OTRANTO, im November. Der Schnellzug kommt nur bis Lecce. Von dort dringen nur noch Bummelzüge tief in den Absatz des italienischen Stiefels bis nach Maglie vor. Ein dieselbetriebenes, ächzendes Schienengerät nimmt von hier den Weg nach Otranto, wo die Gleise vollends im Gras verschwinden. Otranto ist Endstation. Vom kleinen Hafenbecken der Stadt aus sieht man ohne Mühe bis Albanien. Nur 71 Kilometer trennen Italien hier vom Nachbarland.Hinter der Ufermauer liegen gut getarnt vier beige Blechcontainer. Das kleine Auffanglager für Flüchtlinge steht jetzt fast leer. Nur zwei bärtige Männer hocken gekrümmt auf den weißen Plastikbänken vor den Hütten und warten darauf, in eines der ständigen Auffanglager im Land transportiert zu werden. Kürzlich sind ein paar Kollegen von ihnen sogar bis in die Toscana verfrachtet worden, andere nach Sizilien. Mit den beiden zu sprechen ist verboten, sagt der grimmige Carabiniere.Superschnelle BooteSeit die Schlepper ihre Operationsbasis von Durazzo nach Valona im Süden Albaniens verlegt haben, ist Otranto zur Drehscheibe des italienischen Flüchtlingsdramas geworden. Bisher haben die "Sklavenhändler", wie Italiens Ministerpräsident D Alema sie nennt, ihre kurdischen, albanischen und pakistanischen "Kunden" meist bei Bari und Brindisi an Land gesetzt, seltener im Süden Apuliens. Doch wer illegale Geschäfte macht, muß flexibel sein, und die Überwachungsmaßnahmen zu Wasser und zu Land waren im Norden offenbar zu rigid geworden.Im Hafenbecken lagert das Beutegut der Küstenwache. Lange vorbei sind die Zeiten der rostigen Frachtschiffe und überladenen Fischerkähne, die zu Anfang der neunziger Jahre ihre Menschenladungen an Italiens Küsten entleerten. Auch die Schlepper haben aufgerüstet. Ihre Schiffe sehen aus wie Schlauchboote, sind im Kern aber aus Polyester gebaut. Den oberen Rand säumt ein aufblasbarer Gummiring, der das Boot auf hoher See stabilisiert und beim Anlegen als Puffer dient. Zwei schwere Motoren, die zusammen eine Schubkraft von bis zu 300 PS bringen, erleichtern Fluchtmanöver. Die wendigen Boote sind allemal schneller als die behäbigen grauen Patrouillenboote der Italiener.Leutnant Pietro Spano arbeitet für die Finanzpolizei und befehligt eines der hier vertäuten Schiffe. In Italien hat jede Formation ihre eigene Flotte die Finanzpolizei, die Carabinieri, die Küstenwache und die Polizei. Nur scheinbar friedlich liegen ihre Schiffe nebeneinander im Hafen, stets bereit, Jagd auf die "Schlauchboote" zu machen.Der starke Wind beschert Leutnant Spano heute einen angenehmen Tag. Unter diesen Umständen riskiert keiner der Schlepper die Ausfahrt, und auch die Fänger können im Hafen bleiben. Gegen Mittag füllt der junge Offizier dann sein Boot mit Journalisten, die wissen wollen, wie man Albaner fängt und außerdem Bildmaterial brauchen, auch wenn nichts los ist.Sie bekommen, was sie suchen. Kamera ab: Leutnant Spano jagt die "Vindemia". Der Frachter aus Malta zieht gemächlich an Otranto vorbei, die "Guardia di Finanza" nimmt die Verfolgung auf. Im Kielwasser angelangt, begibt sich der Leutnant mit den TV-Teams an Deck und spricht aufgeregt in sein Funkgerät. "Überprüfen sie bitte das Schiff Vindemia." Die Kameras surren. "Warum glauben Sie, daß dieses Schiff nicht das ,Känguruh-Boot ist, von dem alle sprechen?" fragt einer der Journalisten. Seit Tagen sind die Zeitungen voll von Gerüchten, irgendwo vor der Küste Albaniens kreuze ein Frachtschiff, dessen Bauch voller Flüchtlinge ist, die direkt von dort aus in kleinen Gruppen in den Schlauchbooten abtransportiert werden. "Das Känguruh-Boot würde sich kaum in internationalen Gewässern bewegen", antwortet der Leutnant. Das Entern entfällt zum Bedauern der Kameramänner.Es war ein Unfall, der das Flüchtlingsthema nach längerer Pause wieder ins Zentrum des Interesses der Medien rückte. In tiefer Nacht war ein voll beladenes Schlauchboot unbeleuchtet gegen ein aus Italien zurückkehrendes leeres Schlepperschiff geprallt und gesunken. Sechs Menschen fanden den Tod, zwanzig konnten sich retten. Eine junge Frau klammerte sich mit ihrem Kleinkind am Arm stundenlang an die Reste des Boots, ehe sie gerettet wurde. An jenem Unglückswochenende versuchten rund 600 Menschen die Flucht nach Italien, ein neuer Höhepunkt.Die neue italienische Innenministerin Rosa Russo Jervolino schlug in Tirana vor, in Albanien italienische Polizei zu stationieren, die gemeinsam mit den lokalen Sicherheitskräften die Banden am Ausfahren hindern soll. Die Albaner stimmten zu, sichtlich erleichtert über die Unterstützung im Kampf gegen ein