Alban Nikolai Herbst ist ein auffälliger Typ, auch im Literaturbetrieb, der an auffälligen Typen nicht arm ist. Der stets tadellos gekleidete, hochgewachsene Glatzkopf gilt, obschon bereits Anfang der fünfzig, als angry young man, ist tatsächlich mitunter aufbrausend, wie man in seinem Weblog "Die Dschungel. Anderswelt", den er seit nunmehr fünf Jahren täglich aktualisiert, verfolgen kann. Er scheut nicht davor zurück, sich die Granden des Literaturbetriebs zu Feinden zu machen, zeigt Zorn, ist aber oftmals auch der Einzige, der die üblichen Mauschelein anprangert. Duckmäuserisch ist er nicht.2003 veröffentlichte er den Roman "Meere", der kaum, dass er erschienen war, bereits wieder verboten worden ist. Eine frühere Freundin Herbsts glaubte sich in dem Buch wiedererkennen zu können, und erwirkte ein Verbot zum Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte. So wurde "Meere" ein berühmter Roman, den niemand gelesen hatte, hinter dem Skandal verschwand die Literatur. Im letzten Jahr einigten sich die Klägerin und der Autor; eine neue Fassung liegt nun, nachdem sie schon in der Literaturzeitung "Volltext" abgedruckt worden ist, in Buchform vor.Und was steht nun in diesem Roman? "Meere" ist ein Werk, das sehr provokant mit autobiografischen Elementen spielt. Herbst, der als Alexander von Ribbentrop geboren worden ist, und einen Kriegsverbrecher zum Großonkel hat, erfindet den Maler "Fichte", der eigentlich Julian von Kalkreuth heißt, hier ist der Großvater der Kriegsverbrecher. Der junge von Kalkreuth litt unter dem Namen, bis er ihn ablegte und sich als Künstler Fichte neu erfand. Nun begegnet dieser vierzigjährige Künstler der blutjungen Halbinderin Irene Adhanari-Jessen und beginnt mit ihr eine Affäre. Herbst präsentiert seinem Leser zig offenherzige Sexdarstellungen, zeigt aber zugleich, dass sich Irene und der Künstler-Mann-Macho, als der sich Fichte inszeniert, nicht zusammenfinden können. Während sie das Wasser liebt, will er formen und fassen und in Dreck und Farbe wühlen - und sich in Frauenkörpern ergießen. Auch als der gemeinsame Sohn geboren wird, findet Fichte nicht zu ihr. Er setzt sie seinen Zornausbrüchen und seinen Affären aus. Erst als sie ihn verlässt, einen zuverlässigeren Liebhaber findet, bricht er zusammen, zieht sich an die Mittelmeerküste zurück, leckt seine Wunden, und versucht zu verstehen, wer sie, mehr noch, wer er ist.Der Autor schafft es dabei, auch durch einen ständigen mäandernden Perspektivwechsel den Männlichkeitswahn dieses Malers der Lächerlichkeit preis zu geben, ohne seine Figur zu verraten. Zugleich lässt er uns am Liebeskummer Fichtes teilhaben, an dessen Ende zwar keine Erkenntnis steht, aber zumindest eine Selbstbesinnung."Meere" ist weniger eine Liebesgeschichte, als eine Beschreibung des an seiner Männlichkeit irre werdenden Mannes. Und die gibt Alban Nikolai Herbst mit so viel Nachdruck, dass man "Meere" einfach einen tollen Roman nennen muss, so sehr einen auch einzelne Passagen abstoßen mögen. Denn selbst die sind zur Darstellung des Mannmonsters nötig. Es ist zu begrüßen, wenn "Meere" nun endlich als literarisches Werk anerkannt wird, und nicht mehr nur als Gegenstand eines Literaturskandals.------------------------------Foto: Alban Nikolai Herbst: Meere.Axel Dielmann, Frankfurt am Main 2008. 232 S., 20 Euro.