der dubiose, steinreiche, scheinheilige Geschäftsmann und Polit-Aufsteiger Hagg Asam, der im Jakubijan-Bau eine Wohnung für seine heimliche zweite Ehefrau unterhält, die er vom Dorf geholt hat und einmal täglich zum Sex aufsucht; da ist Hatim Raschid, der feinsinnige Chefredakteur einer französischsprachigen Oppositionszeitung, der seinen aus der Provinz stammenden jungen, verheirateten Liebhaber auf der Straße rekrutiert und mit Geld und Geschenken in eine Beziehungsabhängigkeit zwingt, von der nur er selbst glaubt, dass sie zum beiderseitigen Vorteil bestünde.Unbestechlich, nüchtern und mit einem an den ägyptischen Literaturnobelpreisträger Nagib Machfus erinnernden poetischen Realitätssinn zeichnet Alaa al-Aswani das Bild einer von Brutalität, Willkür und Rücksichtslosigkeit geprägten ägyptischen Alltags-Gesellschaft, in der Opfer und Täter nicht selten Rollen tauschen, die Armen - fast - immer Pech haben und auch noch die scheinbar Unangreifbaren jederzeit von einer gesichtslosen Obrigkeit in die Knie gezwungen und gedemütigt werden können.------------------------------Foto: Alaa al-Aswani: Der Jakubijan-Bau. Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich. Lenos, Basel 2007. 372 S., 19,90 Euro.