Phänomen, das sich von Anbeginn jeder Kontrolle entzogen hatte. Die superschnellen Schlauchboote sollen in Albanien demnächst gesetzlich verboten werden. Zur Begrüßung der Italienerin setzten die Albaner demonstrativ den korrupten Polizeichef von Tirana ab, der mit den Schleppern zusammengearbeitet haben soll.Die DrohungDie Italiener werden es schwer haben im Land der Adler. Ihren Gegnern fehlt jedes Unrechtsbewußtsein, sie nahmen die Herausforderung an. Vor laufender TV-Kamera erklärten fünf junge Männer am Rand ihres Boots sitzend, mit dem Menschentransport ließe sich gut verdienen und schließlich müßten auch sie ihre Familien ernähren. "Sollte die Italienische Polizei auf den Gedanken kommen, auf uns zu schießen, sähen wir uns gezwungen, das Feuer zu erwidern", sagte einer von ihnen. Ihre Gesichter zu verdecken, schien den Schleppern nicht der Mühe wert. Die verschreckten Flüchtlinge kommen in ein anderes Italien als ihre Vorgänger vor einem Jahr. Seit Italiens Küsten Schengen-Außengrenze sind, hat sich das Klima deutlich verschärft. Das überfüllte Caritas-Ferienheim "Regina Pacis" im Norden von Otranto, wo einst fröhliche Hilfsbereitschaft dominierte, wird heute von Carabinieri gesichert. Besuche und Interviews sind untersagt. Im betonierten Vorhof gehen bedrückte Menschen auf und ab. Sie haben 1 000 Dollar in die Flucht investiert, manche noch viel mehr. Das neue Gesetz gesteht ihnen dafür 30 Tage in Italien zu bis zur Abschiebung.All das liefert freilich der neuen Ministerin kein Argument, von den übrigen Europäischen Staaten besondere Unterstützung zu verlangen. Frau Jervolinos Vorgänger hatte zur Relativierung der sommerlichen Flüchtlingslandungen auf den südlichen Inseln Italiens auf Deutschlands Grenze zu Polen und zur tschechischen Republik verwiesen. Dort kämen weit mehr Menschen illegal in die EU als via Italien, hatte Giorgio Napolitano damals beruhigend angemerkt. Nun kehrt sich Napolitanos Argument gegen seine Nachfolgerin im Amt. Wenn dem so ist, gibt es keinen Grund, ausgerechnet von Deutschland besondere Hilfe zu erwarten.Genau das aber erwartete die Ministerin, als sie Ende vergangener Woche nach Wien zum Treffen der europäischen Innenminister fuhr. In Wien sah sich die Italienerin mit dem gesamteuropäischen Zahlenmaterial konfrontiert und mußte ihre Forderungen modifizieren. Von den 250 000 Asylanträgen, die in der EU 1997 registriert wurden, richteten sich allein 104 400 an Deutschland. Im selben Zeitraum ersuchten lediglich 1 880 Menschen um Asyl in Italien, nur 379 wurden tatsächlich aufgenommen."Die Panikmache geht von Medien und Politikern aus", mußte sich die neue Ministerin ausgerechnet von der Europäischen Menschenrechtskommissarin Emma Bonino sagen lassen, der man als Italienerin kaum mangelnde Kenntnis der Lage vorwerfen kann. Die Flüchtlingsströme während des Bosnienkonflikts seien in erster Linie von Deutschland aufgenommen worden, und was die offene Meeresgrenze betrifft, sei Spanien härter betroffen als Italien, sagte die Kommissarin vorige Woche in Tirana.Hilfe aus dem KlosterIm Dom zu Otranto führt Don Grazio wieder einmal Touristen durch seine Kirche. Sein Gotteshaus birgt die Gebeine von 800 Christen, die vor 500 Jahren hier von den Krummsäbeln der türkischen Eroberern geköpft wurden. Gesäumt von Schenkelknochen, Beckenteilen und Rippen liegen die Schädel der Märtyrer in hohen Vitrinen in einer Seitenkapelle des Gotteshauses. Auf dem Hügel, wo sie einst ermordet wurden, steht heute ein Kloster. Hier falten die Freiwilligen der katholischen Hilfsorganisation "Misericordia" Babyhemden und alte Kleider, die sie für die Flüchtlinge gesammelt haben. Die 80 Helfer sind gut eingespielt, sie tun das seit sechs Jahren. Neu ist für sie nur, daß auch einmal Journalisten danach fragen. Und der Staat? "Der Staat schläft", sagt Don Grazio, der seiner Pfarre seit 1956 vorsteht. Dann wendet er sich wieder dem rätselhaften Bodenmosaik zu, das sein ganzer Stolz ist. Seit 800 Jahren verkündet es eine multikulturelle Kosmologie und Erlösungslehre. Es kombiniert die Schöpfungsmythen der Griechen, der Juden, der Christen. Heldengestalten wie König Artus und Alexander der Große finden ihren Platz in dem riesigen Lebensbaum der Menschheit. Der große Mazedonier kommt dem Pfarrer in den Sinn, wenn er an die Flüchtlinge denkt: "Nun, da die Kriege zu Ende gehen, wünsche ich euch, daß ihr in Eintracht lebt wie ein einziges Volk, für den gemeinsamen Fortschritt", hatte Alexander der Große vor 9 000 Vertretern seiner unterschiedlichen Völkerschaften vor 2 322 Jahren gesagt.