Zum Erscheinungstag der Schwarzkopf-Biographie von Alan Jefferson hat die Sopranistin gestern eingeräumt, daß sie 1940 den Beitritt zur NSDAP beantragt habe. Dieser Schritt sei, so Elisabeth Schwarzkopf, "auf Verlangen der Intendanz des Opernhauses Berlin" geschehen. Außerdem habe sie dem Wunsch ihres Vaters entsprochen, der seinen Beruf aufgeben mußte, weil er nicht Parteimitglied war. Die heute bei Zürich lebende 80jährige Sängerin bestreitet jedoch weiterhin, jemals einen Parteiausweis erhalten zu haben. Auch habe sie keine Privilegien des Nazi-Regimes gesucht oder erhalten. Fair und umfassend Der Wirbel um Elisabeth Schwarzkopfs Nazi-Verstrickung in den britischen Vorberichten zu dem Buch "Elisabeth Schwarzkopf" lenkt davon ab, daß Jefferson eine faires und umfassendes Porträt der international gefeierten Diva gelungen ist. Jefferson war ein enger Vertrauter ihres Mannes Walter Legge und wertete Archivmaterial der Deutschen Oper in Berlin aus. Seine Biographie zeigt die bei Hitlers Machtergreifung erst 17jährige Debütantin als eine ernste, hart arbeitende, aber auch rücksichtslos ehrgeizige Künstlerin.Zu Beginn ihrer Karriere in Berlin blieb sie in kleinen Koloratur-Rollen stecken, bis sie mit ihrer berückenden Schönheit die Aufmerksamkeit von Joseph Goebbels erweckte. Der Minister verschaffte ihr Hauptrollen in fünf Propaganda-Filmen und schließlich den Sprung zur Wiener Staatsoper. Für die Truppenbetreuung unterhielt sie auch SS-Einheiten an der Ostfront und wurde Funktionärin im NS-Studentenbund. Von ihren Kolleginnen wurde Elisabeth Schwarzkopf laut Jefferson wegen ihres Aussehens und ihrer Verbindungen gehaßt und beneidet. Mit ihren Gönnern im Rücken konnte sie sich ihre berüchtigten Temperamentsausbrüche leisten. Als sie eine gewünschte Rolle nicht bekam, trat sie aus Wut ein Loch in ein Bühnentransparent. Disziplinarmaßnahmen wurden von Goebbels abgeblockt.Nach dem Krieg bestritt sie vor den alliierten Spruchkammern jede politische Verwicklung mit den Nazis. Für diese Falschaussage ließ sie sich später durch ihre Anwälte entschuldigen. Vor dem Ende ihrer Karriere wurde sie durch Walter Legge, dem Boß von EMI, bewahrt. 1948 bekam Schwarzkopf einen Vertrag für die "Königliche Oper" in London und machte sich mit Interpretationen von Mozart, Strauss und Puccini einen Namen.Bei aller Bewunderung für ihre künstlerische Größe nennt Jefferson auch Schwachpunkte wie ihre manierierte Interpretation der Marschallin im "Rosenkavalier". Die Auftritte an der New Yorker "Met", wo Schwarzkopf erst in den 60er Jahren singen durfte, gehörten ebenfalls nicht zu den Glanzpunkten. Sie haßte Dirigenten, die ihr nicht verfallen waren. Mit anderen Stars pflegte sie freundschaftlichen Umgang. Berühmt ist ihre Begegnung mit Maria Callas, die die deutsche Kollegin in einem mailändischen Restaurant bat, ihr einige Tricks zu verraten: Es kam zur Freude der Gäste zu einem gegenseitigen Musikunterricht, der die ganze Nacht andauerte.Zu ihren schärfsten Kritikern gehörte Walter Legge, den sie 1953 heiratete. Er machte sie zur großen Lied-Sängerin. Dabei kanzelte er sie auch öffentlich ab. "Du hast das letzte Wolf-Lied unter aller Sau gesungen", fuhr er Elisabeth Schwarzkopf einmal an. Bei ihrem Abschiedskonzert 1979 - drei Tage vor Legges Tod - entfuhr ihm allerdings ein Kompliment: "Du bist verdammt wundervoll." Einfach lächerlich 1992 bekam die Künstlerin den hohen Orden "Dame of the British Empire" für ihre künstlerischen Verdienste. Diese Auszeichnung führt sie nun als Beweis dafür an, daß die Vorwürfe ihrer NS-Verstrickung haltlos seien. Stolz schmetterte sie Anfragen nach ihrer Nazi-Vergangenheit ab: "Ich bedaure nichts in meinem Leben. Es war ein wundervolles Leben, und das kann man in meinen Aufnahmen hören." Alan Jefferson wundert sich, "warum sie immer noch ihre Nazi- Vergangenheit verleugnet. Die ist einfach lächerlich. Ich gehöre zu ihren großen Bewunderern und möchte sie nicht verärgern. Aber ich kann diesen Teil ihrer Geschichte nicht verschweigen." Alan Jefferson: Elisabeth Schwarzkopf. Gollancz-Verlag, London 1996. +++